Johanna Bartholdi

«Bin kein Homeoffice-Typ»: Wie Egerkingens Gemeindepräsidentin in Coronazeiten regiert

Johanna Bartholdi berichtet von ihrer Arbeit als Gemeindepräsidentin im Corona-Modus.

Johanna Bartholdi berichtet von ihrer Arbeit als Gemeindepräsidentin im Corona-Modus.

Homeoffice ist ihr fremd: Egerkingens Gemeindepräsident Johanna Bartholdi erledigt ihre Arbeit während der Coronakrise lieber in ihrem Einzelbüro auf der Verwaltung.

«Machen wir es wie die Indianer», sagt Johanna Bartholdi, Gemeindepräsidentin von Egerkingen und steht von ihrem Bürostuhl in ihrem Einzelbüro in der Egerkinger Gemeindeverwaltung auf. Sie habe in den Winnetou-Filmen über Ostern diese schöne Begrüssungsgeste gesehen und winkelt den Arm über der Schulter ab. «Bei uns läuft eigentlich alles ziemlich normal weiter», sagt sie dann am Tisch sitzend mit mehr als zwei Metern Abstand zur Besucherin. «Bereits am 17. März haben wir verwaltungsintern die ersten Massnahmen zu Schalteröffnungen und Arbeitsplatzsituation beschlossen. Und weil hier in der Verwaltung sowieso die meisten in einem Einzelbüro sitzen, ist es auch nicht nötig unbedingt Homeoffice zu machen.»

Auch mit der Bildungskommission und der Schulleitung habe sie sich damals gleich getroffen und erste Massnahmen besprochen. «Wir klärten schon zu diesem Zeitpunkt ab, welche Hilfen für die Bevölkerung, insbesondere für die Ü65 nötig würden. Wir stellten gleich einen Einkaufsdienst auf die Beine.»

Hinter dem Besucherschalter in der Gemeindeverwaltung, der allerdings geschlossen ist, arbeiten seit dem 17. März nur noch drei statt sechs Personen, damit sie genügend Abstand zu einander einhalten können. «Wichtig ist, dass die Verwaltung während der Bürozeiten telefonisch erreichbar ist». Dass man in diesen ersten Tagen dank guter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und dank einem agilen Gemeinderat früh die ersten Weichen stellen konnte, dafür ist Bartholdi dankbar. «Denn wir konnten ja diesen Ausnahmezustand nie vorher üben». Wichtige Anlaufstelle sei in der ersten Phase für die Gemeinden neben dem Kanton auch der VSEG, der Verband Solothurner Einwohnergemeinden gewesen, erklärt sie.
Digitale Möglichkeiten nutzen geht, aber ...

Die Sitzungen des Gemeinderates werden in diesen Tagen via Zoom-Konferenzen durchgeführt. Bartholdi ist begeistert von dieser Möglichkeit der Beschlussfassung. Allerdings – so sagt sie auch – sind in Egerkingen zwei Mitwirkungsanlässe spruchreif. «Und bei einem davon geht es um den Schulhausneubau. Der Kanton hat zwar bewilligt, solche Verfahren trotzdem durchzuführen; die Einwohner könnten sich via E-Mail zu Wort melden. Ich bin aber der Meinung, dass dieses Geschäft für die Gemeinde sehr wichtig ist und so haben wir beschlossen, dieses Mitwirkungsverfahren bis auf weiteres zu verschieben. Der Schulhausneubau muss halt warten.»

Sie selbst arbeitet lieber im Büro, als zu Hause. «Ich bin kein Homeoffice-Typ», sagt sie dazu. «Zuhause arbeite ich nicht so diszipliniert wie im Büro, da wird man gerne abgelenkt.» Es komme hin und wieder vor, dass sie am Abend, wenn die Verwaltung verwaist sei, im Büro Arbeiten erledige. «Hier habe ich alle Unterlagen und Computerprogramme, die ich benötige. Es ist mir lieber so.» Ihr wöchentliches Arbeitspensum habe sich natürlich reduziert, denn es finden keine Sitzungen und Treffen, vor allem auch keine Abendeinsätze mehr statt. «Jetzt arbeite ich wohl zum ersten Mal wirklich die 40 Prozent, 3,2 Stunden pro Tag, für die ich auch angestellt bin.» Sie lacht.

Zu Beginn der Massnahmen habe sie etliche Telefonate von Einwohnerinnen und Einwohnern erhalten, erzählt sie. «Es hatte viele Selbstständige darunter, die Auskünfte haben wollten. Und heftig beschäftigte uns auch das Thema Kita.» Speziell an Egerkingen ist, dass es hier Hotellerie gibt, die arg betroffen ist. Hingegen gibt es viele Logistiker im Gäu, die sich vor Aufträgen kaum retten können. «Auch von den Baustellen höre ich, dass es oft schwierig sei, die BAG-Massnahmen in der Praxis umzusetzen. Es verkompliziert viele Abläufe», weiss Bartholdi. Heute wollen viele Leute wissen, wie lange der Lockdown noch anhält. «Doch ich glaube, das Thema wird uns noch eine Zeit lang begleiten».

Kantonspolitik im Social-Distancing-Modus

Vor kurzem wurde eine Sitzung via Zoom mit der Gäuer Gemeindepräsidentenkonferenz durchgeführt, deren Präsidentin Bartholdi auch ist. «Es ging darum zu erfahren, wie die anderen Gemeinden die Situation bewältigen. Alle haben etwa mit den gleichen Herausforderungen kämpfen: Einkaufshilfen, Homeschooling, Information für und Kontakt zu den Einwohnern. Alle machen es entsprechend ihrer Strukturen etwas anders.» Manche Gemeinden verfügen über einen eigentlichen Corona-Krisenstab. Egerkingen aber nicht.

Ihr Kantonsratsmandat übt Bartholdi weiter im Social-Distancing-Modus aus. «Gestern hatten wir Justizkommissionssitzung: 15 Personen im grossen Kantonsratssaal. Bald findet die Fraktionssitzung statt: 28 Personen im grossen Saal im Wallierhof. Und da hiess es, Mineralwasser sei vorhanden, das Essen müssen wir selbst mitbringen.» Und für die kommende Session suche man noch einen geeigneten Raum im Kanton.

«Ich könnte mir vorstellen, dass nach der Krise gewisse Sitzungen, oder ein Teil davon nur noch virtuell abgehalten werden», meint Bartholdi zu den willkommenen Erkenntnissen dieser Krise. «Doch ganz kann auf die physische Kommunikation nicht verzichtet werden. «Da geht zuviel verloren.»

Bartholdi selbst, über 65-jährig, gehört zur Risikogruppe. «Ich bin wirklich nur ganz wenig unterwegs. Mal schnell beim Bäcker – zu Randzeiten - oder auch zum Lebensmitteleinkauf im Gäupark, wo sie sich ziemlich sicher fühlt. Am schwersten falle ihr, auf den wöchentlichen Besuch beim Coiffeur verzichten zu müssen. «Ich gehe seit 1982 jeden Samstag zum Coiffeur und habe längstens vergessen, wie ich es anstellen muss, mich selbst zu frisieren.»

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