Aus Thaler Sicht
Ein Spaziergang mit Robert Walser in Holderbank

Martin Neuenschwander
Martin Neuenschwander
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Zvg

Wenn man vom Dorfzentrum Holderbanks in Richtung Tiefmatt aufsteigt, ins Bielhölzli abbiegt und zur Grillstelle Bocklismatt marschiert, befindet man sich auf dem Poesieweg. Sein Name ist Programm – nicht nur wegen der klingenden Eigennamen des westlichen Dorfteils –, denn in regelmässigen Abständen kann man auf 36 Stationen, die jeweils einer Dichterin oder einem Dichter gewidmet sind, ein Gedicht lesen. Am Waldesrand, etwas unterhalb der Grillstelle, befindet sich die Station 25 mit einem Gedicht von Robert Walser.

Es ist die Stelle mit dem wohl schönsten Ausblick auf das ganze Thal und das Walser-Gedicht kommt gerade recht, um diesen Ausblick und die friedliche – ja geradezu idyllische – Stimmung lyrisch zu feiern: Frühling

Wer möchte mit Gedichtemachereien / Frühlings entzückendes Gedeihn entweihen? / Kinderchen üben sich im Ringelreihen, / man hört den Kuckuck kuckuckartig schreien / und Bub und Mägd’ aus Frühlingslust juchheien. / Als wenn es lauter Zierlichkeiten schneien / wollt’, wachsen Blümelein zu Zwei’n und Dreien / überall hervor; ihn hübsch zu konterfeien, / Worte dem Wundervollen zu verleihen, / spaziert das Dichterlein im frischen Freien.

Da findet aber nun alles andere als das Abfeiern eines erhabenen Gefühls statt, die lyrische Stimme macht sich lustig über das «Dichterlein», dessen Ergebnis im Gedicht einer Entweihung der Kraft und der Pracht des Frühlings gleichkommt. Das fröhliche Personal, bestehend aus Kinderchen, Buben und Mägden, das durch den Frühling tanzt und jubelt, gehört genauso wie der Kuckuck und die Blümelein zum Inventar eines zünftigen Frühlingsgedichts, aber sie werden vorgeführt durch sperrige Ausdrücke wie «kuckuckartig» oder durch den einsilbigen Vers auf -en, der sich durch das ganze Gedicht zieht. Die hehre Kunst des Dichtens, die Sprache der Götter, verkommt zu einer «Gedichtemacherei».

Wie so oft bei Walser unterläuft er die Erwartungen des Lesers, die er mit dem Titel anspricht, und präsentiert ihm etwas ganz anderes. Das Motiv des wiedererwachenden Lebens im Frühling ist in unserer westlichen Dichtertradition so alt wie das Dichten selbst, aber schon die altprovenzalischen Dichter machten sich über dieses ewig wiederkehrende Motiv lustig, indem sie es zu parodieren begannen.

Ich denke allerdings, dass Walsers Parodie auf dieses Thema nicht auf Zerstörung aus ist, er will damit nicht den Frühlingsmythos kaputtschreiben, sondern setzt an einem anderen Punkt an. Wie in seiner berühmten Erzählung «Der Spaziergang» dient das Spazieren einer intensiven Aufnahme von Beobachtungen und Gedanken, die durch den Geist mäandern und die sich nach Lust und Laune in diese oder jene Richtung weiterentwickeln, gerade so, wie es dem Schreibenden passt. Die Sprache macht die Beobachtungen für den Leser sinnlich erfahrbar, die Lust am Fabulieren gewinnt zunehmend die Oberhand, sodass der Sprachspaziergang zum eigentlichen Thema wird.

Walser nimmt in diesem Gedicht dem altbekannten Motiv sein Pathos und legt seiner lyrischen Stimme ein ironisch gebrochenes Liedchen vor, weil es in diesem Moment der richtige, heiter distanzierte Ausdruck für das eigentlich unaussprechliche Wunder ist, das sich alljährlich in der Natur abspielt. Aber welch einen Spass findet er darin, mit lautmalerischen («juchheien»), poetischen («Gedeihen»)und höchst artifiziellen («konterfeien») Wörtern die Sprache zu feiern.

Walsers Leben war nicht gerade mit Leichtigkeit und Unbeschwertheit gesegnet. Er war ein Einzelgänger und von psychischen Leiden geprägt. Als ich das letzte Mal bei der Station 25 des Holderbankers Poesieweges stand, war es tiefer Winter und inmitten der wunderbar weissen Waldlandschaft kam mir ein berührendes Bild in den Sinn. Auf seinem letzten Spaziergang über die Hügel um Herisau verstarb Robert Walser am Weihnachtstag 1956.

Auf einem Foto der Ausserrhoder Polizei sieht man ihn im Schnee liegen, sein Hut war einige Meter vom Kopf weggerollt.