«Wir sind hier schon ein bisschen für uns», sagt Christian Tschumi, und ein leises Lächeln umspielt seinen Mund. Der 57-Jährige sitzt in der Gaststube des Bergrestaurants Allmend ob Aedermannsdorf, 750 Meter über Meer. Des Bergrestaurants, das keines mehr ist: 2013 gaben er und seine Frau Heidi das Wirten auf. «Für zwei war es zu viel Arbeit und für drei zu wenig», erinnert sich Heidi Tschumi, die Mineralwasser einschenkt und Sandwiches aus dem Kühlschrank holt. Sie habe selbst gekocht, Steak und Pommes und im Winter gabs Fondue, erzählt die 55-Jährige. Worauf Christian Tschumi lacht: «Wenn ich gekocht hätte, wären nicht so viele Leute gekommen.»

Seit vier Jahren ist das Restaurant Geschichte. Trotzdem können Tschumis nicht über mangelnde Arbeit klagen. Denn seit sie im Jahr 2000 hier heraufzogen, ist Christian Tschumi vor allem als Hirte im Auftrag der Gemeinde Aedermannsdorf tätig. «Die Einwohnergemeinde Aedermannsdorf hatte den Sömmerungs-Bauernbetrieb mit Restaurant ausgeschrieben», erzählt der gelernte Landwirt, der im bernischen Rumisberg an der Grenze zum Kanton Solothurn aufwuchs.

Ganzjährig im Einsatz

Auf einem Tisch in der Gaststube liegen die Weidenummern aus, die an den Glockenriemen der Rinder befestigt werden. «74 werden es heuer sein», sagt Tschumi. Heute Morgen, erzählt er, seien bereits vier Bauern da gewesen. Mit Traktor und Transporter brachten sie ihre Tiere zur Sömmerung. Gestern kam auch schon einer. Die zwölf Landwirte, die heuer ihre Tiere in seine Obhut geben, kommen sogar vom Kanton Zürich hier herauf. Vom Thal sei es nur einer. Aber er sei auch nicht der einzige Hirte in der Region, sagt Tschumi. Auch in Herbetswil, oder etwa Welschenrohr gebe es einen Hirten.

Für jedes Tier erhalte er pro Sommer 32 Franken von der Gemeinde, sagt Tschumi. Ein minimaler Betrag; allerdings seien Miete und Pacht für Haus und Land günstig. Tschumi betreut 36 Hektaren Sömmerungsweiden für die Gemeinde Aedermannsdorf. Daneben bewirtschaftet er 11 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche in Eigenregie. «Morgens um halb sechs melke ich meine Kühe und bringe die Milch dann gegen acht zur Sammelstelle auf einem nahegelegenen Bauernhof», beschreibt er seine Tätigkeiten. Anschliessend gehe er den ihm anvertrauten «Gusti» nach – wie er die Rinder nennt, die noch nicht gekalbt haben. Bis nach Herbetswil runter folge er seinen Schützlingen, wo immer sie sich gerade aufhielten auf der Weide. Er zähle die Tiere und schaue, ob mit ihnen alles in Ordnung sei. Seine Frau hole ihn dann um neun Uhr morgens wieder mit dem Auto und um halb zehn sei er wieder auf seinem Betrieb.

«Ferien? Haben wir schon lange keine mehr gehabt», meint Christian Tschumi, und lacht. Wenn er sommers nicht gerade bei den Rindern ist, pflegt er die Weiden: Flickt Zäune, die von Wildschweinen niedergerissen wurden, mäht die Weiden, rupft Disteln und Brombeergestrüpp aus. «Das ist viel Handarbeit», sagt er. Ausserdem kümmere er sich um den eigenen Betrieb, der seinen ganzjährigen Einsatz verlangt.

«Im Herbst bin ich froh, wenn ich alle Rinder wieder gesund abgeben kann», sagt er. Bis dahin habe er auch eine Verbindung aufgebaut zu den Tieren: «Ich kann ihnen rufen und sie laufen mir hinterher.» Bisher habe er sämtliche Tiere unversehrt ihren Besitzern zurückgeben können – «Holz alänge». Um den Bettag Mitte September holten die Bauern ihre Tiere wieder runter ins Tal.

Was er in seiner Freizeit tue? «Ligge», sagt er schmunzelnd. Oder dann gingen sie etwas trinken, «obsi ins Restaurant Untere Tannmatt». Im Dorf seien sie lange nicht mehr gewesen. Und auch sonst sähen sie wenige Leute. «So gesehen, vermisse ich das Restaurant ein wenig», sagt Heidi Tschumi etwas wehmütig.