Oensingen

Seit 1604 im Besitz der Familie Pfluger: Ein Leben im und um das allererste «Gäuerhaus»

Das erste, sogenannte Gäuerhaus ist der Pflugerhof in Oensingen. Er wurde 1604 erbaut und seither im Aussenbereich nicht verändert.

Das erste, sogenannte Gäuerhaus ist der Pflugerhof in Oensingen. Er wurde 1604 erbaut und seither im Aussenbereich nicht verändert.

Der Pflugerhof in Oensingen ist ein Pionierbau, denn er hat nach seinem Bau 1604 den sogenannten Gäuerhaus-Typ begründet.

Wer der Ausserbergstrasse in Oensingen entlang kommt, kann ihn nicht übersehen: Den hochaufragenden Bau mit weisser Fassade mitten im Oensinger Dorfkern. Dabei handelt es sich aber nicht um ein gewöhnliches altes Haus, wie man meinen könnte. Sondern hier steht ein echter Pionier unter den Bauernhäusern, ein Gäuerhaus. Das Pflugerhof-Areal mit mehreren Liegenschaften, gehört schon seit zwölf Generationen der Familie Pfluger. Und so ist die Geschichte der Pflugers und des Hauses in dem sie leben, eng mit jener Oensingens verzahnt. Am Haupteingang prangt ein steinerner Türeingang, der die Jahreszahl 1604 trägt.

Johann Josef Pfluger, der heutige Bewohner, sah es als seine Aufgabe an, das Haus zu erhalten. «Ich habe mein ganzes Leben an diesem Haus gearbeitet», sagt er. Über Jahre hinweg wurde das Haus von unten bis oben hin erneuert - um dann wieder vorne zu beginnen. «Wir sind 30 Jahre nicht in die Ferien gefahren, um die Sanierungsarbeiten zu finanzieren.» Heute werden seine Mühen und jene seiner Familie durch die Anerkennung anderer Menschen belohnt: Ein Foto des Pflugerhofs ziert das Titelblatt des neu erschienen Bandes über die Bauernhäuser des Kantons Solothurn. Dies mache Freude und sei eine Genugtuung, sagt Pfluger.

Das Haus eines gut begüterten Bauern

Ein Team aus Bauernhausexperten – darunter Roland Flückiger-Seiler sowie Benno Furrer – konnte im Rahmen der Nachforschungen zum Buch das Alter des Hauses nachweisen. Sie kamen zum Schluss, dass das Gebäude tatsächlich aus dem frühen 17. Jahrhundert stammt. Eruieren konnten die Experten dies, indem sie das Holz im Keller- und Küchenraum dendochronologisch untersuchten.

Doch was macht das Haus so einzigartig? Es handelt sich hierbei um einen ganz eigenen Baustil. Dieser Haustyp entstand in den Anfangsjahren des 17. Jahrhunderts in der Region. Damals versuchten die besser gestellten Landwirte sich von den Ärmeren zu unterscheiden, indem sie Steinhäuser errichteten. Nach heutigem Erkenntnisstand handelt es sich beim Pflugerhof, um das allererste, sogenannte Gäuerhaus. Errichtet hat es damals Werner Pfluger, ein Bürger aus Solothurn, der in der Klus wohnte. Er hatte sich beim Bau des Gebäudes an den Solothurner Stadthäusern orientiert.

Bis heute ist die Familie Pfluger Bürger der Stadt Solothurn und von Oensingen geblieben. Während dem Verlauf der Jahrhunderte veränderte sich der Hof zusehends, allerdings nicht äusserlich, sondern im Gebäudeinnern. Sämtliche Balken die ersichtlich sind, stammen aus den Jahren 1775/76, denn seit längerer Zeit ist bekannt, dass in diesen Jahren ein grösserer Innenausbau stattgefunden haben muss.

Sie wohnen und leben im Baudenkmal: Zwei Generationen Familie Pfluger im Pflugerhof in Oensingen.

Sie wohnen und leben im Baudenkmal: Zwei Generationen Familie Pfluger im Pflugerhof in Oensingen.

