Aus Gäuer Sicht
Herr Federer, der Milchmann und Frau Stutz

Unser Kolumnist erklärt, wie Roger Federer das Schweizer Image im Ausland prägte. Es stellt sich heraus, dass die Tennisikone einen wertvollen Beitrag für die Schweiz geleistet hat – genauso wie Frau Stutz vom Wochenmarkt, der Milchmann und der Teppichleger.

Pascal Froidevaux, Verwaltungsrat S:Stebler, Oensingen
Pascal Froidevaux, Verwaltungsrat S:Stebler, Oensingen
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Die Titelseiten von Schweizer Zeitungen am Tag nach Roger Federers Rücktritt.

Die Titelseiten von Schweizer Zeitungen am Tag nach Roger Federers Rücktritt.

Jean-Christophe Bott/ KEYSTONE

Unsere Tennisikone verlässt die Bühne des Spitzensports und erhält zu Recht eine selten da gewesene Hommage an ihre Leistung. Ganze Beilagen ergänzen die Zeitungen, die Newsportale versuchen sich mit Bildern und Anekdoten zu übertreffen.

Roger wurde zum wichtigsten Botschafter der Schweiz, zum Lieblingsschwiegersohn, Werte-Transporteur, Inbegriff der helvetischen Tugend – skandal- und dopingfrei. Ein Übermensch, wie ihn unser kleines Land kaum zuvor erlebt hat. Wenngleich mein Interesse für die meisten Sportarten an einem kleinen Ort liegt, ziehe ich den Hut. Danke, Roger.

In meinem Leben habe ich gelernt, dass man sich auf den Kern reduzieren und fokussieren muss, um erfolgreich zu sein. Es ist erforderlich, die Stärken herauszukristallisieren. Aus dem «Wichtigsten» – dem «Zentralen» lässt sich ein Narrativ entwickeln, für was ein Mensch, ein Unternehmen, eine Organisation, (ein Land?) wirklich steht. Um diese Werte und diese Haltung geht es und nur darum. Sie unverfälscht zu vermitteln, ist glaubwürdig und stark – es ist Identität.

Bei Roger ist die Frage nach seinen Stärken vordergründig einfach, er kann überaus gut Tennis spielen – dazu noch hochelegant – wie ich mir habe erklären lassen. Aber ist es das, was seine Persönlichkeit so authentisch und so beliebt macht? Was – ausser den Pokalen, die er von zahlreichen grossen Turnieren nach Hause gebracht hat – ist sein Beitrag an der Gesellschaft?

Meiner Meinung nach ist es seine Fähigkeit mit Einfachheit und Leichtigkeit zu begeistern. Er nutzt das Vehikel des Sports, der dankbarerweise sehr populär ist, um seine Stärken und Werte in die Welt zu tragen. Es ist wirklich bemerkenswert, erwähnt man in Santiago de Chile, dass man Schweizer ist, folgt darauf mit grosser Wahrscheinlichkeit: «So wie Federer?»

Es stellt sich die Frage, ob wir Schweizer alle ein bisschen sind wie er? Ich glaube, und diese Einsicht stammt von diesem Wochenende, dass uns (auch ausserhalb des Tennisplatzes) immer wieder kleine Federers begegnen. Menschen, die sich mit Leidenschaft auf ihre Stärken und Werte fokussieren. Und uns diese unverfälscht übermitteln.

Die Frau Stutz vom Wochenmarkt beispielsweise. Ihr Vehikel ist kein Tennisball, sondern ein frisch geernteter Apfel – begeistern konnte sie mich gleichermassen. Auch auf den Milchmann und den Teppichleger, an den ich immer denke, wenn ich über meinen Sisal mit natürlicher Akupressur-Funktion laufe, trifft dies zu.

Keiner ist wichtiger oder unwichtiger. Jeder, der einen wertvollen Beitrag an der Gesellschaft leistet – im Kleinen wie im Grossen, hat unseren Respekt und Dank verdient. Ohne unsere herausragenden Persönlichkeiten würden Werte und Haltungen nicht so populär, das ist klar. Heute ziehe ich meinen Hut – nicht nur vor Herrn Federer, sondern auch vor dem Milchmann und Frau Stutz.