Stotzig ist’s, am Sunnenberg. Vom Schattenberg aus gesehen fällt die steile Wand der dritten Jurakette wie eine Messerklinge ins Guldental, wo sich zwischen Abhang und Guldentalbach die Scheltenpassstrasse schlängelt. Die Naturgewalt, die der Mensch zu bändigen versucht, kommt von oben: In Form von Steinschlägen – oder dann sind es in den Wintern im rauen Juragebiet oftmals Lawinen.

Revierförster Kilian Bader beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Wald am Sunnenberg. Dieser soll dem Menschen, der die Scheltenpassstrasse als Verkehrsweg nutzt, Schutz bieten. 2012 legte der Kanton seine Schutzwälder fest. Zu ihnen gehört der Wald am Sunnenberg. Vor einem Jahr erklärte Forst Thal der Bevölkerung das Schutzwaldprojekt im Guldental.

Ein Jahr später begutachtet Revierförster Bader das Schutzwaldprojekt auf einer Exkursion mit dem Försterverband Thal-Gäu-Olten-Gösgen. Aus der Ferne dröhnen die Maschinen, die sich mitten im Aushub der Scheltenstrasse befinden. Der Kanton begann im letzten September, einen Teil der Scheltenpassstrasse zu verlegen.

Eine Buche im Kofferraum

Auch ein Schutzwald will gepflegt sein. Dort, wo sich vor zwei Jahren noch der dichte, weitgehend unbewirtschaftete Wald am Brunnersberg durchzog, tun sich jetzt Löcher auf. Nachdem Forst Thal 2017 den Abhang für 150'000 Franken mit zwei Waldwegen erschlossen hatte, begannen die Privatbesitzer des Waldes im letzten Jahr unter der Projektleitung von Forst Thal den Schutzwald zu behandeln. Dabei geht es darum, den Wald zu verjüngen und ihm eine Struktur zu geben, die den Steinschlägen vorbeugt. «Wir müssen auf einer Fläche eine gewisse Stammzahl in der geforderten Dicke aufweisen», sagt Bader. Gelingt dies, wirken die Bäume wie ein Auffangnetz. In einer ersten Etappe entnahmen die Besitzer dem Wald im letzten Jahr 1000 Kubik Holz.

Das Projekt dauert rund sieben Jahre. Während dieser Zeit wird jährlich ein neuer Abschnitt des Waldes bewirtschaftet und verjüngt. «Noch liegen sechs Saisons vor uns. Dann sind wir wieder sechs Mal klüger als jetzt», sagt Bader. Auch der Revierförster ist gespannt, wie sich der Schutzwald durch die Bewirtschaftung entwickeln wird. «Kei Schläck, he», sagt einer unter den Forstleuten und blickt an den stotzigen Sunnenberg hoch. Die Waldbesitzer leisteten – unterstützt durch zwei Forstwarte – Knochenarbeit, pflichtet Bader bei.

Der Schutzwald ist nicht das einzige Projekt am Sunnenberg, mit dem der Kanton in Zusammenarbeit mit Forst Thal vor allem im Ostteil des Guldentals die Sicherheit an der Passstrasse zu erhöhen versucht. Seit dem Hitzesommer 2003 liefen diverse Projekte an. Auslöser war damals ein Waldbrand, der am Abhang des Sunnenbergs entfachte. Die Bäume wiesen Brandschäden auf der Rückseite auf, starben daraufhin ab und wurden zur Gefahr, da sie auf die Strasse stürzten. Nachdem eines Tages eine Buche auf den Kofferraum einer Autolenkerin krachte, sah sich der Kanton gezwungen, zu handeln.

Wie Bader berichtet, entfernte man nach diesem Vorfall innerhalb von sechs Tagen rund 120 Tonnen Buchenholz per Helikopter aus dem Steilhang. «Die Buchen fielen ohne einen Windstoss um», erinnert Bader sich der lauernden Gefahr. Heute mahnt eine Schneise mit ein paar Pionierbaumarten wie der Föhre an den einstigen Waldbrand. Schutznetze minimieren in diesem Bereich den Steinschlag auf die Passstrasse.

Felsblöcke so gross wie ein «Smart»

Weiter passaufwärts ergriffen die Behörden im vergangenen Sommer Sicherheitsmassnahmen. Im untersten Abschnitt des Steilhangs musste der auf einem komplett felsigen Untergrund gewachsene Wald durch einen Kahlschlag entfernt werden, damit Sicherheitsnetze und sogenannte Ogi-Böcke (Holzverbauungen) angebracht werden konnten. 600 Kubik Holz wichen, und liessen den nackten Fels zum Vorschein kommen. «Es sieht relativ brutal aus, das Försterherz schlägt anders», sagt Kilian Bader und blickt auf die Verbauungen. In gewissen Abschnitten kamen am Sunnenberg zeitweise Steinblöcke herrunter, die nahezu die Grösse eines Kleinwagens hatten. Der Räumungsdienst vom Kreisbauamt musste die Blöcke zerstückeln, um sie überhaupt von der Strasse schaffen zu können.

Das neuste Projekt befindet sich kurz vor dem Abschluss. Bader zeigt mit dem Finger auf eine Felswand, die im Sonnenlicht zwischen Chratteneggli und Barenflue heraussticht. An dieser Stelle holte der Betrieb Forst Thal im Mai innerhalb von drei Wochen 120 Kubikmeter Holz heraus. Nun sind Arbeiter in ihrer orangenfarbenen Schutzkleidung daran, im Bereich der Geissenhöhle Sicherheitsnetze anzubringen, um den Fels zu sichern.

Mit Schutzwald und Netzen will sich der Mensch auch weiterhin den Weg über den Scheltenpass bahnen. Wer die Strasse am Guldentalbach entlanggeht und die Steinstücke auf dem Asphalt sieht, fragt sich dennoch, ob er es nochmals wagen soll, mit dem Velo hier durchzuradeln.