Neuendorf

«So etwas kann kein 3D-Drucker»: Naturfreunde machen einen Winterschnittkurs

Traditionsreiche Winterschnitte: Der Obst- und Gartenbauverein Neuendorf macht es vor.

Am Samstag führte der Obst- und Gartenbauverein Neuendorf in der Hostet der Familie Klauenbösch den traditionsreichen Winterschnittkurs durch. Mehr als ein Dutzend Naturfreunde machten an der praxisbezogenen Weiterbildung mit. Der Ort war nicht zufällig gewählt: Beat Klauenbösch hat nicht nur die verschiedensten Obstbäume in seinem grossen Garten, er ist auch der Präsident des mittlerweile bereits 90-jährigen Obst- und Gartenbauvereins Neuendorf, der rund 110 Mitglieder zählt.

In wenigen Wochen wieder zur Blüte

«Jetzt haben wir hier die kahlen Bäume mit den paar Ästen. In wenigen Wochen blühen sie und dann haben wir bald die schönsten Früchte. Das ist für mich bis heute jedes Mal wieder faszinierend. So etwas kann kein 3D-Drucker», beschreibt Kursleiter Josef Brägger die Faszination, die von den Obstbäumen ausgeht. «Ich bin vermutlich auf einem Apfelbaum im Thurgau auf die Welt gekommen.» Zumindest der Teil mit dem Thurgau stimmt, man hört es immer noch an seinem Dialekt. «Dort, wo die Sonne hinscheint, gibt es die schönsten Früchte», sagt Brägger, der als ehemaliger Zentralstellenleiter des Wallierhofs ganz genau weiss, wovon er redet. Ein stabiles Baumgerüst und eine schöne Form seien ein weiteres Ziel des Schnittes. Dann geht Brägger richtig zur Sache: «Wir spielen nicht Coiffeur und schneiden nur die Spitzen. Wir sorgen grosszügig dafür, dass Licht und Luft bis zu den unteren Ästen kommen», sagt der Experte. Bei den jungen Bäumen, die noch «erzogen» werden, sehe das etwas anders aus. Das gelte erst recht bei den Nektarinen und Pfirsichen. «Diese treiben ihre Knospen nur im einjährigen Holz. Deshalb muss man sehr vorsichtig schneiden.» Sagts, nimmt die Schere hervor und wird nun doch noch zum «Coiffeur». «Wenn man diese junge Nektarine falsch schneidet, dann hat es am Ende nur noch kahle Äste, die keine Knospen mehr treiben können.»

Eigentlich dürfe man die Bäume jederzeit schneiden, erklärt der Experte. «Es gibt gewisse Krankheiten, die den Schnitt als Eintrittspforte nutzen können. Im Winter sind nur sehr wenige Bakterien aktiv, dafür bleibt die Schnittstelle länger offen. Im Sommer, wenn der Baum im Saft ist, dann schliesst dafür die Schnittstelle schneller.»

«Nach dem Krieg wurden die meisten Hochstämmer umgemacht. In der industrialisierten Landwirtschaft stehen die grossen Bäume den Maschinen im Weg», sagt Beat Klauenbösch. «Wir wollen deshalb in Neuendorf ein Zeichen setzen und wieder die Hochstämmer fördern. Dazu haben wir beim Weidrain eine Allee initiiert. Hier sollen einheimische Bäume wachsen. Linden, Eichen, Ahorn, Kirschen, Zwetschgen und Apfelbäume. Die Hochstämmer bieten Lebensraum für alle möglichen Tiere.

Eine überraschende Diversität

Die Vielfalt, die dabei im Gäu möglich ist, überrascht. Sogar eine Edelkastanie fühlt sich in der Hostet wohl. 60 Kilogramm Kastanien habe er bereits geerntet, sagt Klauenbösch. «Ich arbeite gerne draussen und ich freue mich an den vielen Vögeln, die ich dank den Bäumen im Garten habe», beschreibt der Vereinspräsident seine Motivation.

«Die Früchte im Herbst kommen dann noch als Belohnung dazu.» Josef Brägger ergänzt: «Der selber gebrannte Schnaps ist die beste Medizin. Als ich die landwirtschaftliche Lehre machte und es einer Kuh nicht so gut ging, dann mischte der Chef einen halben Liter Kaffee mit einem halben Liter Schnaps. Wenn die Kuh das getrunken hatte, ging es ihr meistens rasch wieder gut.»

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