Bellach

Erst als Pensionär griff er wieder zu Pinsel und Farbe

Siegfried Gasser stellt in der Leuenmatte aus. Nach einer Fotografie malte er als 75-Jähriger seine Frau als Jungvermählte.

Siegfried Gasser stellt in der Leuenmatte aus. Nach einer Fotografie malte er als 75-Jähriger seine Frau als Jungvermählte.

Der 83-jährige Siegfried Gasser stellt zum ersten Mal seine Werke aus. Als Gymnasiast zeichnete und malte er mit grossem Talent. Dann verschrieb sich der Elektro-Ingenieur der Technik und griff erst als Pensionär wieder zu Pinsel und Farbe.

Nach dem ETH-Studium vernachlässigte Siegfried Gasser die Staffelei, konzentrierte sich in der Autophon und späteren Ascom auf Flug- und Zugmeldeanlagen, digitale Telefonie, gründete eine Familie und fand im Schreiben ein Ventil für seine Kreativität. Jahre, in denen sich der Allrounder von der Kunst des Fotografierens, des Filmens und nicht zuletzt den Möglichkeiten des Computers faszinieren liess.

Der Malerei wandte er sich erst nach der Pensionierung wieder aktiv zu. Dabei eröffneten sich ihm nach der Schaffenspause nicht nur neue Horizonte, sondern er kehrte auch zu Motiven seiner Jugend zurück. Entstanden ist so auch das Ölgemälde «Meine Frau im Latium». «Als Jungverheirateter habe ich meine Frau fotografiert und als 75-jähriger das Bild nach dem Foto gemalt», schmunzelt Siegfried Gasser.

Vielerlei Stilrichtungen

Die aparte Frau in der ärmellosen Bluse und der leichten Sommerhose räkelt sich auf der Picknickdecke, erinnert im Ausdruck an den Stil von Edouard Manet. Daneben schlagen idyllische Landschaften in teilweise kühnen Farbkompositionen einen Bogen von naturwissenschaftlichem Zugang bis zum impressionistischen Modernisieren und kubistischem Surrealismus. Eine Vielfalt, die beeindruckt. Zumal der Künstler bewusst mit allen Stilmitteln und Materialien arbeitet. «Einzig Aquarelle sind keine dabei», erwähnt er beim Rundgang durch die Ausstellung. Eine Technik, die kein Nachbessern erlaubt und so seinem Perfektionsanspruch nicht entspricht.

Ein Qualitätsanspruch, der sich in den Augen der Enkelinnen spiegelt. Porträts, die nicht allein naturgetreu ihre Gesichter abbilden, sondern den ganzen Kosmos frühkindlichen Staunens erfassen. Als Kontrast neben ein Frühwerk positioniert, welches seine Schwester zeigt. Die Zeichnung offenbart, wie exakt und virtuos schon der Jüngling mit Linien, Strichen, Licht und Schatten wirkte. Desgleichen der Linolschnitt «Maria mit Kind», den er 1951 schaffte und der in ein ikonenartiges, mit viel Gold ausgeschmücktes Madonna-Bildnis, mündete. «Mit gotischen Fenstern, die in barocke Kreise eingehen», lächelt Siegfried Gasser. Damit wolle er auf die grenzüberschreitende Liebe der Gottesmutter hinweisen.

Neben den Jugendwerken und den aus dem Erleben der letzten Jahre inspirierten Bildern finden sich Werke, die Motiven früherer Arbeiten aufnehmen. Einem künstlerischen Heimkommen gleich, dass Siegfried Gasser als junger Mensch vermisste. Zumal die Kindheit des 1931 in Basel Geborenen von häufigen Wohnungswechseln geprägt wurde. So besuchte er die erste Primarschulklasse in Zürich, die zweite in München und die dritte in Biberist.

Sekundarschule und Gymnasium absolvierte er in Bern. «Als Banknachbar von Franz Gertsch», erzählt er und erinnert sich an fröhliche Stunden, die er mit dem Jugendkameraden und seiner Familie verbrachte. Einmal sogar gemeinsame Ferien in Adelboden. «Wir waren sehr kunstbeflissen. Als die berühmte Mailänder Ambrosiana-Ausstellung in Schaffhausen gezeigt wurde, wollten wir hinfahren. Da ich es mir nicht leisten konnte, streckte mir Franz Gertsch die Reisekosten vor», erinnert sich Siegfried Gasser.

Ihre Wege haben sich als Erwachsene getrennt. Geblieben ist die Leidenschaft für die Malerei.

Die komplexe Werkschau des reichen Künstlerlebens ist bis zum 26. August im Zentrum Leuenmatt in seiner Wohngemeinde Bellach zu bewundern ist.

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