Entschleunigung

Entspannen auf dem Maultier anstatt beim Yoga

Auf Maultieren kann man wunderbar entschleunigen.

Auf Maultieren kann man wunderbar entschleunigen.

Trix und Ueli Lochmann aus Erlinsbach haben ein ungewöhnliches Hobby: Sie halten Maultiere. Die Tiere sind zwar nichts fürs Prestige. Aber sie bieten Herausforderung – und Entschleunigung pur.

Wer in Erlinsbach wohnt, ob auf der Solothurner oder der Aargauer Seite, hat sie wahrscheinlich schon durchs Dorf trotten sehen: Trix und Ueli Lochmann mit Bonita und Balaika. Er oder sie mag sich dann ein bisschen gewundert haben, weil irgendwas mit diesen Pferden nicht stimmt. Kinder bemerken es meist zuerst. «Lueg, es Rössli», meint das Mami und darauf das Kind: «Das sieht aber eher aus wie ein Esel!»

Richtig beobachtet. Bonita und Balaika sind Maultiere, will heissen: Der Vater war ein Esel, die Mutter war ein Pferd. Sie haben einen dicken Schädel, ein weisses Maul, Zebrastreifen an den Beinen und einen Aalstrich, der über den Rücken verläuft. Und, nicht zu übersehen: die grossen Ohren.

Rund 500 Maultiere gibt es heute noch in der Schweiz. Früher kamen sie in den Bergen zum Einsatz, im Militär werden sie nach wie vor genutzt. Weshalb aber hält man sich zu Hause ein Muli? Trix Lochmann, die mit ihrem Mann im Solothurner Teil von Speuz wohnt, sattelt Bonita. Ich soll mich auf deren Rücken schwingen. Wenig anmutig komme ich ihrer Aufforderung nach. Gleich selber mal testen, was dran ist an den Maultieren.

Ich sitze oben, Trix führt Bonita an der Leine. Trix erzählt, dass Ueli in Erlinsbach aufgewachsen sei, sie selbst ist aus dem Luzernischen. Das Stück Land, das sie geerbt hatten, mochten sie nicht verpachten. Aber was anfangen damit? Strausse züchten? Oder Hochlandrinder? Ueli, der eigentlich auf Motorräder abfuhr, war nach einem Maultierritt im Emmental hin und weg: Mulis mussten her.

Trix Lochmann sagt ihrem Maultier Bonita, wos langgeht.

Trix Lochmann sagt ihrem Maultier Bonita, wos langgeht.

Dicker Schädel

Wir zotteln durch den Wald, Trix hat Bonita fest im Griff. Wobei ich selbst zwar die Zügel in der Hand halte, aber das ist reine Formsache. Ich habe so eine Vermutung, dass ich bei Bonita ohnehin nichts zu melden hätte. Ein Maultier zu erziehen, sei viel Arbeit, sagt Trix. Man müsse ständig dranbleiben. Aber immerhin: Was einmal im Schädel drin sei, sei drin.

Trix meints gut mit mir. Sie lässt Bonita frei laufen, ich darf selber lenken. Gut für Bonita, sie hält abrupt und steckt ihr Maul ins Gras am Wegrand. Offenbar besitze ich keine Führungsqualitäten. Maultiere haben halt ihren eigenen Schädel, klärt mich Trix auf. Stur seien sie deswegen aber nicht. Nur sehr vorsichtig. Und man müsse ihnen gegenüber selbstbewusst und konsequent auftreten. Weil sonst eben: Maul im Gras.

Trix tadelt das Tier, wir zockeln voran. Ihre Kinder im Teenageralter behaupten, sie hätte selbst einen «Muligrind». Aber gegen ein Muli muss man sich schliesslich durchsetzen können. Beharrlich, konsequent, geduldig sein. «Man sieht es den Mulileuten an, die wissen alle, was sie wollen», lacht Trix. Sie selbst habe im Umgang mit den Maultieren Selbstvertrauen aufgebaut. Flexibilität und Spontanität seien auch von Vorteil. Weil Mulis oft anders wollen als man selber. Je nach Tageslaune, je nach Wetter.

Wem sagt sie das, Bonita hat es sich schon wieder am Wegrand gemütlich gemacht. Verfressenes Tier. Ich zerre ein bisschen an den Zügeln, Bonita mampft unbeeindruckt weiter. Pferde sind da einfacher zu handhaben. Trotzdem bieten Maultiere viele Vorzüge: Sie sind freundlich und treu – wenn man sie gut behandelt. Und sehr intelligent. Sind bessere Futterverwerter als Pferde und ausdauernder und robuster als diese. Sie hören gut, haben einen feinen Geruchssinn und sind trittsicher. Schon Napoleon stieg von seinem edlen Ross ab und auf ein Maultier um, als er den Grossen St. Bernhard überquerte.

Fürs Prestige taugen Maultiere aber wenig. «Rösseler reagieren oft fast schon mit Mitleid», bemerkt Trix. Leute hingegen, die mit Pferden nichts am Hut haben, verhielten sich ausgesprochen positiv. «Unterwegs werden wir immer angesprochen. Oft streicheln und liebkosen die Leute die Tiere spontan. Viele fühlen sich extrem hingezogen von ihrem Blick.»

Besser als Yoga

Obwohl mein Muli nicht so will wie ich, bin auch ich ihm sehr zugetan. Auf einem Maultier durch die Landschaft zu ziehen und die Welt von oben zu betrachten, ist Entschleunigung pur. Zwei Stunden sind wir durch den Wald spaziert, ich fühle mich entspannt wie selten. Seit Lochmanns sich die Mulis vor acht Jahren zulegten, kann auch Trix’ Mann Ueli dem Speed und den schweren Maschinen nichts mehr abgewinnen.

Für mich steht fest: Sollte ich mal wieder die Wahl haben zwischen Muliritt und Yogamatte, ich werde mich eindeutig für das Muli entscheiden.

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