Urs Allemann

«Die Förster waren immer meine Kollegen»: Der Verwalter der Thaler Wälder geht in Pension

Urs Allemann in einem seiner Lieblingswälder.

Urs Allemann in einem seiner Lieblingswälder.

Urs Allemann kennt nach 35 Jahren im Amt des Kreisförsters Thal-Gäu jede Waldecke. Ende Februar geht er in Pension, aber vorher blickt er zurück.

Wenn Urs Allemann die Buche umarmt, stellt sich jenes Lächeln ein, das ihm der Wald gibt. Und dieser Wald irgendwo hinter dem Balsthaler Roggen tut es ihm ganz besonders an. Das Waldstück ist ihm so lieb, dass er den Namen gar nicht erst verraten will. «Es ist ein Ort, der mir Ehrfurcht einflösst», sagt Urs Allemann. Mächtige Felsbrocken aus Juragestein, bis zu 40 Meter hohe Fichten, die schnurgerade in den Himmel ragen, neben Buchen, deren Lebensgeschichte dem Stammumfang nach beurteilt deutlich über ein Jahrhundert zurückreicht. Das unbewirtschaftete Waldreservat ist Urs Allemanns kleines Reich.

Aber es macht nur einen Bruchteil der Waldfläche aus, die er fast 35 Jahre lang verwaltete. Das Thal ist zu 50 Prozent bewaldet. «Als mir bewusst wurde, dass ich für die halbe Fläche des Thals zuständig bin, hatte ich grossen Respekt», erinnert er sich an seine Anfänge. Aber eben diese weiten Thaler Wälder waren es, die beim Uhrmacher-Sohn den Wunsch hervorriefen, vielleicht eines Tages Kreisförster zu sein. Im Uhrendorf Welschenrohr kam es damals selten vor, dass jemand ans Gymnasium ging und studierte.

Urs Allemann erinnert sich heute an die Cowboy-Spiele im Wald mit seinen Freunden oder an die Jagdausflüge mit seinem Vater, den er schon als Bube begleitete. So kam es, dass er in Zürich an der ETH das Forstingenieur-Studium absolvierte. Danach machte sich Allemann für kurze Zeit selbstständig – denn er wusste, dass 1985 der Kreisförster-Sitz von Ernst Bischof aufgrund seiner Pensionierung frei würde. Unter Freisinniger Flagge war Allemann der zweitletzte politisch gewählte Kreisförster im Kanton Solothurn. Im Wahlkampf für dieses an sich «völlig unpolitische Amt», wie er sagt, setzte Allemann sich damals gegen einen Konkurrenten durch.

Gemäss dem «Gesetz über das Forstwesen» von 1931 gab es im Kanton damals noch neun Forstkreise. «Die Kreisförster bewirtschaften die ihnen unterstellten Staatswaldungen und leiten die forstlichen Arbeiten ihrer Kreise.» Der Kreisförster war also der Waldbewirtschafter. Heute ist das nicht mehr so. Nach dem geltenden Waldgesetz ist es heute Aufgabe der Eigentümer, die Wälder zu bewirtschaften. «Damals war der Kreisförster im Thal noch eine Respektsperson», sagt Allemann. Er aber hielt nie viel von Hierarchien. «Man hat Mühe, mit mir Krach zu kriegen.»

Holzschläge anzeichnen, das machte er fürs Leben gern

Durch Wälder streifen und den Wald beurteilen, um ihn zu bewirtschaften und zu pflegen: War der nahe Bezug zur Natur in den 80er-Jahren noch Realität, entwickelte sich dies mit dem neuen Waldgesetz und der Reorganisation des Forstwesens zum romantisierten Berufsbild. Urs Allemann aber war bemüht, sich ein Stück weit dagegen zu wehren, vermehrt von seinem Schreibtisch im Schmelzihof aus wirken zu müssen. «Mein Vorgänger zeichnete noch den hintersten und letzten Baum selbst an», erzählt Allemann.

Und auch für ihn war es eine der schönsten Arbeiten, zu bestimmen, welche Bäume bei einem Holzschlag würden weichen müssen. Mit ein Grund, weshalb er fast jeden Quadratmeter der gut 7000 Hektaren Thaler Wald so gut kennt. Dass nicht mehr ausschliesslich Kreisförster über die Holzschläge bestimmten, hatte auch mit der stark verbesserten Ausbildung der Förster zu tun, denen mehr Kompetenzen zufielen. Diese Entwicklung ging einher mit einer starken Mechanisierung. Waren es, als Allemann sein Amt aufnahm, kantonsübergreifend noch über 60 Förster, hat sich heute deren Zahl auf zirka 20 reduziert. Grosse Maschinen machten grossflächige Ernte möglich, und dies war man sich – gerade im naturverbundenen Thal – nicht gewohnt.

