Gschobe #72

0,4 Sekunden in der Besenkammer zu versteigern

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 46 und 49, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell David, Lehrer, Speicher AR Tobias, Consultant, Zürich Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG François, Journalist, Windisch.

Pius: Verlierer! Wo man hinschaut, nur Verlierer. Boris Becker, unsere Eishockeyaner, Gianni Infantino, Murat Yakin – Verlierer, allesamt.

David: Wo ein Verlierer, ist auch ein Sieger.

Pius: Schon, aber die Sieger interessieren im Moment nicht so wahnsinnig.

François: Nietzsche sagte mal: Kein Sieger glaubt an den Zufall. Vielleicht gründet gerade darin dein Interesse an den Verlierern.

Pius: Mag sein. Im besten Fall räumt der Verlierer ein, nicht unverdient gewonnen zu haben.

Flavio: Was soll man da entgegnen? Schliesslich hat der Sieger immer recht.

Tobias: Klar. 0,4 Sekunden vor Schluss den Ausgleich zu kassieren, ist unfassbar bitter. Da gibt  es tausend Ansätze, was die Schweizer Eishockeyaner allein in der letzten Sekunde hätten besser machen können. Die Kanadier hingegen stellen sich diese Frage nicht.

David: 0,4 Sekunden, das ist etwa ein Lidschlag. Kaum wahrnehmbar. Ein Drama sondergleichen. Einfach nur absurd.

Tobias: Und traurig, weil die Schweizer eine fantastische Mannschaft haben. Qualitativ sowieso, aber auch punkto Mentalität und Charakter. Es ist begeisternd und mitreissend, wie sie sich auf und neben dem Eis präsentieren. Anders als die Fussballer, die haben seit ihrem Achtelfinal-Out an der EM 2016 nicht mehr berührt.

Flavio: Verlierer sind halt oft gewinnender als Sieger. Sollten wir also nicht auch über Boris Becker reden?

David: Becker? Sieger im Nebenamt? Erfinder des Besenkammer-Beischlafs? Gewiss ein tragischer Fall. Aber berührend? Ich weiss nicht.

Pius: Ausserdem blieben ihm mehr als 0,4 Sekunden, um alles zu verlieren.

François: Trotzdem. Boris Becker ist irgendwie auch ein bemitleidenswerter Kerl. Kaum der hellste Stern. Aber halt schon mit 17 der wohl populärste Deutsche. Da muss man sich nicht wundern, wenn er schon als Teenager die Haltung verinnerlicht: Leute, was kostet die Welt?

Tobias: Absolut. Und stellt euch mal vor, wie erniedrigend das für Becker sein muss. Drei Tage vor dem Wimbledon-Final – also jener Partie, die ihn mit 17 zum Weltstar katapultierte – werden 82 Gegenstände aus seinem Besitz versteigert.

François: Wobei es aus Sicht des Auktionshauses keinen besseren Zeitpunkt gibt, den Preis für Beckers Pokale und Trophäen zu maximieren, während London im Tennisfieber ist.

Flavio: Die Niederlagen kommerzialisieren, das ist ein neues Businessmodell.

Pius: Im Fall von Boris Becker scheinst du durchaus recht zu haben. Aber wie willst du beispielsweise die Schweizer Niederlage gegen Kanada zu Geld machen? Was rätst du Gianni Infantino? Und was Murat Yakin?

Flavio: Bei Infantino liegt es auf der Hand. Er ist mit seiner 48 Teilnehmer umfassenden Mega-WM abgeblitzt. Er könnte eine Mini-WM für 2022 versteigern. Also eine WM mit jenen 16 Teams, die nun doch nicht wie einst von Infantino versprochen nach Katar fahren dürfen. Und da in Katar ja im Winter gespielt wird, könnte die 16-er-Mini-WM sogar traditionell im Sommer stattfinden.

Pius: Und Yakin?

Flavio: Er könnte den von Constantin versprochenen Sprachaufenthalt versteigern. Oder 0,4 Sekunden mit Constantin in der Besenkammer. Die beiden hatten sich doch mal ziemlich lieb.

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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