Porträt

Sandra Huber ist die neue Gemeindepräsidentin von Lengnau: «Wir stehen vor einigen Aufgaben in nächster Zeit»

Sandra Huber ist die erste Frau in der Geschichte von Lengnau, die zur Gemeindepräsidentin gewählt wurde.

Sandra Huber ist die erste Frau in der Geschichte von Lengnau, die zur Gemeindepräsidentin gewählt wurde.

Sandra Huber-Müller rechnete mit einem zweiten Wahlgang um das Gemeindepräsidentenamt. Es blieb bei der ersten Wahlrunde zwischen zwei Männern und ihr. Mit 900 Stimmen erreichte sie das absolute Mehr spielend und läutet als erste Gemeindepräsidentin eine neue Ära ein. Gleichzeitig beendete sie die bürgerliche Vorherrschaft um das Amt.

Wir treffen die neue Gemeindepräsidentin von Lengnau in ihrem schmucken Heim am Läusliweg. Vor 17,5 Jahren ist sie mit ihrem Mann Sascha und Sohn Jannis hier eingezogen. Sie blickt versonnen aus dem Fenster: «Es ist schön hier – ruhig und beschaulich». Auch wenn im Dezember der Blick in den Garten nicht gleich ist wie zur Blütezeit, so wird der Hang zum grünen Daumen spürbar. Vor allem bei Sandra Huber. In einer Selbstverständlichkeit erzählt sie, wie sie jährlich die Sträucher selbst zurückschneidet und auch mal einen Baum fällt, wenn es nötig ist. Handwerkliche Arbeiten seien für sie ein wertvoller Ausgleich zum stressigen Alltag und sie könne sich dabei gut entspannen. Am liebsten lauscht sie während solchen Arbeiten Hörbücher oder aktuelle Informationssendungen.

Gestohlen habe sie ihr handwerkliches Geschick nicht. «Mein Vater», sagt sie, «hat auch sehr viel selber gemacht.»

Aufgewachsen in Grenchen umgezogen nach Lengnau

Ihr Grossvater siedelte einst von Brunnen im Kanton Schwyz ins jurassische Grandval um, wo er eine Getreidemühle betrieb. Die Eltern von Sandra Huber lernten sich in Grenchen kennen. Der Vater erhielt eine Anstellung in der Uhrenindustrie. In Grenchen wuchs die heutige Lengnauerin auf und ging dort zur Schule. Später absolvierte sie erfolgreich eine kaufmännische Lehre und arbeitete im Anschluss unter anderem im Spital Grenchen als Direktionsassistentin; später als Geschäftsführerin der Stiftung zur Organisation der Arbeitswelt im Kanton Solothurn für Gesundheitsberufe. Ihr Mann stammt aus der Nachbargemeinde Bettlach und zog mit ihr und dem Sohn 2002 in den Kanton Bern. «Wir suchten damals ein Eigenheim und haben es hier in Lengnau gefunden.» Heute spricht sie von Lengnau, als hätte sie nie woanders gelebt. Sie habe sich rasch eingelebt in diesem für sie überaus dynamischen Ort, der in den letzten knapp 20 Jahren stetig gewachsen sei. Das Stadtleben vermisse sie nicht. Im Gegenteil. «Ich schätzte vom ersten Moment an die persönlichen Kontakte». Selbst beim ersten Aufeinandertreffen habe man sich freundlich gegrüsst. Das war sie sich von der Stadt nicht unbedingt gewohnt.

Sandra Huber wird von ihrem Umfeld als empathische Frau beschrieben. Das brachte ihr nicht nur viel Sympathien ein, sondern auch einen offenen Zugang in das aktive Dorfleben. Sie engagierte sich in der Feuerwehr, später auch beim Fussballklub Lengnau, beim Ferienpass und im Bildungsbereich. Ihr Interesse wuchs so auch zunehmend an der politischen Arbeit. Als Tochter einer Arbeiterfamilie favorisierte sie die Werte und die Politik der Sozialdemokratischen Partei. Als Mitglied des Abstimmungs- und Wahlausschusses, der Ortsplanungskommission und der Volkswirtschaftskommission lebte sie sich vermehrt in den politischen Alltag der Gemeinde ein.

Gut vernetzt als Frau und Mutter

Als die Familie Huber nach Lengnau zog, war ihr Sohn eineinhalb Jahre alt. «Just an seinem neunzehnten Geburtstag», schmunzelt Sandra Huber, «wurde ich als Gemeindepräsidentin gewählt». Sie schreibt die rasche Eingliederung und gute Vernetzung im Dorf ihrer starken Anbindung an die Dorfgemeinschaft zu, die sich als engagierte Frau und Mutter automatisch ergab. Das Angebot von Ferienpasskursen machte Sandra Huber besonders Spass. Sandra Huber wurde aktiv für die Kinder- und Elternbewegung. Mit Liselotte Köhles baute sie den Lengnauer Eltern-Kind-Treff auf und engagiert sich gleichzeitig für das Seniorennetzwerk, das sie mit aktiven Seniorinnen und Senioren ins Leben gerufen hat. In gemeinsamer Arbeit entwickelte man in der Folge ein Alterskonzept und -leitbild.

