Hinter Namen verbergen sich meist Geschichten. Das ist auch im Fall des Glaserwegs so, der den Nordhang des Weissensteins empor führt. Quer durch den Schitterwald transportierten vor gut 300 Jahren Glasträger in Gänsbrunnen produziertes Glas, um es in Solothurn auf dem Markt abzusetzen. Aus den Archiven geht hervor, dass im Thal einst Glas hergestellt wurde. Doch die Erinnerung an diese Glasproduktion im 16./17. Jahrhundert war weitgehend erloschen. Die Spuren waren verschwunden, wie vielerorts. Aus der historischen Aufarbeitung sind in der Schweiz 120 Glashütten-Standorte bekannt, jedoch wurden bisher erst drei davon ausgegraben und systematisch erforscht. In Gänsbrunnen geben die Fundstellen nun erstmals Einblick in die Glasproduktion der Frühen Neuzeit. Auch die Geschichte, wie das Ehepaar Maja und Walter Schaffner den Standort einer Glashütte im tiefen Thal fand, beginnt mit einem Namen: «Tschira».

Mit Walter Schaffner begann ein pensionierter Muttenzer Gymnasiallehrer, sich auf die Spuren der Gänsbrunner Glaser zu begeben. Der 70-Jährige hat eine Passion für Ahnenforschung. Und wie er sich auf die Spuren seiner Vorfahren begab, stiess er auf den sonderbaren Familiennamen «Tschira». Einer seiner Vorfahren aus Solothurn soll diesen Nachnamen getragen haben. Also begab er sich nach Solothurn, um in den Archiven herauszufinden, was hinter diesem Namen steckte. Dabei fand er heraus, dass der besagte Tschira «Glaser bei Gänsbrunnen» gewesen war. Er wollte mehr über die Glaser erfahren und konnte dabei auf die Unterstützung von Anton Fluri aus Matzendorf zählen.

Der Sonntagsspaziergang

«Komm, wir machen einen Spaziergang», habe er an einem Sonntag gesagt, erinnert sich Maja Schaffner. Mit einer Karte aus dem Jahr 1826 begaben sich Maja und Walter Schaffner am Abhang des Weissensteins auf die Suche nach dem ehemaligen Standort einer Glashütte und stiessen dabei auch auf den Glaserweg. Dort wo die Hütte gemäss Karte hätte stehen sollen, fanden sie nichts. Doch weiter oben auf fand das Ehepaar eine kleine Ebene, mit einer Quelle nebenan, und einem Platz, auf welchem heute die Pilzfreunde Welschenrohr heimisch sind. «Hei Walti, das ist Glas», habe Maja Schaffner plötzlich gerufen. Auf den nebenanliegenden Mäusehaufen fanden sie weitere Glasstücke.

Die Schaffners waren oberhalb der Schafmatt auf Glashütten der Frühen Neuzeit gestossen. Dies hat die Nachforschung ergeben, welche Walter Schaffner und Anton Fluri gemeinsam mit der Kantonsarchäologie vorantrieben. Die Erkenntnisse sind im Jahrbuch für solothurnische Geschichte 2018 festgehalten und erzählen die Geschichte von vier Glashütten. Im Schatten des Weissensteins konnte eine bedeutende Drehscheibe der Glasherstellung entstehen, mit Ausstrahlung ins benachbarte Ausland. Im Thal fanden die Glaser nahezu ungerodete Wälder vor. Es war neben dem ebenfalls im Jura vorkommenden Quarzsand die wichtigste Ressource für die Glasproduktion. Hier fanden die Glaser auch Huppererde für den Ofenbau vor.

