Wie kann das 1300-Seelendorf im Thal verhindern, dass es nicht zu einer Schlafgemeinde wird? Was gefällt in Matzendorf, was fehlt? Fragen wie diese stellten vergangene Woche 18 Studierende der Hochschule Luzern den Bewohnerinnen und Bewohnern von Matzendorf. Sie führten soziale Arbeit im Feld durch, was für beide Seiten einen Lerneffekt haben sollte. Für die Studierenden ging es darum, eine wissenschaftliche Umfrage durchzuführen, auszuwerten und zu analysieren. Der Gemeinderat Matzendorf wollte herausfinden, mit welchen Massnahmen er die Lebensqualität im Dorf hochhalten kann. Denn die Thaler Gemeinde verfügt noch über eine Post, einen Hausarzt, mehrere Restaurants, eine Bäckerei, eine Metzgerei oder ein Fitnesscenter.

Seit vergangenem Donnerstagabend liegt das Ergebnis der Umfrage vor. Die Studentengruppe präsentierte ihre Ergebnisse der Bevölkerung. Sie ortete vor allem in drei Punkten Entwicklungspotenzial für die Gemeinde. «Die Erkenntnisse brachten nichts komplett Neues zutage», sagt Gemeinderätin Sara Liechti. Dennoch sei es nützlich, die wunden Punkte von Neuem hervorzuheben. Ein Schwerpunkt betrifft die Raumplanung. So fehle in Matzendorf etwa Bauland, das es privaten Personen und dem Gewerbe erlaube, sich weiter zu entfalten. Gleichzeitig lege die Bevölkerung Wert darauf, das Ortsbild zu erhalten. Dieser Gegensatz lasse sich in Matzendorf nicht wie etwa in Städten durch die Nutzung von brachliegenden Flächen aufheben, da es diese nicht gibt. Weiter stellten die Studierenden fest, dass die Jugendlichen mehr einbezogen werden sollten. Und als dritten Schwerpunkt machten sie eine mangelhafte Kommunikation zwischen der Verwaltung, den Kommissionen und Vereinen aus.

Der herzliche Empfang

«Es war eine geniale Woche», sagt Gemeinderätin Liechti. Sie ist Vorsitzende der Arbeitsgruppe «Matzendorf läbt», welche die Umfrage initiiert hat. Liechti kommt nach einer «intensiven Woche», wie sie selbst sagt, nicht aus dem Schwärmen. Zwischen den 18 Studierenden und der Dorfbevölkerung habe die Chemie von Beginn weg gestimmt. Der Empfang war herzlich. Bereits bei der Anreise am vorletzten Sonntag trafen die Studierenden im Postauto auf den Matzendörfer Turnverein. «Sie hatten da schon ein grosses Fest zusammen», erzählt Liechti. Am Abend waren die Studierenden beim offiziellen Empfang der Turner dabei, um die Bevölkerung kennenzulernen.

Ab Montagmorgen folgte für die Studierenden ein Umfrage-Marathon. Insgesamt führten sie 45 Interviews mit total 191 Personen durch. Die übergeordnete Fragestellung lautete: «Was läuft gut, was ist verbesserungswürdig?» Dabei sei es das Ziel gewesen, alle Bevölkerungsgruppen zu Wort kommen zu lassen. Die Arbeitsgruppe «Matzendorf läbt» organisierte hierfür Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Vereine, dem Gewerbe, mit Asylbewerbern, Schulkindern, Neuzuzügern und weiteren Personen und Gruppen aus dem Dorf.

Mit ihrer Aussensicht sollten die Studierenden der Hochschule Luzern das Dorfleben beleuchten. Für viele sei dieses unbekannt gewesen. «Unsere Studierenden kommen aus der gesamten Deutschschweiz und wohnen mehrheitlich in Städten. Viele waren in Matzendorf erstmals an einer Gemeindeversammlung», sagt Dozentin Simone Gretler Heusser. «Die Dorfbewohner haben die Studierenden so herzlich aufgenommen – das hat sie berührt.» Auch Liechti spürte diesen engen Draht. So sei es für viele mehr als nur einfach eine Woche in Matzendorf gewesen. «Einige wollen im August am ‹Schnägge-Cup› teilnehmen», erzählt Liechti lachend.

Stefanie Lüscher war eine der 18 Studentinnen und Studenten. Sie selbst stammt aus der Region Basel und ist in der Agglomeration aufgewachsen – heute lebt sie in der Stadt. Sie bejaht, dass Matzendorf bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. «Ich muss die letzten Tage oft daran zurückdenken; es war eine spezielle Erfahrung», sagt Lüscher. Sie lacht und sagt: «Ja, ich würde behaupten, es war sehr herzlich. Die Bevölkerung fieberte mit.» Sie hätten das Gefühl gehabt, Matzendorf habe auf ihr Kommen gewartet. «Die Matzendörfer scheinen ein ziemlich cooles Volk sein», sagt Lüscher. Auch wenn dieses harmonische Zusammenspiel zum Schluss verleiten könne, das Dorf habe die Studierenden nicht gebraucht. Sie hätten dennoch wunde Punkte aufzeigen können, indem sie aufgenommen haben, was die Bevölkerung ihnen erzählte.

Die Jugendlichen abholen

Von morgens um halb acht bis abends um zehn Uhr arbeiteten die Studierenden an der Umfrage und werteten diese aus. Aufgrund der vielen Interviews sei die Zeit für die Auswertung fast etwas knapp bemessen gewesen. «Wir waren ständig unterwegs», sagt Gretler Heusser. «Für die Studierenden war es schwierig, diese Vielfalt an Rückmeldungen zu bündeln.» Die Professorin der Hochschule Luzern hat bereits mehrere Studienwochen wie diese miterlebt. Dabei spüre sie jeweils, dass die Studentengruppen in den Gemeinden etwas auslösen. Der direkte Kontakt mit den Menschen sei im Gegensatz zu einer Umfrage über Fragebogen essenziell.

In Matzendorf sei die Erfahrung eine besondere gewesen. «Ich fand es faszinierend, die Nähe in diesem Dorf zu erfahren», sagt Gretler Heusser. Das Dorf sei fast wie eine Familie, man schaue zueinander, kenne einander. Eine Frau hätte gesagt, manchmal sei es schwierig, jemanden zu kritisieren, da man niemandem wehtun wolle. Einige kritische Punkte spürten die Studierenden trotz harmonischem Verhältnis mit der Dorfbevölkerung auf. «Es hat mich nachdenklich gestimmt, dass einige Jugendliche angaben, sie würden ihre eigene Zufriedenheit im Dorf auf einer Skala von 1 bis 10 bei 4 einstufen», sagt Gretler Heusser.

Während die Mehrzahl der älteren Bevölkerung ihre Zufriedenheit mit einer 9 oder 10 bewertete. Auch wenn die Umfrage nicht repräsentativ sei, deute dies darauf hin, dass die Jugendlichen sich nicht ganz abgeholt fühlten und für die Gemeinde Handlungsbedarf bestehe. Dies will der Gemeinderat auch tun: Bereits an seiner gestrigen Sitzung behandelte er erstmals die Ergebnisse der Umfrage.