Humanitäre Projekte

Zwischen Virus und Hunger: Eine Balsthalerin schildert, wie Indien gegen das Coronavirus ankämpft

Die Balsthalerin Elsbeth Scacchi im Jahr 2018 zu Besuch bei den Lehrerinnen und Lehrern der Schule Intact Schweiz in Vellimalai.

Die Balsthalerin Elsbeth Scacchi im Jahr 2018 zu Besuch bei den Lehrerinnen und Lehrern der Schule Intact Schweiz in Vellimalai.

Intact Schweiz unterstützt humanitäre Projekte in Südindien, auch im Kampf gegen Corona – wie Elsbeth Scacchi aus Balsthal berichtet.

Wir wissen: Das Coronavirus richtet weltweit als Pandemie verheerende Schäden an, und die meisten Länder sind im Lockdown. Covid-19 hat sich rasch in mehr als 200 Ländern auf der ganzen Welt ausgebreitet und das Leben von Millionen von Menschen beeinträchtigt. Und wie steht es zum Beispiel mit Südindien?

In Indien sind mehr als 150'000 Menschen mit dem Virus infiziert, die Zahl der Todesopfer liegt zurzeit bei über 4000. Im Bundesstaat Tamil Nadu, wo Intact Schweiz aktiv ist, sind rund 17'000 Menschen infiziert (Stand 27. Mai), Tendenz steigend, wie aus einem Bericht von Elsbeth Scacchi zu entnehmen ist. Die Balsthalerin ist Gründerin sowie Projektleiterin Indien der Hilfsorganisation Intact Schweiz (Integrated Action Trust) und reist regelmässig in das südasiatische Land. «Das ist neben meinem Beruf und meiner Familie, mein zweites Leben und ich habe dort auch immer an Projekten mitgearbeitet», sagt Elsbeth Scacchi auf Anfrage. Intact Schweiz mit Sitz in Oensingen ist vor allem im indischen Bundesstaat Tamil Nadu im Süden des Subkontinents tätig. Dort ist die Wohltätigkeitsorganisation als solche eingetragen und ist vor allem in den armen Bergdörfern der Kalrayan Hills aktiv.

Neben Corona setzt sich die Gäuer Organisation besonders für die Schulbildung der Mädchen in den Kalrayan Hills ein, da diese immer noch benachteiligt werden. Die Zahlen und Verhältnisse der Infizierten sind im flächenmässig drittgrössten Land Asiens zwar nicht so erschütternd, wenn man die Situation mit mehreren europäischen Ländern und den USA vergleicht. Die Situation in Indien ist aber eine ganz andere. Nur sehr wenige Menschen werden nach den Vorgaben der jeweiligen Regierungen getestet, auch weil es nicht genügend Schnelltests gibt. Die Regierung hatte Schnelltests und persönliche Schutzausrüstungen aus China importiert.

«Wir haben weder Geld noch Essen»

Nun hat aber der Indian Council of Medical Research die Bundesstaaten angewiesen, die Schnelltests nicht mehr zu verwenden, da 75 Prozent von ihnen unpräzise Ergebnisse lieferten. Bislang konnten sich nur Personen mit einer Reisetätigkeit in anderen Ländern einem Test unterziehen. Die indische Regierung griff stattdessen auf die Lockdown-Methode zurück. Das ganze Land ist seit Ende März offiziell aberiegelt und die Massnahme wurde einstweilen bis Mitte Mai verlängert. Alle kleinen und grossen Industrien und Berufe sind zur Untätigkeit verurteilt, die Menschen bleiben zu Hause. Auch Landwirtschaft und kleinere Gewerbe sind zum Stillstand gekommen, was Millionen zu Arbeitslosen macht. Die armen und obdachlosen Menschen stehen vor einem doppelten Problem: Sie müssen sich vor der Verbreitung des Virus schützen und sich gegen den Hunger wappnen.

Einer der Bauern sagte gemäss Intact Schweiz: «Ich weiss nicht, ob ich an Corona oder an Hunger sterben werde. Wir sind vier Wochen lang nicht zur Arbeit gegangen. Wir haben weder Geld noch Essen.» Die Regierung hat Organisationen wie Intact, die beim Innenministerium eingetragen sind, dazu aufgefordert, Menschen mit der Verteilung von Nahrungsmitteln, sanitären Einrichtungen, der Organisation von Gemeinschaftsküchen, Unterkünften und provisorischen Kliniken zu helfen sowie Aufklärungsarbeit zu leisten.

Betroffen sind vor allem die Ureinwohner der Kalrayan-Hills, die sich der Gefahren von Covid-19 zu wenig bewusst sind. Trotz der Abriegelung drängen sie sich auf den Marktplätzen. Ein Team der Intact vor Ort ging in die Dörfer und schulte die Menschen in präventiven Massnahmen wie Körperpflege und sozialer Distanzierung. In der trockenen Sommersaison kommt es zu einer Massenmigration von Stammesfamilien in andere Städte in den Bundestaaten Tamil Nadu und Kerala, um dort saisonale Beschäftigung zu finden. Menschen, welche in die Dörfer zurückkehren, wird empfohlen, sich zwei Wochen lang selbst zu isolieren.

Verbot für Organisationen

5000 Gesichtsmasken werden an Personen verteilt, die am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Dienst tätig sind und Symptome von Erkältung und Husten aufweisen. 1000 Desinfektionsmittel werden an medizinische Mitarbeiter und Freiwillige an der Front verteilt. Die Hilfsmassnahmen wurden durch eine Anordnung der Regierung unterbrochen, welche den Organisationen verbietet, den Menschen in den Dörfern direkt und unbürokratisch zu helfen. Intact ist darauf angewiesen, alle Materialien an die Regierung zu übergeben zu können, weil diese die Verteilung selbst übernimmt. «Seit ungefähr einem Monat kann man da nicht mehr rauf», schildert Scacchi die Lage in den Hügeln. Die Organisation wartet nun darauf, dass diese Einschränkung bald aufgehoben wird.

Eine baldige Rückkehr nach Indien kann sich Scacchi noch überhaupt nicht vorstellen, selbst dann nicht, sollten die Grenzen wieder öffnen. Dafür hat sie auch einen bestimmten Grund: «Im Moment würde ich da nicht einreisen. Die Stimmung gegenüber Weissen ist dort sehr skeptisch.» Trotz der schwierigen Lage ist die Balsthalerin in regelmässigem Kontakt mit den Leuten vor Ort.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1