Obergösgen

«Ganz stark gewichte ich im Rahmen der Seelsorge die Ökumene»

Die reformierte Kirche Lostorf war die allererste Wirkungsstätte von Pfarrer Michael Schoger in der Pfarrei Obergösgen-Lostorf.

Die reformierte Kirche Lostorf war die allererste Wirkungsstätte von Pfarrer Michael Schoger in der Pfarrei Obergösgen-Lostorf.

Kommenden Sonntag feiert Pfarrer Michael Schoger sein 30-jähriges Dienstjubiläum im reformierten Kirchgemeindehaus in Obergösgen. «Leider wird die Kirche oft nur als Gottesdienst am Sonntagmorgen verstanden», so der 56-Jährige.

Am kommenden Sonntag, 2. März, darf Pfarrer Michael Schoger sein 30-jähriges Dienstjubiläum feiern. War er zunächst für die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Obergösgen-Lostorf zuständig, so ist mittlerweile auch die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Stüsslingen-Rohr hinzugekommen. Im Interview hält er Rückschau und äussert sich zu theologischen und seelsorgerischen Fragen.

Vor 30 Jahren: Wie erlebten Sie Ihren ersten Gottesdienst?

Michael Schoger: Meinen ersten Gottesdienst habe ich an Heiligabend 1983 in der reformierten Kirche Lostorf abgehalten. Aufgewachsen in der lutherischen Kirche mit starken liturgischen Elementen, kam ich mir etwas nackt vor in einer auch heute noch ansprechend modernen Kirche mit grossen Glasfenstern.

Wie hat sich die Seelsorge in dieser Zeit verändert und wie gestaltet sich die Seelsorge heute?

Seelsorge ist ein breites Feld. Schaut man sich die Stelleninserate an, dann findet Seelsorge oft einen prominenten Platz. Tatsächlich ist es so, dass die Selbsthilfegruppen, die psychologischen und psychiatrischen Dienste sehr stark zugenommen haben und jeder Einzelne sich im Feld der breiten Möglichkeiten bedient, bis hin zu den Fernseh(Lebens)beratungen. Kirchliche Seelsorge geschieht in der Begleitung und Betreuung der alten Menschen, vor allem aber auch in der Zusammenarbeit mit dem Sozialamt und der Vormundschaftsbehörde. Dennoch: Wo gewünscht, findet Seelsorge statt. Seele und Sorge. Leider ist heute nicht mehr die Kombination von Seele und Sorge, sondern eher die Kombination von persönlicher Wirtschaft und Sorge gefragt.

Wie sieht Ihr Alltag als Pfarrer aus?

Der Pfarrer ist in seiner Ausbildung nach wie vor ausgebildet zur Verkündigung des Wortes Gottes. Daran – und ausgerichtet auf die Kirchen-, beziehungsweise Kirchgemeindeordnung – richtet sich meine Arbeit aus. Dazu gehört der Gottesdienst. Denn im Gottesdienst kommen nach wie vor Menschen zusammen, die in besonderer Weise und mit einer bestimmten Lebenseinstellung über ihr Leben nachdenken wollen. Diesen Menschen will ich helfen zu verstehen, was in der Bibel steht, damit sie ihren Glauben heute leben und nicht eine wortwörtliche Bibel auf dem Hintergrund eines veralteten Weltbildes zur Richtschnur machen. Danach und ebenso wichtig ist die unterrichtende Begleitung von Kindern und Jugendlichen. Ich messe dem Konfirmandenkurs eine wesentliche Bedeutung zu, denn die Jugendlichen dürfen lernen, dass Werte im eigenen Leben eine grosse Bedeutung haben. Ganz stark gewichte ich die Ökumene. In unseren Kirchgemeinden findet diese in einer entspannten und wertschätzenden Atmosphäre statt. Der Religionsunterricht an der Kreisschule Mittelgösgen wird schon seit rund 15 Jahren ökumenisch geführt. Es finden, neben den verschiedenen zur Tradition gewordenen ökumenischen Gottesdiensten, ökumenische Gesprächsrunden zur Bibel statt, Veranstaltungen im Rahmen der Erwachsenenbildung (Lostorf) und gemeinsame Feste wie das Sommernachtsfest (Obergösgen) und der «MiteinanderTag» (Stüsslingen) statt. Oft ist die Ökumene eine erweiterte Zusammenarbeit auch mit den politischen Behörden, damit Gemeinde und Kirche das Dorf stärken können. Ein Ergebnis davon ist in Obergösgen der Mittagstisch, der Ferienpass und der Seniorennachmittag, alle in Zusammenarbeit mit der Einwohner- Bürger- und der römisch-katholischen Kirchgemeinde. Wir wollen dieselben Menschen erreichen. Daraus schöpfe ich immer wieder meine Motivation.

