Welschenrohr

Bimbosan zieht weg: Das bittere Ende einer 37 Jahre währenden Erfolgsgeschichte

Erfolgreich im Idyll: Seit 1983 war Bimbosan im Thal heimisch.

Erfolgreich im Idyll: Seit 1983 war Bimbosan im Thal heimisch.

Die Bimbosan AG aus Welschenrohr produziert künftig am Standort Hochdorf. Mit der Firma zieht das letzte Kind der Wirtschaftsförderung weg. Wie die Firma im hinteren Thal eine Erfolgsgeschichte schrieb.

Gerüchte beinhalten eben doch meist ein kleines Stück Wahrheit. Vor zwei Jahren machten sie im Thal die Runde: Bimbosan könnte Welschenrohr nach der Übernahme durch die Hochdorf-Gruppe verlassen, hiess es. Das Unternehmen dementierte.

Eineinhalb Jahre später ist der Wegzug Tatsache. «Wir hatten ein schwieriges letztes Jahr», sagt Christoph Hug, Mediensprecher der Hochdorf-Gruppe. Das Luzerner Unternehmen befand sich in einem Umbruch, der sich auch in einem stark veränderten Verwaltungsrat niederschlug. Der Nahrungsmittelkonzern setzte Mitte 2019 seinen Fokus neu auf die Geschäftsbereiche Babynahrung und Milchderivate.

Im Zuge dessen gab er das Weizenkeimgeschäft am Standort Hochdorf per September dieses Jahres auf. «Bevor wir diesen Bereich einstellten, kam ein Umzug der Bimbosan nicht in Frage», sagt Hug. Nun aber hat die Hochdorf-Gruppe im Luzernischen viel Freiraum. Füllen wird diesen ab Januar das Welschenrohrer Unternehmen für Babynahrung, das während der 37 Jahre im hinteren Thal eine Erfolgsgeschichte schrieb.

Fredy Grimms Arbeit «aus Liebe zum Dorf»

«Wahrscheinlich tut der Wegzug niemandem so fest weh wie mir», sagt Fredy Grimm. Ende der 70er-Jahre drückte im hinteren Thal die Uhrenkrise auf die Stimmung. Mit viel Publizität warb die Wirtschaftsförderung für den Standort Welschenrohr und bot leere Fabrikliegenschaften und sogar Gratisbauland für Neubauten an. Diese Aktion löste schweizweit viel Aufmerksamkeit, aber auch Kritik aus. Fredy Grimm – damals Kantonsrat – hatte damit Erfolg und holte innerhalb von rund vier Jahren zehn Unternehmen nach Welschenrohr. «Aus Liebe zum Dorf», wie er sagt. Die Bimbosan aus dem bernischen Ostermundigen war eine dieser Firmen. Und sie war bis hierhin die Letzte noch in der damaligen Form übrig gebliebene.

«Wenn es einem Unternehmen nicht mehr gut läuft, holen sie den Satelliten gerne zurück ins Mutterhaus», sagt Grimm. Die Meldung vom Donnerstag habe ihn nicht schockiert. Er wusste vom Umbruch innerhalb der Hochdorf-Gruppe. Rund eine Million Franken kann die Nahrungsmittelfirma jährlich einsparen, indem sie die Bimbosan nach Hochdorf verlegt, wie Christoph Hug bestätigt. Welschenrohr verliert derweil einen der wichtigsten juristischen Steuerzahler. Gut zwanzig Menschen waren bei Bimbosan beschäftigt. «Wir befinden uns in intensiven Gesprächen mit allen Mitarbeitenden», sagt Hug. Das Unternehmen wolle versuchen, allen eine Anschlusslösung zu bieten. Wie viele einen Umzug ins Luzernische mitmachen, ist aber noch unklar.

