Büffeln für die letzten Bachelorprüfungen. Wer wie Timo Bernhard an den Stuhl gebunden ist, dem fällt es leichter. Denn nach über 200 Kilometern im Wasser, im Velosattel und zu Fuss, erhebt sich der Wolfwiler momentan nur ungern von seinem Stuhl. Der Muskelkater hat seinen Körper ergriffen. «Die ersten zwanzig Meter sind extrem hart», sagt Bernhard zwei Tage nach den Strapazen. «Auch Jan van Berkel lief nicht mehr allzu dynamisch aufs Podest», erzählt Bernhard und lacht. Der Schweizer Profi-Triathlet gewann den Zürcher Ironman.

Am Sonntag noch flogen die Meter dahin. 10 Stunden und gut 14 Minuten war Bernhard just an seinem 23. Geburtstag am Ironman in Zürich unterwegs. Es war der zweite Rang in seiner Alterskategorie der 18- bis 24-Jährigen. Rund zehn Minuten fehlten Bernhard, um sein Ziel zu erreichen und im Herbst in Hawaii am legendärsten Ironman-Rennen an den Start gehen zu dürfen. Hierfür hätte der Gäuer in Zürich den Sieg gebraucht. Der Schwyzer Philippe Vogt stand ihm vor der Hawaii-Sonne und schnappte sich wie im Vorjahr den Startplatz.

Mann der Extreme: Drei Mal am 100er

Seit vergangenem Dezember ordnete Bernhard seinem Hawaii-Traum alles unter. Der ETH-Mathematikstudent trainierte rund 12 Stunden pro Woche. Absolvierte eine bis zwei Einheiten pro Tag. Schuf sich extra für den Triathlon ein Zeitfahrvelo an, das ohne Sponsorenunterstützung einen tiefen fünfstelligen Betrag gekostet hätte. Um das Abenteuer zu finanzieren, bat Bernhard in seinem Umfeld per Crowdfunding um Unterstützung. Eine Zeit unter zehn Stunden strebte er an. Diese hätte den Weg nach Hawaii geebnet. «Eine Enttäuschung ist auch da – die Freude überwiegt», sagt Bernhard.

Vor einem Jahr erlebte er ebenfalls in Zürich seine Ironman-Premiere. Damals unter schlechten Vorzeichen. Eine Knieentzündung hinderte ihn zwei Monate vor dem Wettkampf am Training. Bernhard ging gleichwohl an den Start und legte die Ironman-Strecke in rund zwölfeinhalb Stunden zurück. Vor allem beim Velofahren hatte ihn die Verletzung derart behindert, dass er auf der Laufstrecke kaum mehr Energien hatte. Das Laufen ist ursprünglich Bernhards Disziplin. Früh schon begeisterte er sich für extreme Langdistanzen. Bereits drei Mal absolvierte er den 100-Kilometer-Lauf von Biel.

Die Nahrung: 25 Gels in einem Tag

In Zürich lief Bernhard am vergangenen Sonntag ausgerechnet in seiner Stammdisziplin dem Fahrplan für die 10-Stunden-Marke hinterher. Er hatte sich erhofft, den Marathon statt in knapp vier Stunden rund 20 Minuten schneller hinter sich zu bringen. Dass ein Marathon sich nach 3,8 geschwommenen Kilometern und 180 Kilometern auf dem Zeitfahrvelo anders anfühlt, musste Bernhard wie schon im Vorjahr konstatieren. «Vielleicht hätte ich ein bisschen langsamer in den Lauf gehen sollen», analysiert Bernhard. Auf den letzten 15 Kilometern des Marathons begann das grosse Leiden. «Die Beine werden unendlich schwer, die Energie nimmt ab», beschreibt er das Gefühl. «Ich rettete mich von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation.»

Seine bei der Ironman-Premiere aufgestellte Zeit pulverisierte er dennoch: Im Vergleich zum Vorjahr verbesserte er sich um 2 Stunden und 15 Minuten. Es sind die Meriten des harten Trainings seit letztem Dezember. Timo Bernhard begann in den Wintermonaten mit Triathlon-Trainer Pascal Frieder zusammenzuarbeiten. Im Zürichseebecken verlor Bernhard auf der 3,8 Kilometer langen Schwimmstrecke bloss fünf Minuten auf die schnellsten Profi-Triathleten und den späteren Sieger Jan van Berkel. Auch auf dem Rennvelo steigerte sich Bernhard innerhalb des letzten Jahres eklatant. Mit einem Stundenmittel von 34,4 Kilometer benötigte er fünfeinviertel Stunden für die mit 1800 Steigungsmetern gespickten 180 Kilometer. Auf der zweiten Runde erfuhr Bernhard einen Schreckmoment. Im Sog einer Vierergruppe legte er die Strecke zwischen Kilometer 90 und 120 mit einer Geschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde zurück. Windschattenfahren ist am Ironman nicht erlaubt: Wer sich dem vorausfahrenden Athleten um mehr als 14 Meter annähert, erhält eine Zeitstrafe, wenn er ihn nicht innerhalb von zwanzig Sekunden überholt. Im folgenden Aufstieg büsste Bernhard für das hohe Tempo: «Plötzlich nahm ich alles verschwommen wahr. Ich hatte kurz Angst, dass ich abbrechen muss.» Mit ein «paar Gels» habe er sich retten und das Tief überwinden können. Insgesamt nahm er über die zehn Stunden deren 25 Gels zu sich. Auf den letzten Kilometern kommt der Tunnelblick. «Dann realisierst du nicht mehr, was links und rechts geschieht», erzählt der Mathematikstudent. Erst auf den letzten beiden Kilometern würden die Schmerzen aufgrund der Euphorie extrem nachlassen. Im Ziel habe er zunächst eine halbe Stunde im Whirlpool gelegen. Die Frage, die Aussenstehende immer wieder stellen, lautet: Weshalb dieses Leiden? Bernhard antwortet mit jener Frage, die ihn antreibt: «Wie weit kann ich gehen?» Im nächsten Jahr könnte er es in Thun wieder versuchen. Ob er sich dies antut, will er sich die nächsten Tage überlegen. «Irgendwie», sagt Bernhard, «habe ich das Gefühl, es nächstes Jahr wieder probieren zu wollen.» Er meint die Reise nach Hawaii.