Dann ist er da. Der Moment, an dem Lehrer Michael Bieri gemein sein muss, wie er mit ernster Miene sagt. Die Eltern werden nach gut einer Stunde Unterricht aus dem Schulzimmer geschickt.

Obwohl die Jüngeren der 1./2. Klasse in Bolken schon zwei Kindergartenjahre hinter sich haben, ist dieser Moment für einige von ihnen doch speziell. Sie umarmen ihre Eltern. Einige Tränen fliessen. Ein letzter Kuss.

Den Bolknern und Bolknerinnen droht ebenfalls ein Abschied. Das Schulhaus mit dem spitzen Türmchen mitten im Dorf ist als Standort innerhalb der Regionalen Schule Äusseres Wasseramt gefährdet.

«Natürlich beschäftigt man sich damit», sagt eine junge Mutter, die gestern Morgen ihr Kind an ihrem Wohnort einschulen lässt und nicht weiss, ob das Kind im nächsten Jahr nicht ins Nachbardorf zur Schule gehen muss. «Aber wir werden kaum etwas dazu sagen können. Das entscheidet der Kanton.»

Wirrwarr bei der Platzwahl

Minuten nach dem Abschiedskuss ist der dramatische Augenblick schon vergessen. Lehrer Bieri verteilt Schulhefte und Bücher.

Er kennt die Namen seiner Schutzbefohlenen bereits bestens. Im letzten Schuljahr unterrichtet er zeitweise die aktuellen Zweitklässler. Mit den Erstklässlern gab es einen Kennenlerntag.

Die acht Erst- und die acht Zweitklässler freuen sich über den Schulstoff, blättern in den Büchern, bemalen die erhaltene Schulmaterialschachtel oder necken die Nachbarn. Trotz der allgemeinen Aufregung werden die Anweisungen des Lehrers von den meisten nebenbei registriert.

«Eins!» Reflexartig verstummen die Schülerinnen und Schüler. «Zwei!» Sie klatschen in die Hände. «Drei!» Sie verschränken die Arme und wollen nun hören, was Michael Bieri ihnen erklären will.

Er hat sich mit dieser von ihm zuvor in der Sitzrunde eingeführten Regel etwas Ruhe verschaffen können. Der Unterricht zweier Altersstufen in einer Klasse erfordert viel Geduld und Respekt. Etwas, was die Kinder im Laufe des Schuljahres noch lernen werden.

Die Eltern schmunzeln über so viel Beflissenheit ihrer Kinder, zücken den Fotoapparat und machen Fotos vom ersten Schultag ihrer Kinder. Etwa vom Wirrwarr, als der Lehrer die Kinder bittet, sich neu zu platzieren, damit die Erst- sowie die Zweitklässler zusammensitzen. Grösstenteils schaffen es die Schüler selber, die Plätze zu tauschen.

«Das wird diktiert»

Der junge Vater gebraucht einen Kraftausdruck, um seinem Ärger über die drohende Schulstandortschliessung Ausdruck zu verleihen. «Ich habe einfach Mühe damit, dass man solche Entscheidungen einzig auf die Anzahl der Kinder abstützt und knallhart einen Schulstandort schliessen will.»

Aus Sicht der Kinder mache es keinen Sinn, «wenn ein Erstklässler, ich übertreibe jetzt, zehn Kilometer Schulweg hat». Man soll den Dörfern die Schule lassen.» Klar hoffe er auf eine andere Lösung. «Aber eben, da wird man wahrscheinlich nicht darum herumkommen. Das wird diktiert.»

«Ziel ist es natürlich alle Schulstandorte zu erhalten», sagt der neue Schulleiter Christian Wyss der Regionalen Schule Äusseres Wasseramt, der an diesem Morgen den Unterricht von Michael Bieri besucht.

Er wird sich mit Vertretern des Volksschulamtes treffen und die Situation besprechen. «Wir suchen eine enge Zusammenarbeit mit dem Amt.» Seine Munition sei die Statistik der Schülerzahlen, welche diverse Möglichkeiten offen liessen.

«Aber eben, die grossen Schwankungen der Schülerzahlen bereiten uns auch Probleme. Manchmal hat Bolken nur wenige Kinder pro Jahrgang. Aber das war schon immer so.»

Vor der grossen Pause verteilt Lehrer Michael Bieri die Ämtli. Er führt die Klasse gemeinsam mit Caroline Nyffeler und arbeitet ein halbes Pensum. Denn bald beginnt der ehemalige Tennislehrer das vom Kanton angebotene Quereinsteigerstudium.

Die Schülerinnen und Schüler machen bei der Ämtlivergabe eifrig mit, ausser beim Aufwischen. Das mag niemand freiwillig machen. Lehrer Bieri muss wieder «gemein» werden und zwei bestimmen. Die betroffenen Schüler nehmen es gelassen.