Larissa Stieger hat zwei Töchter. Die eine ist fünf, die andere zwei Jahre alt. Aus nächster Nähe mitzuerleben, wie ein Mensch laufen und reden lernt, hat die Kindergärtnerin und Heilpädagogin verändert. «Kinder lernen so viele Dinge von sich aus, wieso sollte in der Schule plötzlich jemand anderes vorschreiben, wann welche Sachen gelernt werden?», fragt sich die Oensingerin seither.

Bei dieser Frage ist es nicht geblieben. Stieger ist aktiv geworden. Zusammen mit ihrer Kollegin Janine Basile hat sie vergangenes Jahr den Verein Lernort Oensingen gegründet. Seither wurden Naturspielgruppen und Singkurse durchgeführt. Und ab dem Schuljahr 2020 will der Verein einen Schulbetrieb anbieten. Und damit eine Alternative zu den Volksschulen bieten. Die Kinder sollen individueller betreut werden und selber entscheiden können, wann sie was lernen. Die für den Betrieb der Schule notwendige Bewilligung hat die Solothurner Regierung vergangene Woche erteilt.

Viele Auflagen, wenig Geld für Privatschulen

Denn ohne Bewilligung geht es nicht. Um unterrichten zu dürfen, müssen Privatschulen im Kanton zahlreiche Auflagen erfüllen. So müssen ausgebildete Lehrpersonen angestellt sein, der Lehrplan 21 muss eingehalten werden und die Schülerlisten müssen dem Volksschulamt gemeldet werden, um nur einige Auflagen zu nennen. Vereinfacht gesagt: Das Angebot muss demjenigen der Volksschule ebenbürtig sein. Der Kanton überprüft dann den Betrieb regelmässig. Trotz all diesen Auflagen: Geld bekommen Privatschulen vom Kanton keines. Das war und ist politisch nicht mehrheitsfähig (siehe dazu unten).

So bekommt auch Stiegers Lernort keine finanzielle Unterstützung. Die Schule wird durch Elternbeiträge und Gönner finanziert. Und einen ordentlichen Batzen zahlt Stieger aus dem eigenen Sack. So etwa den Umbau des Gebäudes an der Oensinger Schlossstrasse. Denn bevor Kinder dort zur Schule dürfen, müssen einige bauliche Anpassungen vorgenommen werden, damit die Brandschutzmassnahmen auf dem neusten Stand ist. «Uns geht es nicht darum, Geld zu verdienen», sagt Stieger. Das würden sie mit dieser Privatschule sowieso nicht. «Wir nehmen uns als Familie mit diesem Projekt das Recht heraus, unsere Kinder so zu unterrichten, wie wir es für richtig halten.» Und vielleicht gebe es auch einige Gleichgesinnte, die über das Angebot froh wären. Gleichzeitig betont sie: «Wir wollen kein Auffangbecken für Kinder werden, die in der Regelschule keinen Platz finden. Wir wollen gleichgesinnten Eltern die Möglichkeit geben, selber zu entscheiden, wie ihr Kind lernt.»

Zahlen zu den Solothurner Privatschulen:

Das Kind bestimmt, wann es was lernt

«Freies Lernen» nennt sich der Ansatz, den Stieger an ihrer Schule verfolgen will. Die Idee dahinter: Jedes Kind erkundet von Geburt an neugierig die Welt. Es lernt aus eigenem Antrieb jeden Tag Neues dazu. Das will sie fördern. Und zwar indem sie dem Kind die Freiheit lässt, selber zu entscheiden, wann es was lernt. Ohne Hausaufgaben, ohne Prüfungen, ohne Noten. Die Freude am Lernen steht im Mittelpunkt. Auch die Einteilung der Kinder nach Altersgruppen fällt weg. Sämtliche Kinder vom Kindergarten bis zur sechsten Klassen sind in einer Klasse. Damit will die Privatschule der Tatsache Rechnung tragen, dass Kinder, auch wenn gleich alt, in der Entwicklung oft unterschiedlich weit sind. So würden in der Regelschule Kinder ab der ersten Klasse lesen lernen, sagt Stieger: «Dabei beginnen manche schon früher damit, andere wiederum haben in dem Alter noch grosse Mühe.» Deshalb ei es sinnvoller, das Kind würde selber bestimmen, wann es was lerne. Wobei das Kind nicht gänzlich frei ist. Denn auch die Privatschule ist an die Lernziele des Lehrplans 21 gebunden.

Zum Auftakt 2020 will die Schule mit vier bis acht Kindern starten. Das ist auch eine der Auflagen, damit Stiegers Projekt überhaupt bewilligt wurde. Sie hat schon Zukunftspläne. Mehr Schüler, irgendwann vielleicht sogar den Betrieb einer Oberstufe. Denn sie ist überzeugt: «Viele Eltern haben das Bedürfnis, dass ihr Kind auf diese Weise betreut wird. Das spüre ich.» Es brauche einfach Vertrauen – in die Schule und in das eigene Kind.

Und das sagt der Kanton zum Thema Privatschulen:

Elisabeth Ambühl-Christen ist Verantwortliche Schulbetrieb beim Solothurner Volksschulamt.

Elisabeth Ambühl-Christen

Elisabeth Ambühl-Christen ist Verantwortliche Schulbetrieb beim Solothurner Volksschulamt.