Leben mit historischem Kachelofen und Wendeltreppe

Wie in vielen alten Bauernhäusern üblich, findet sich in der Stube ein grosser Kachelofen. Dieser sei nicht mehr in Betrieb, berichtet Pfluger. Gleichwohl hat der Ofen noch einen grossen Stellenwert: Auf den Kacheln, die aus dem Jahre 1939 stammen, ist das Pfluger-Familienwappen abgebildet. Der Ofen nimmt zwei Räume ein und wurde früher von der Küche aus eingefeuert. Einen interessanten Fund machte Johann Pfluger in der Mauer des Stuben-Nebenzimmers. Wenige Millimeter unter dem Gips entdeckte er bei Sanierungsarbeiten 2004 einen Durchgang.

Im ersten Stock des grossen Hauses befinden sich jetzt ein Büro und einige Schlafräume. In einem der Schlafzimmer steht wie in unteren Geschoss in der Stube ein massiver Kachelofen. Dieser trägt eine Inschrift aus dem Jahr 1757: «Dieser Ofen hat machen lassen, der ehrsam und bescheite Hans Joseph Pfluoger und Anna Maria Fluri sein Ehegemahle dies im Jahr Christi 1757.»

Dieser Hans Joseph Pfluger war ein umtriebiger Eigentümer des Hofes, denn er führte zahlreiche Umbauten durch. So stammt zum Beispiel auch die Wendeltreppe, die vom ersten Stock ins Obergeschoss führt, aus jener Zeit in der Hans Joseph Pfluger wirkte. Wie die Bauernhaus-Experten herausfanden, kann die Treppe auf das Jahr 1776 datiert werden. Die Fachleute waren erstaunt über diesen Befund, da Treppen dieser Bauart einige Jahre vor diesem Zeitraum noch üblich gewesen waren.

Leben und Arbeiten im Baudenkmal

Johann Josef Pfluger übernahm den Hof als ältester Sohn aus einer Familie mit zehn Kindern. Sein Vater führte auf dem Hof noch eine Schweinewirtschaft. «Nach dem Tod meines Vaters wollte ich dies aber nicht mehr weiterführen», sagt er. Er baute den Stall um und konzentrierte sich auf Milchwirtschaft. Den Betrieb konnte er allerdings nicht vergrössern. Im stark bebauten Dorf fehlte das Weideland, um mehr Kapazitäten für seine Rinder zu schaffen. Land besass die Familie nach der Güterregulierung 1962 südlich der Autobahn. Der Hof allein verfügt nur über eine Parzelle von 44 Aaren. In jener Zeit, als viele Bauern aus dem Dorf aussiedelten sagte Johann Pflugers Vater noch, er werde dies nicht tun. «Das sollen die Jungen oder die Nachfolger machen» meinte er.

Wie man heute im Denkmal lebt und arbeitet

Die Haltung des Vaters ist auch jene des Sohnes: «Mir war klar: Dieses Haus zu verkaufen, kommt nicht in Frage.» Pfluger fühlt sich dem geschichtsträchtigen Haus und der langen Familientradition verpflichtet. Er verzichtete darauf das Haus zu verkaufen und auf Gebiet südlich der Autobahn auszusiedeln. Doch 2012 gab er wegen der knappen Platzverhältnisse die Milchwirtschaft auf. Die Familie baute sich ein neues Standbein auf: Man begann eigenen Schnaps zu destillieren. Heute verkaufen die Pflugers rund 30 Sorten an Schnäpsen und Likören. «Seit zehn Jahren offerieren wir auch Schokoladenkugeln, die mit unserem Schnaps gefüllt sind», berichtet Pfluger.

Heute ist nicht mehr er der Patron auf einem der schönsten Bauernhöfe des Kantons. Seine Tochter Franziska Pfluger übernahm das Erbe der Familie gemeinsam mit ihrem Ehemann Markus Pfluger-Anzengruber. Auch die junge Generation wollte dem Namen des Pflugerhofs gerecht werden und so nahm der Schwiegersohn den Namen der Ehefrau an. Und so wird die Grossfamilie, wenn sie für ein Fest zusammenkommt, auch künftig genügend Platz vorfinden. Denn Zimmer gibt es im alten Gäuerhaus genug.

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