Welschenrohr
Erinnerung an Josef Gunziger: Der Dorfkönig fuhr mit dem Jaguar vor

Vor 50 Jahren verstarb Uhrenfabrikant Josef Gunzinger. Erinnerungen an einen erfolgreichen Welschenrohrer Patron.

Walter Schmid
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An einem Ehrenplatz: Josef Gunzingers Grabstein.

An einem Ehrenplatz: Josef Gunzingers Grabstein.

Walter Schmid

Noch erinnert sich die ältere Generation an die markante Persönlichkeit von Josef Gunzinger, der am 1.Mai vor 50 Jahren im Alter von 78 Jahren verstorben ist. Viele Uhrmacher und Uhrmacherinnen erlebten ihn als Patron in der Uhrenfabrik Technos. Als Ehrenbürger von Welschenrohr wohnte er in seiner Villa am Röthlenweg zusammen mit seiner Partnerin Edith Voitel. Viele bewunderten seinen Jaguar, mit dem er zur Arbeit fuhr.

Josef Gunzinger stammte aus einer Uhrmacherfamilie. Sein Vater Melchior Gunzinger (1865–1943) gründete im Jahre 1900 ein Uhrenatelier, womit er den Grundstein für die Uhrenindustrie legte. Josef Gunzinger wuchs als ältester Sohn mit seinen fünf Brüdern Erhard, Melchior, Henry, Hugo und Leo und der Schwester Elise auf. Alle arbeiteten im Betrieb, der sich trotz Rückschläge erfreulich entwickelte und während des Ersten Weltkrieges 150 Arbeiter beschäftigte. Dies führte 1918 zum Bau einer neuen Fabrik. Josef bildete sich sowohl in kaufmännischer wie auch in technischer Hinsicht weiter was wesentlich zum Erfolg seiner Firma beitrug. Vor genau 100 Jahren übernahm er zusammen mit seinen Brüdern die Firma und gründete die Kollektivgesellschaft Gebr. Gunzinger Welschenrohr. Die Fabrikmarke Technos wurde 1924 eingetragen. Er war der Kopf des Unternehmens und leitete es 50 Jahre lang bis zu seinem Tod.

Konkurrenzkampf zwischen Technos und Tourist

Mit Beginn der Uhrenkrise, mit dem Verlust der Märkte in Japan und Brasilien im Jahre 1974, folgte der Niedergang der stolzen Firma Technos Fabrique d’Horlogerie Gunzinger Frères S.A. und führte zur Schliessung im Jahre 1980, genau 10 Jahre nach dem Tode ihres Patrons.

Josef Gunzinger war eine Autoritätsperson. Seine Vorstellungen setzte er strikt durch. Seinen Arbeitern war das klar, man hatte sich danach zu richten. «Wenn er den Saal betrat, wollte er absolute Stille. Er war ein strenger Arbeitgeber und verlangte absolute Disziplin,» erinnert sich ein ehemaliger Uhrmacher.

Mit Beginn der Hochkonjunktur standen zu wenig Arbeitskräfte zur Verfügung. Dies führte zu einem Konkurrenzkampf zwischen der freisinnigen Technos und der konservativen Tourist. Josef Gunzinger bestimmte die Dorfpolitik, er wirkte 14 Jahre als Gemeinderat und sass eine Periode im Kantonsrat. «Bei Gemeinderats- und Kantonsratswahlen bestimmte er seine Leute, die ihn laufend informierten und seine Meinung vertraten», so ein Arbeiter, der die beiden Betriebe kennen lernte. Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien prägten die Jahre bis zur Einführung des Frauenstimmrechts. Höhepunkt war der Streit über die Errichtung eines Kindergartens um 1960. In der Folge glätteten sich mit dem Generationenwechsel die Gegensätze zwischen den Parteien, man arbeitete zusammen und suchte nach neuen Lösungen, besonders nach dem Zusammenbruch der Uhrenindustrie. Und heute findet man kaum mehr Leute, die bereit sind, ein politisches Amt zu übernehmen.

Spenden für Schulreisen und neue Kirchglocken

Grosszügig zeigte sich Josef Gunzinger gegenüber den Schulen. So spendete er jährlich einen Beitrag an die Schulreisen. Im Alter von 70 Jahren präsidierte er eine Kommission zur Schaffung von Schulräumen und Sportanlagen. Die Sportanlagen wurden realisiert, neue Schulräume brauchte es nicht mehr, denn mit dem Bevölkerungsrückgang schrumpften auch die Geburtenjahrgänge.

Der Katholischen Kirchgemeinde Welschenrohr bescherte Josef Gunzinger 1948 fünf neue Glocken. Die grösste mit dem Namen Joseph, bezahlte er selber, die vier andern stiftete die Firma Gebrüder Gunzinger SA. Zwei alte Glocken verschenkte er mit bischöflicher Erlaubnis der Pfarrei Bartholomäberg im Montafon, deren Glocken während des Zweiten Weltkrieges eingezogen und eingegossen wurden. Vier Jahre später erhielt diese Gemeinde sogar ein neues Geläut, bestehend aus vier Glocken. Eine der alten Welschenrohrer Glocken, gegossen 1890, ertönt immer noch in der Nachbargemeinde Innerberg im Silbertal.

Für all seine Verdienste um Industrie und Gemeinde verlieh die Bürgergemeinde Welschenrohr Josef Gunzinger 1962 zu seinem 70. Geburtstag das Ehrenbürgerrecht. Auf dem Friedhof steht noch heute zu seinem Gedenken der Grabstein an einem Ehrenplatz.