Kolumne: Aus Thaler Sicht
Die Zeit, die Zeit

Unser Autor macht sich Gedanken zur Zeit. Warum geht sie manchmal schneller und dann wieder langsamer?

Sammy Deichmann
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Sammy Deichmann, Künstler aus Aedermannsdorf.

Sammy Deichmann, Künstler aus Aedermannsdorf.

Zvg

Ich weiss nicht mehr genau, wie wir auf das Thema kamen. Irgendwie ging es um einen jährlich wiederkehrenden Jubiläumstag und wir versuchten uns zu erinnern, was vor einem Jahr an diesem Tag war. Ist das wirklich erst ein Jahr her? Es muss wohl an diesen aussergewöhnlichen Coronajahren liegen, dass es uns so vorkommt, als sei die Zeit langsamer gelaufen.

Und dann war das Thema auch schon zwischen uns. Warum haben wir das Gefühl, die Zeit wäre langsamer oder schneller gelaufen? Kann ja nicht sein. Die Zeit ist immer gleich schnell, oder?

Wenn man einen Tag in Zürich verbracht hat und zurück ins Thal kommt, kann man schon meinen, dass die Uhren hinter dem Berg anders laufen, ruhiger, runder. Dabei heisst es doch, dass die Uhren für alle gleich laufen. Und das, obwohl mancher Zeitgenosse alle Zeit der Welt hat, während andere nie Zeit haben. Da stimmt was nicht. Wer kümmert sich eigentlich um die Zeit? Zum Beispiel, wenn auf Sommerzeit umgestellt wird?

Da muss es doch irgendwo Irgendjemanden geben, der die hoheitliche Aufgabe hat, über die Zeit zu wachen?

Man stelle sich das Chaos vor, wenn die Zeit plötzlich ausfallen oder auch nur um wenige Minuten ungenau laufen würde. Wenn jeder von uns sich auf seine eigene Zeit ausrichte würde.

An dieser Stelle könnte ich jetzt Google zur Hilfe nehmen und schauen, was es über die Verwaltung der Zeit rauszu­finden gibt. Ich ziehe es vor, erst mal eigene Schlüsse zu ziehen, sozusagen unbelastete Fantasie, und diese mit Ihnen zu teilen.

Ich stelle mir ein grosses Berner Bürogebäude vor, von dem aus ein wichtiges Bundesdepartement verwaltet wird. Sagen wir mal, es ist das Wirtschaftsdepartement. Im 6. Stock, Zimmer 365, sitzt die Sekretärin des Bundesbeauftragten für die Zeit, den wir zu sprechen wünschen. Der Herr Direktor habe nur wenig Zeit für uns, denn in wenigen Wochen werden die Uhren auf Winterzeit umgestellt. Das sind immer hektische Zeiten, sagt die Sekretärin. Der Direktor selbst macht eher den Eindruck, als kenne er keinen Zeitdruck, und mir kommt der Verdacht, dass die Zeit möglicherweise nur eine Empfindung ist.

Auf jeden Fall möchte ich dem Herrn Direktor nicht zu nahe treten und male mir den Arbeitsalltag des Bundesbeauftragten für die Zeit an dieser Stelle nicht weiter aus. Ich möchte eigentlich nur wissen, ob die Coronazeit von amtlicher Seite eine andere Geschwindigkeit hat als die sonst gewohnte Zeit. Nein, das sei nicht der Fall.

Die Zeit bezieht sich allein auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Und wir befinden uns immer in der Gegenwart, die bekanntlich immer schon vorbei ist, wenn man nur daran denkt. Egal, wahrscheinlich kommt es einfach nur darauf an, was man mit seiner eigenen Zeit anfängt. Ich bin sicher, dass jeder von uns eine gewisse Zeit zur Verfügung hat. Der eine mehr, der andere weniger.

Eine Möglichkeit unter unendlich vielen, einstweilen mit der eigenen Zeit umzugehen, verbirgt sich in einem Liedtext von Franz Josef Degenhardt:

«Dann bringt mich keiner auf die Strasse / Und aus Angst und Ärger lasse / Ich mein rotes Barthaar steh’n / Und lass’ den Tag vorübergehn.»

Haben Sie eine gute Zeit!

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