Die historische Literatur ging bisher davon aus, im Thal hätten die Glaser nur einfaches, grünliches «Waldglas» aus Holzasche und Quarz hergestellt. «Wir konnten durch die Funde beweisen, dass die Gänsbrunner Glaser auch aufwendigere Stücke bliesen und haben auch nahezu farbloses Glas gefunden», sagt Fluri, der sich eingehend mit der Glaser-Geschichte auseinandergesetzt hat. «Gänsbrunnen war damals voll dabei im Stand der Technik.» Wenn der Thaler dies sagt, klingt fast ein wenig Stolz mit. Die Geschichte der Gänsbrunner Glaser liess sich in den Archiven zurückverfolgen. Sie beginnt Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Glaser dem Solothurner Stadtbürger Benedikt Kletzi die Schafmatt abkauften und mit dem Bau einer Glashütte begannen. Ab 1565 taucht ein Simon Hug in den Akten auf. Er und seine Nachkommen sollten über ein halbes Jahrhundert hinweg die Glasproduktion in Gänsbrunnen prägen.

Sturm Stephan half mit

Knapper Holzbestand bedrohte immer wieder die Glasproduktion. Nach rund 12 bis 15 Jahren hatten die Glaser den Wald im näheren Radius ausgebeutet und mussten die Hütte verlegen. Zunächst installierten sich die Glaser in der Nähe des heutigen Bauernhofs untere Schafmatt.

Die älteste der drei Glashütten kam zufällig im September 2017 zum Vorschein. Sturm «Stephan» wütete und brachte einen Baum zu Fall, was sich für die Schaffners und Fluri als Glücksfall erwies: Im Wurzelstock des Baumes fanden sie etliche Glasfragmente. Es sind die ältesten Funde der Glasproduktion auf der Schafmatt. Wie Fluri in den Archiven herausfand, brannte die eruierte Glashütte 1585 nieder. Der Rat von Solothurn lehnte es daraufhin ab, die Glaser weiter zu unterstützen. Er wollte das knappe Holz für die Eisenproduktion statt für «nutzloses Glas» verwenden. Trotzdem gaben die Glaser nicht auf: Sie nahmen die Produktion einige 100 Meter weiter oben wieder auf. Das knappe Holz ist in den Archiven ein stetig wiederkehrendes Thema, seit die Glaser in Gänsbrunnen dokumentiert sind.

1603 setzte der Rat von Solothurn derart hohen Druck auf, dass die Glaser ihre Produktion einstellen mussten: «Der Glashütten halb soll es auch bi miner H[erren] rhatschlag bliben u diese abgestellt werden solle. An Vogt zu Falckenstein, dass es Jme gepiete, dieselbe hinweg zethun und so er sollches nit thäte, dass feuer darin gesteckt werden solle.»

Das Rätsel ist gelüftet

Die Glaser hatten keine andere Wahl, als das Glasen ruhen zu lassen. Erst 1615 findet ihre Geschichte weiter hangaufwärts eine Fortsetzung. Urs Hug – Sohn des Simon Hug – hat vermutlich dort, wo Maja Schaffner vor gut drei Jahren auf ein Glas-Fragment entdeckte, die Glasproduktion wieder aufgenommen. In der «oberen Hütte» blieben die Glaser gemäss Dokumenten im Staatsarchiv bis 1615, ehe im Rüschgraben die letzte Glashütte bei Gänsbrunnen entstand. Solothurn setzt der Glasproduktion im Rüschgaben 1651 ein Ende. Diese führte dazu, dass die Glaser andernorts ihrem Beruf nachgehen mussten. So zogen die meisten Mitglieder der Familie Hug ins Elsass.

Wer hinter dem Namen Tschira steckte, ist Walter Schaffner nicht mehr verborgen. Es gibt Hinweise, dass der Name aus dem Französischen verdeutscht wurde und ursprünglich «Grand-Girard» lautete. Durch Zufälle brachte der mysteriöse «Tschira» einen reichen Glasfundus und eine vergessene Geschichte ans Licht. Walter Schaffner und weiter Glasspezialisten kümmern sich derzeit in Absprache mit der Kantonsarchäologie um das Sortieren und und Klassieren der rund 7000 gefundenen Glasfragmente. Bald sollen ausgewählte Fundstücke im Historischen Museum in Olten einen Platz erhalten.