Für die Gemeinde Welschenrohr steht nach dem Schock im Vordergrund, wer am Bimbosan-Standort künftig ansässig wird. Wie Gemeindepräsidentin Theres Brunner auf Anfrage sagt, habe die Hochdorf-Gruppe bereits einen ersten Interessenten für die moderne Infrastruktur der Bimbosan. «Wir hoffen, dass die Nachfolgefirma auch Arbeitsplätze in die Region bringt», sagt Brunner.

Babymilch ohne Palmöl brachte den Durchbruch

Bimbosan und Welschenrohr: Das war Liebe auf den ersten Blick. Auch wenn das Unternehmen nicht von Beginn weg abhob, wie sich der damalige Besitzer Anton Hosang beim Telefongespräch erinnert. Heute 91-jährig, ist er in einer Altersresidenz in der Region Bern daheim. Die Memoiren an seine Erlebnisse im hinteren Thal sind frisch geblieben. Der Bezug zu seinem Lebenswerk ist noch immer gross. «Wenn ich ins Coop gehe, schaue ich immer, welche Bimbosan-Produkte ausgestellt sind», erzählt er. Vom Wegzug nach Hochdorf erfuhr er bereits am Donnerstag durch ehemalige Thaler Weggefährten. «Ich höre ungern, dass sie Welschenrohr verlassen», sagt er. Aber die Nacht nach der Botschaft habe er dennoch gut geschlafen.

Anton Hosang profitierte in Welschenrohr als einer der Ersten von Gratisbauland. Er erstellte in der Industriezone einen Neubau mit einer Wohnung für seine Familie und verlegte 1983 die Firma ins hintere Thal. Dies brachte Arbeitsplätze, vor allem für Frauen, die in Teilzeit arbeiten wollten. Das Unternehmen entwickelte sich unter der Leitung ihres Seniorchefs sehr vorteilhaft. «Den grossen Erfolg brachte uns die Säuglingsanfangsmilch ohne Palmöl, die wir als Einzige anboten», sagt Hosang.

Auch mit umweltfreundlichen Verpackungen wählte das Unternehmen einen Sonderweg, der bei den Kunden ankam. Bimbosan wuchs zur Marktleaderin im Schweizer Fachhandel und erreichte einen Jahresumsatz von 10 bis 11 Millionen Franken. Dank gutem Geschäftsgang erfolgte 1993 der erste Erweiterungsbau, sieben Jahre später der zweite und 2007 der dritte. «Die Kleinen aus Welschenrohr ärgern die grossen Konzerne», titelte der «Tages-Anzeiger» 2005.

Vom Kuhhirten zum Multimillionär

Mit Heliomalt und Yuma Molken kamen weitere Produktereihen hinzu. Hosang arbeitete unermüdlich weiter, suchte aber doch nach einer Nachfolgeregelung. Er fand sie 2012 mit dem Verkauf an die Pezula Holding in Baar AG als Beteiligungsgesellschaft. Die Firma erschloss derweil weitere Märkte in Europa, aber auch in China und weiteren asiatischen Staaten. Bimbosan baute für über eine Million Franken die Fabrikations- und Büroräume um und präsentierte das Unternehmen 2016 der Öffentlichkeit.

Auch Anton Hosang kam zu diesem Anlass noch einmal ins hintere Thal, wie er erzählt. Die Angestellten hätten den ehemaligen Patron warm empfangen. Der alte Mann blieb aber im Hintergrund. «Es wurden Reden geschwungen, aber ich kam in keiner einzigen vor», sagt Hosang. Ein Denkmal setzte er sich mit seiner Autobiografie selbst. In seinem Buch «Toni – Vom armen Kuhhirten zu Multimillionär» beschreibt der gebürtige Bündner seine eigene Tellerwäscherkarriere.

Auch ohne Anton Hosang sollte die Erfolgsgeschichte der Bimbosan im hinteren Thal weitergehen. Bereits plante sie einen weiteren Ausbau, jedenfalls sicherte sie sich das angrenzende Gemeinde-Bauland. Mit der Übernahme durch die Hochdorf Swiss Nutrition kamen jedoch die Gerüchte auf. Das Ende des Standortes Welschenrohr zeichnete sich ab.

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