Leere Kirchen – wie ernst muss man diese Tatsache gewichten und was wäre nötig, um die Kirchen wieder voll zu bekommen?

Leider wird Kirche oft nur als Gottesdienst am Sonntagmorgen verstanden. Dieses ist ein Teil der Arbeit für diejenigen, welche es begehren, und doch eine Kernaufgabe. Leere Kirche sind eine ernst zu nehmende Tatsache. Ich führe sie nicht nur auf eine «schwache» Kirche zurück. Sie sind viel eher ein Spiegel unserer Zeit. Auf den Gottesdienst bezogen heisst das, «ankommen – still sitzen – zuhören – singen – beten – weggehen». So etwas will man in der Regel nicht. Also müsste die Frage eher lauten: «Könnten wir uns vorstellen, dem Gottesdienst – zum Nachdenken über das eigene Leben – wieder einen berechtigten Platz einzuräumen?» Die Gesellschaft verändert sich, und diesem Umstand tragen wir Rechnung. Nach jedem Gottesdienst können sich die Gottesdienstbesucher bei einem Begegnungskaffee austauschen.

Welche Art des Gottesdienstes kommt heute – im Vergleich zu früher – besonders gut an und ist heute der Gottesdienst immer noch, wie früher, eine Form des «Frontalunterrichts», oder wie werden heute die Gläubigen mit einbezogen?

Der traditionelle Gottesdienst am Sonntagmorgen hat weitgehend an Bedeutung verloren. Er ist zu einer Veranstaltung für die ältere Generation geworden. Das heisst nicht, dass junge Familien keinen Zugang zum Gottesdienst haben. Ihnen fehlt dafür lediglich das traditionelle Bewusstsein, hingegen ist ihnen die Taufe, als Segen und Begleitung von Gott, im Gottesdienst sehr wichtig. In unserem Pfarrkreis dürfen wir dankbar auf eine grosse Beteiligung zurückblicken, wenn die Kirchenkommissionen zu speziellen Gottesdiensten einladen. Daher gibt es im Pfarrkreis Obergösgen-Lostorf-Stüsslingen-Rohr neben den traditionellen Gottesdienten auch verschiedene Experimentalgottesdienste. Unter dem Stichwort «derANDEREgottesdienst» finden das ganze Jahr hindurch meditative Gottesdienste, Taizé-Andachten, die Osterwoche, Gottesdienste mit Brunch, Mittag- oder Abendessen, Mittwochabendgottesdienste oder Projektveranstaltungen wie Musik im September statt. Das Ziel bleibt immer das gleiche: Den Menschen helfen zu verstehen, was in der Bibel steht, damit sie die alte Sprache in die gegenwärtige Zeit übertragen können. Und die Ausrichtung bleibt auch immer gleich: «Im Dorf, mit dem Dorf, für das Dorf». Darum segmentieren wir die Arbeit nicht, sondern bauen alle Altersgruppen in die jeweiligen Projekte ein. Kinder, Eltern, Grosseltern; Jung und Alt, als Ergänzung und gegenseitige Bereicherung im eigenen Dorf. Dazu dienen neben Gottesdienst, Unterricht und «Kinder in der Kirche» auch der Ferienpass, der Seniorennachmittag und der Mittagstisch. Diese sind nämlich über die Kirchenarbeit gewachsen und werden heute im Dorfleben integriert und unterstützt.

Wo steht heute die evangelisch-reformierte Kirche im Vergleich zu anderen Glaubensrichtungen oder im Vergleich zu anderen Konfessionen?

Es liegt mir fern, positive oder negative Vergleiche mit den anderen Landeskirchen zu ziehen. Viel eher ist es mir ein Anliegen, auf eine gute Zusammenarbeit aufzubauen, bei der sich gleichwertige Partner treffen. Dennoch darf ich das Eigenständige der reformierten Kirche hervorheben. Im Kanton Solothurn sind das eigenständige Kirchgemeinden, die für das kirchliche Leben zuständig sind. Das macht auch unsere Kirchgemeinde offen für die Veränderungen der Zeit. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Pfarramt und den Kirchenkommissionen trägt die Gemeinde auch in der gegenwärtigen Zeit.

Wie sieht die Kirche der Zukunft aus?

Was die Zukunft angeht, möchte ich das sehr salopp formulieren: Gerne bin ich bereit, zusammen mit den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine tolle Arbeit und einen guten Job zu machen. Und unser Herrgott muss seine Arbeit machen. Für das Säen können wir Verantwortung übernehmen. Das Wachsen geschieht in Gottes Verantwortung.

Der Jubiläumsgottesdienst mit Pfarrer Michael Schoger findet am kommenden Sonntag, 2. März, ab 11 Uhr im reformierten Kirchgemeindehaus Obergösgen statt. Alle Besucherinnen und Besucher sind anschliessend zum gemeinsamen Risotto-Essen eingeladen.

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