Härkingen
Dieses Haus hat eine lange Geschichte - jetzt muss es Platz machen

Ein über 200 Jahre altes Bauernhaus in Härkingen muss zwei neuen Mehrfamilienhäusern weichen. Das Haus Nummer 60 an der Hauptgasse war im Jahr 1814 das erste Gebäude, das nach der offiziellen Zählung im Dorf errichtet wurde.

Erwin von Arb
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Abriss des «Bläsihauses» in Härkingen
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Der Abbruch des Hauses lockte auch Schaulustige an
1919: Josef Bläsi-Studer (3.v.l.) mit Nachbarn vor dem Haus.

Abriss des «Bläsihauses» in Härkingen

Erwin von Arb

Ein besonderer Zeitzeuge in der Gemeinde Härkingen ist nicht mehr. Dabei handelt es sich um den einst stattlichen Bauernhof an der Hauptgasse 23 (vormals Hauptgasse 60), welcher derzeit von einem spezialisierten Unternehmen abgerissen wird.

Diese Liegenschaft wird auch von Dorfchronist Jules Pfluger (1916–2008) im Buch «Alte Häuser und ihre Bewohner» erwähnt. Grund dafür war die im Jahr 1809 vom Kanton Solothurn verordnete Einführung von Hausnummern. Damals wurden in Härkingen 59 Häuser gezählt. Das Haus Nummer 60 an der Hauptgasse war demnach im Jahr 1814 das erste Gebäude, das nach der offiziellen Zählung im Dorf errichtet wurde.

Lange im Besitz der «Lamm»-Wirte

Bauherrin war damals «Lamm»-Witwe Annemarie Studer-Hammer. Das Bauernhaus blieb in der Folge bis 1884 im Besitz der wechselnden «Lamm»-Wirte, welche den Hof an Landwirte verpachteten. Nach mehreren Besitzerwechseln gelangte die Liegenschaft am 17. Oktober 1899 in die Hände von Josef Bläsi-Studer aus Aedermannsdorf. Gesellschaftlich in Erscheinung trat der engagierte Landwirt im Jahr 1913 als erster Präsident der damals gegründeten Viehzuchtgenossenschaft. Zudem gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Raiffeisenkasse Härkingen, wo er auch als Aufsichtsratsmitglied amtete.

In die Fussstapfen von Josef Bläsi trat danach dessen Sohn Robert Bläsi-Burkhardt (1897–1989). Er war Mitglied des Gemeinderates und während fast 40 Jahren Aktuar und Aufsichtsratsmitglied der Raiffeisenkasse. Er und seine Frau Pauline wohnten bis zu ihrem Tod auf dem Hof. Landwirtschaft wurde dort seit der Güterzusammenlegung nicht mehr betrieben.

Der älteste Sohn von Robert Bläsi, Edgar Bläsi-Wyss, siedelte 1965 aus und baute den «Bläsihof» auf dem heutigen Stöckacker in Härkingen. Die Scheune wurde in der Folge nur noch als Lagerfläche genutzt. Bewohnt war das Haus bis Mitte der 90er-Jahre. Danach stand das Gebäude leer und verwahrloste im Verlauf der Jahre zusehends.

Denkmalpflege willigte ein

«Meine zwei Schwestern und ich sind nicht in der Lage, das Haus aus eigenen Mitteln wieder instand zu stellen oder gar selbst ein Projekt zu realisieren», meint Hannah Bläsi von der Erbengemeinschaft Bläsi auf Anfrage.

Fassaden mit Holzverkleidung

Realisiert wird das Projekt an der Dorfgasse in Härkingen von der Generalunternehmung immo-bau Management AG aus Binningen BL. Das Familienunternehmen hat das 2424 m² grosse Grundstück im Juni käuflich erworben. Der Spatenstich für das Projekt erfolgt am 26. Oktober. Geplant sind zwei Mehrfamilienhäuser mit neun respektive sechs Wohneinheiten sowie eine Tiefgarage mit 27 Einstellplätzen. Oberirdisch sind fünf Besucherparkplätze geplant. Optisch werden die Bauköper den Hausreihen in der Kernzone angepasst. Das an der Hauptgasse liegende Haus erhält auf der Ostseite sowie an den Seiten eine Holzverkleidung. Der Rest sowie das zweite Haus werden mit einem groben Abrieb versehen. Mit einem Mix von 21/2-, 31/2- und 41/2-Zimmer-Wohnungen sowie marktüblichen Mietzinsen sollen Menschen aller Generationen angesprochen werden. Bezugstermin soll im Frühling 2017 sein. Das Investitionsvolumen beträgt inklusive Landkauf 7,15 Mio. Franken. (eva)

Die kantonale Denkmalpflege habe sich anfänglich gegen den Abriss des als schützenswert klassifizierten Hauses in der Kernzone von Härkingen ausgesprochen. «Einen Käufer zu finden, der bereit gewesen wäre, das stark verfallene Wohnhaus zu renovieren, wäre dem Suchen der Nadel im Heuhaufen gleichgekommen», so Hannah Bläsi. Zudem verunstalte das verwahrloste Haus die gepflegte Hauptgasse und stelle immer mehr eine Gefahr dar, findet die 55-Jährige, die mit ihren Eltern und Grosseltern bis zu ihrem 5. Lebensjahr in diesem Haus gelebt hat.

Nicht zuletzt auch deshalb sei es schliesslich nach langen Verhandlungen gelungen, die kantonale Denkmalpflege für das neue Projekt und damit den Verkauf der Liegenschaft samt Areal zu gewinnen. Allerdings nur unter der Auflage, dass das an der Hauptgasse geplante Mehrfamilienhaus optisch einem Bauernhaus nachempfunden wird (siehe Kasten). Diese Verpflichtung seien die neuen Besitzer der Parzelle denn auch eingegangen, wie Hannah Bläsi erwähnt. Sie wohnt inzwischen im Berner Oberland.