Mümliswil

Von Violinen, Bratschen und Celli: Eine Klasse wird zum Orchester

In Mümliswil wird gestrichen, gezupft und gesungen; Klassenmusizieren heisst das Projekt, bei dem alle Kinder einer Klasse gemeinsam Instrumentenunterricht erhalten. Wir waren an der Probe für das kommende Konzert dabei.

Mit ihren Violinen, Bratschen und Celli noch in den Schutzhüllen am Rücken kommen die 2.-Klässler gut gelaunt zur Konzertprobe in die Katholische Kirche von Mümliswil. Es ist Mittwoch, 10.30 Uhr, die normale Unterrichtszeit also. Zur Kirche begleitet werden die 17 Kinder von ihrer Klassenlehrerin Fränzi Ackermann und ihrer Musiklehrerin Katharine Rüegg.

Auch die Präsidentin der Musikkommission Mümliswil, Monika Probst, ist mit dabei, denn sie will miterleben, wie sich das Projekt Klassenmusizieren seit dem Sommer entwickelt hat. Die Kinder machen sich im Altarraum bereit. Ihre Musiklehrerin zeigt ihnen ihren Platz, den sie beim Konzert am Sonntag auch einnehmen müssen. «Merkt euch gut, wo ihr steht. Das ist jetzt euer Orchesterplatz», sagt Rüegg.

Dann geht’s los mit der Probe. Die Kinder streichen auf ihrem Instrument die verlangten Töne: A, D, E, Katharine Rüegg dirigiert dazu mit ganzem Körpereinsatz. Und immer wieder verlangt sie von den Kindern, sich nur auf sie als Dirigentin zu konzentrieren «Ich bin der Boss. Ihr sagt, wie ihr spielt und ich sage wann», erklärt sie mit Nachdruck. Rüegg spricht Hochdeutsch, mit einem leichten russischen Zungenschlag.

Doch sie versteht die Mümliswiler Kinder in ihrem Dialekt und man spürt: Sie kennt jedes Einzelne inzwischen gut und weiss, was man ihm fordern kann. Geprobt werden zwei Frühlingslieder. Die Streichinstrumente müssen mit dem Bogen gestrichen, aber auch gezupft werden und die Kinder singen dazu auch noch. Ein anspruchsvolles Programm für diese Zweit-Klässler, die erst seit einem halben Jahr das Schulfach Klassenmusizieren im Stundenplan haben.

Integration mit Musik

Klassenmusizieren: Das heisst, während 90 Minuten Unterricht mit einem Musikinstrument – die Klasse wird zum kleinen Orchester. Das bedingt volle Konzentration. Entsprechend werden einige Kinder, während es auf die Mittagszeit zugeht, müde und unkonzentrierter.

Rüegg legt kurze Pausen ein und zum Schluss wird das Konzertprogramm nochmals zweimal durchgehend geprobt. Dazu natürlich auch das richtige Verbeugen vor Publikum und noch ein paar Verhaltensregeln beim Konzert. Das gehört auch zum Musikmachen.

Monika Probst, die Präsidentin der Musikkommission Mümliswil und Initiantin des Klassenmusizierens ist sichtlich erfreut. «Schon toll, was Kati Rüegg in dieser Zeit mit den Kindern erarbeiten konnte.» Und auch Klassenlehrerin Fränzi Ackermann ist begeistert. «Ich merke, dass die Kinder im Unterricht sich von Woche zu Woche besser konzentrieren können. Generell ist das aber auch eine sehr gute Klasse», lobt sie.

Projekt Klassenmusizieren in Mümliswil-Ramiswil

Projekt Klassenmusizieren in Mümliswil-Ramiswil

Ob das auch ohne Klassenmusizieren der Fall wäre? «Klassenmusizieren haben wir einführen können, weil die Umstände passend waren», erklärt Probst. Es sei eine Lehrform, welche der Lehrplan 21 vorsieht. «Klassenmusizieren heisst, dass alle Kinder einer Klasse gemeinsam einen Instrumentenunterricht erhalten. Zwei Lektionen des regulären Schulunterrichts werden als Klassenmusizieren erteilt.»

In der Praxis sieht das in Mümliswil so aus: 30 Minuten arbeitet ein Teil der Kinder mit ihrem Instrument und der Musiklehrerin, während der andere Teil Musik anderweitig von der Klassenlehrerin unterrichtet bekommt. Nach 30 Minuten werden die Gruppen getauscht. Die letzten 30 Minuten kommt die Klasse wieder zusammen und musiziert auf dem Musikinstrument im Klassenverband.

Zu Beginn des Unterrichts nach den Sommerferien konnten sich die Kinder ihr Streichinstrument aussuchen. «Dabei hat uns Geigenbauer Kuno Schaub sehr gut beraten», verrät Probst. «Ich finde es sehr wichtig, dass mit dem Klassenmusizieren alle Kinder ausnahmslos in Kontakt mit einem Musikinstrument kommen. Das ist Integration pur», meint Probst.

Angst vor zuviel Leistungsdruck

«Zu Beginn fühlten sich ein paar Eltern von unserem Vorhaben ein wenig überfahren», berichtet sie weiter. Man hatte Ängste, dass die Kinder einem zu grossen Leistungsdruck ausgesetzt seien, oder nochmals extra für dieses Instrument üben müssen. Aber das ist nicht der Fall. Auch Violinlehrerin Katharine Rüegg ist überrascht, wie viel die Kinder nach der kurzen Zeit schon leisten können. «Viele sind ehrgeizig und ziehen die anderen mit.»

Tatsächlich seien Streichinstrumente vielleicht zu Beginn schwerer zu spielende Instrumente als andere. «Doch auch für diese Instrumente gibt es gute Kinderrepertoires, die das Lernen einfach machen.» Als Nachfolgeprojekt arbeite die Musikkommission bereits an einer Bläserklasse für die 4.-Klässler für das Schuljahr 2019/20, verrät Probst.

Infos über das Klassenmusizieren: www.klassenmusizieren.ch. Frühlingskonzert der Musikschule Mümliswil-Ramiswil Sonntag, 18. März 15 Uhr Pfarrkirche St. Martin Mümliswil.

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