Prioritäten anders setzen und doch nichts ändern

Sandra Huber ist in Kaderfunktion auch Mitglied der Feuerwehr Lengnau-Pieterlen-Meinisberg (LEPIME). Durch ihre Wahl zur Gemeindepräsidentin setzt sie nun andere Prioritäten und trat auf den 31. Dezember 2019 als Chef Ausbildung und Kommandomitglied zurück. Sie wird den nachrückenden Chef Ausbildung jedoch noch als dessen Stellvertretung unterstützen und auch im Korps als Offizier und Einsatzleiter in der Feuerwehr LEPIME tätig bleiben. Dies auch, weil sie als Feuerwehrinstruktorin schweizweit Kurse leitet und auf dem neusten Stand bleiben will.

Sandra Huber ist bestrebt, sich schnell in ihre neue Rolle als Vorsitzende des Gemeinderates einzuleben. «Ich will aber nicht alles ändern», sagt sie. Sie war in der vergangenen Legislatur während dreieinhalb Jahren Vizegemeindepräsidentin und habe so viele Erfahrungen sammeln können und den Ratsbetrieb bereits kennengelernt. Die Zusammenarbeit mit ihrem Vorgänger Max Wolf und den übrigen Gemeinderäten sei äusserst angenehm und konstruktiv gewesen. Als Departementsvorsteherin Soziale Wohlfahrt setzte sie ihren Fokus vor allem in diesem Bereich. Künftig werde sie sich vermehrt den übergreifenden Themen widmen und Wert auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung und ihren Ratskollegen legen.

Erste Frau an der Spitze in der Geschichte Lengnaus

Sandra Huber ist nicht nur die erste Gemeindepräsidentin in der Geschichte der Einwohnergemeinde Lengnau, sondern auch die einzige Frau im Rat. Sie lacht. «Ich bin mir das gewohnt. Ich war bereits während meiner kaufmännischen Lehre sowie bei der ersten und zweiten Arbeitsstelle praktisch die einzige Frau».

Sandra Huber freut sich sehr auf ihre neue Tätigkeit, die ihr vermehrt erlauben wird, sich noch vertiefter ins Tagesgeschäft einzulesen. Sie nennt ein Beispiel: «In den letzten Tagen habe ich mich vertieft mit dem Bauinventar schützenswerter Objekte und der Geschichte von unserem Ort befasst». Der Schutz oder der Erhalt von gewissen Objekten oder Liegenschaften sei ihr ein Anliegen. «Warum?» stellt sie die Frage gleich selber. «Bevor man definitiv etwas ändert, muss man einen solchen Entscheid immer überprüfen». Sie hat in ihrer Heimatstadt erlebt, was es heisst, wenn man historische Gebäude niederreisst und so den Charakter einer Gemeinde verändert. «Mit dem Erhalt der Turnhallen in Lengnau zollen wir früheren Generationen unseren Respekt». Sie weiss, dass ein solches Ansinnen nicht immer leicht durchzusetzen ist. «Es braucht einfach glaubhafte und gute Argumente, die zu erwägen sind», umschreibt sie zugleich ihr politisches Credo.

Seit 2002 ist die Einwohnergemeinde Lengnau um knapp 1000 Einwohner gewachsen. Es braucht mehr Wohn- und Schulraum und durch die bis vor zwei Jahren überaus dynamische Zuwanderung und Migration sind neue Herausforderungen auf die Gemeinde zugekommen. Sie ist froh, dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger dem Kredit für die geplante Sanierung der alten Turnhallen und Schaffung von zusätzlichem Schulraum zugestimmt haben.

Herausforderungen werden immer grösser

Die Migrationsfrage betrachtet Sandra Huber differenziert. «Als Direktionsassistentin des Spitals Grenchen mit vielen Aufgaben im Personalwesen habe ich die Problematik der fehlenden Ressourcen im Gesundheitsbereich kennen gelernt. Ohne ausländische Arbeitskräfte hätten wir noch mehr davon gehabt – damals wie heute». Auf der anderen Seite ist die Integration der ausländischen Kinder und Jugendlichen in unsere Gesellschaft mit geeigneten Massnahmen und niederschwelligen Angeboten zu fördern. Mit einer grösser werdenden Gemeinde wachsen auch die verschiedenen Anliegen der Bevölkerung und damit die Herausforderungen der Politik, alle Interessen unter einen Hut bringen.
«Wir stehen vor einigen Aufgaben in nächster Zeit», sinniert Sandra Huber. Sie meint damit nicht in erster Linie nur diejenigen der Gemeinde, die sie seit dem 1. Januar präsidiert. Sie schneidet auch das unvermeidliche Thema «Umwelt» an. Sandra Huber sieht das Heil nicht primär in Eingriffen des Staates, sondern jede Bürgerin und jeder Bürger müsse sich selber überlegen, was mit kleinen Schritten und Verhaltensänderungen zur Verbesserung der Umwelt beigetragen werden könne. «Wir tragen letztlich die Verantwortung für uns selber, aber auch für uns alle».

Hinweis
Der Text ist in einer ausführlicheren Version in der Dorfzeitung "Lengnauer Notizen" erschienen

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