Wie den Wald bewirtschaften? Diese Frage war im Thal am Ende der Nullerjahre allgegenwärtig. Womöglich auch ausgelöst durch die Mechanisierung. Ab 2007 bildete sich unter dem Namen «waldwegweiser» eine Bewegung, die den Dauerwald propagierte. In der Theorie würde dies bedeuten, dass die Waldstruktur immer beibehalten würde, dass nie auf grösserer Fläche das Altholz entfernt und so Jungwald geschaffen wird. Die Praxis im Thal war, eine Altholzfläche abzuholzen und danach der natürlichen Verjüngung des Waldes Raum und Licht zu geben.

Allemann war als Kreisförster im Kreuzfeuer der Kritik, und er wollte sich dieser zunächst stellen. «Ich finde den Dauerwald an sich eine gute Betriebsform», sagt er. Die Kampagne für den Dauerwald erlebte er aber als schwierigste Zeit in seiner Laufbahn. «Es war eine aggressive Kampagne gegen meine Person. In einer Intensität, die ich mir nicht gewohnt war», sagt er. Bald beschloss er, die Angriffe nicht mehr zu erwidern, weil die Dauerwald-Befürworter nur darauf gewartet hätten. «Ich habe in dieser Zeit in Gedanken etwa 100 Leserbriefe geschrieben, es aber immer sein lassen», sagt er. Heute ist Allemann überzeugt, richtig gehandelt zu haben.

Erinnern kann sich der Thaler Kreisförster auch an eine andere Episode aus den ersten Jahren seiner Tätigkeit. Allemann kann heute über die kuriose Geschichte lachen. Ende der 80er-Jahre wurden bei Holzereiarbeiten in Mümliswil auf einem Abschnitt entlang der Kantonsgrenze zum Baselbiet Grenzsteine verschoben. «Der Fall verkam zu einer Staatsaffäre», erinnert er sich. Die beiden Oberförster der Kantone Solothurn und Baselland, der Geometer und die Förster und Privateigentümer wurden einberufen. «Es wurde zu einer teuren Geschichte», erzählt Allemann, der den Fall in einer Nebenrolle begleitete.

Unvergessen bleibt für den Kreisförster jener Tag, an dem ein Vertreter aus dem polnischen Suprasl in sein Büro trat. Die Balsthaler Partnergemeinde und die polnischen Forstbehörden luden die Förster aus dem Thal, dem Gäu und dem Schwarzbubenland zu einer Studienreise nach Polen ein. «Wir wurden gratis und franko durch Polen geführt und jeweils von den höchsten Stellen vor Ort in Uniformen empfangen», berichtet Allemann. Als Kreisförster erwarteten die polnischen Vertreter von ihm, dass er jeweils eine Rede hielt. Eine für Allemann ungewohnte Rolle in einem ausgeprägt hierarchischen System. «Die Förster waren immer meine Kollegen», sagt er.

Die ungewohnte Rolle auf einer Polen-Reise

Durch die Reorganisation der Forstkreise vor fünf Jahren erhielt Urs Allemann einige Gemeinden aus dem oberen Gäu zugeteilt. «Ich wusste, dass ich nie gleich stark ins Gäuer Gebiet hineinwachsen würde», sagt er. Die emotionale Bindung zu seinem Herkunftsort im Thal war stärker. Zu gut kannte er diese Wälder nach drei Jahrzehnten von den etlichen Fusskilometern beim Anzeichnen von Holzschlägen. In den Anfangsjahren lernte er die Thaler Waldflächen auch durch Erschliessungspläne systematisch kennen. Sämtliche Wegerschliessungen mussten damals neu geschaffen oder überarbeitet werden. Eines seiner Herzensprojekte war auch der Naturschutz.

Im Thal sind rund 1000 Hektaren als Waldreservat ausgeschieden, was ungefähr 14 Prozent der Waldfläche ausmacht. Zudem werden 60 Waldrand-Kilometer über Vereinbarungen naturschützerisch aufgewertet. Hinzu kommt der vor zehn Jahren geschaffene Naturpark Thal. Für Allemann steht er als Exempel dafür, dass im Thal ein Zusammenhalt existiert, der seinesgleichen sucht. Zwar hat der Naturpark keinen verpflichtenden Einfluss auf die Waldbewirtschaftung. «Aber psychologisch bestimmt», sagt Allemann. Im Unterbewusstsein schwinge immer die Überlegung mit: «Darf man das in einem Naturpark tun?»

Allemann umklammert die Buche in einem seiner Lieblingswaldstücke. Der abtretende Kreisförster kommt nicht darum herum, über den Klimawandel zu sprechen. Für den Wald stelle er «ein riesiges Problem» dar. Bedroht ist durch die Erwärmung und die zunehmende Trockenheit eben jene Buche, deren Rinde er mit den Händen fühlt. Im Thal könnte sich ein Aussterben dieser Baumart dramatisch auswirken. Jeder zweite Baum ist eine Buche. Bisher habe sich gezeigt, dass die Thaler Standorte im Vergleich mit anderen, die Veränderungen besser aushalten. Dennoch sei die natürliche Verjüngung, bei welcher der Förster jene Bäume nachwachsen lässt, die der Wald bringt, zunehmend in Frage gestellt. Urs Allemann sagt: «Jetzt müssten wir plötzlich Eichen pflanzen. Für einen Förster ist dies nicht einfach zu akzeptieren.»

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