Thal
Jugendfürsorgeverein rettete Kinder und Jugendliche vor Erziehungsanstalt

Der vor 125 Jahren gegründete Jugendfürsorgeverein Thal hat noch heute seine Berechtigung. Anlässlich seines Jubiläums blickt der Verein zurück auf seine Anfänge, als die Armut, Tod, Krankheit oder Arbeitslosigkeit das Leben der Menschen prägte.

Fritz Dietiker
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Das Bild, entstanden um die Zeit der Vereinsgründung, vermittelt einen Eindruck der damaligen Zustände.

Das Bild, entstanden um die Zeit der Vereinsgründung, vermittelt einen Eindruck der damaligen Zustände.

ZVG

Um die Frage zu beantworten, ob ein Jugendfürsorgeverein heute noch eine Berechtigung hat, ist ein Blick zurück notwendig. Die Armut war vor 125 Jahren in unserer Gegend noch stark verbreitet, und viele Familien konnten sich nur mit Mühe und Not durchbringen. Kamen dann noch besondere Ereignisse wie Tod, Krankheit oder Arbeitslosigkeit dazu, musste die Armenpflege der Gemeinde helfen.

Seit 1817 waren die Pflichten der Gemeinden für die Armen in einer für den ganzen Kanton geltenden Armenordnung ausführlich festgelegt. Aber diese gesetzliche Armenpflege genügte nicht, weil die Gemeinden selber arm waren. Besonders unbefriedigend war die Situation der Verdingkinder.

Oft wurden diese von den Gemeinden Leuten anvertraut, die das geringste Kostgeld verlangten. In dieser Situation besannen sich einige verantwortungsbewusste Männer im Thal der freiwilligen Fürsorge und gründeten unter der Führung von Oberamtmann Otto Studer im Jahre 1889 den Armenerziehungsverein Thal.

Die ersten 50 Jahre

Sechs Jahre nach der Gründung betreute der Armenerziehungsverein schon 43 Pflegekinder. Von diesen mussten nur wenige in eine Erziehungsanstalt eingewiesen werden. Die meisten fanden bei einer Familie Unterschlupf. Als an der Jahresversammlung 1911 nur drei Vorstandsmitglieder und sieben Männer der Gastgebergemeinde Mümliswil anwesend waren, wurden erstmals drei Frauen in den Vorstand aufgenommen. Sie brachten neuen Schwung in den Verein.

Dies war auch dringend nötig, denn während des 1. Weltkrieges nahm die Armut wegen der grossen Teuerung besonders bei den Arbeiterfamilien stark zu. Die Zahl der Pflegekinder erreichte mit über 70 einen Rekordwert, und die betreuenden Frauen und Männer des Vereins stiessen an ihre Grenzen. Zum 50-Jahr-Jubiläum wurden deshalb die Statuten angepasst.

Die wichtigste Neuerung war die offizielle Einführung des Armenpflegers. Das neue Amt wurde dem Vorstandsmitglied Werner Heutschi übertragen. Für seine grossen Verdienste wurde er 1947 zum Ehrenmitglied des Armenerziehungsvereins und 1970 zum Ehrenbürger der Gemeinde Balsthal ernannt.

Weg vom Armenerziehungsverein

In den 1960er-Jahren machte sich der neue Zeitgeist der Konsumgesellschaft bemerkbar. Niemand wollte mehr arm und erziehungsbedürftig sein. So wurde der Armenerziehungsverein 1963 in Jugendfürsorgeverein umbenannt. Dieser finanziert sich weiterhin von Mitgliederbeiträgen und Spenden. Mitglied des Vereins wird, wer einen Beitrag bezahlt. Heute leistet der Jugendfürsorgeverein Unterstützungsbeiträge bei finanziellen Engpässen an Kinder und Jugendliche im Thal, insbesondere, wenn dadurch eine Abhängigkeit von der Sozialhilfe vermieden werden kann.

Unterstützungsgesuche betreffen etwa Kosten für Brillen, Lagerbeiträge, Weiterbildungen, Therapien und ähnliches. Gesuche können durch Personen, die von einer unterstützungsbedürftigen Familie Kenntnis haben, von Betroffenen selber, von Organisationen, Pfarrämtern, der Sozialregion oder von Lehrkräften gestellt werden. Der momentan zehn Mitglieder zählende Vorstand, welcher von Oberamtvorsteher Stephan Berger präsidiert wird, prüft und entscheidet über die eingegangenen Gesuche.

Verein macht Geschenke

Zum 125. Geburtstag möchte der Jugendfürsorgeverein zwei Jugendprojekte mit einem Geschenk unterstützen. Der Vorstand hat beschlossen, sich am Bau eines Aussenspielplatzes der neu gegründeten Kindertagesstätte Falkenburg in Balsthal mit 6000 Franken zu beteiligen. Denselben Betrag erhält ein von Intact Schweiz geleitetes Schulprojekt auf den Kalrayan Hills, einer der ärmsten Gegenden Südindiens. Gründerin und Projektleiterin dieser Hilfsorganisation ist die Balsthalerin Elsbeth Scacchi. Die beiden Institutionen werden an der Jubiläums-Generalversammlung am 21. Mai 2014, 18.30 Uhr, Landgasthof Kreuz, Balsthal, ihre Projekte kurz vorstellen.