Aus Gäuer Sicht
«Dutli» ist ein Dorforiginal

Kuno Blaser, pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger
Kuno Blaser, pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger
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Das Oensinger Dorforiginal «Dutli».

Das Oensinger Dorforiginal «Dutli».

Kuno Blaser

Wer sich heutzutage in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit nach Zürich aufmacht und abends von dort übermüdet heimkehrt, mutiert bestimmt nicht zum Dorforiginal. Dorforiginale finden dort ihren Nährboden, wo sich Wohn- und Arbeitsort vereinen. Das wird immer seltener. Beim Oensinger Ruedi Dutli – liebevoll «Dutli» genannt – traf solches zu. Er könnte über sein Leben und seine Erlebnisse ein Buch schreiben, sagt er. Nur schreiben könne er halt nicht so gut.

Dafür ist «Dutli» ein lustiger, mit gesunder Selbstironie ausgestatteter Erzähler. Er erzählte mir, wie er einst vom Lehrer den Auftrag erhalten habe, ein Referat über seinen Heimatort zu halten. «Dutli» kannte diesen nicht, so fragte er seinen Vater. Sie kämen aus Schöftland, vernahm er dabei. Von Deutschland und Holland hatte «Dutli» schon gehört – von Schöftland noch nie! So offenbarte er seiner Klasse:

«Ich bin ein Ausländer. Ich komme aus Schöftland.»

Ich dachte: «Mensch Duttli, wenn du nicht die neueste Ausgabe eines Dorforiginals bist.»

Hinter «Dutlis» buschigem Bart steckt mehr, als man denkt. Die «Gäuer Spielleute» erkannten es und ernannten ihn zu ihrem Ehrenmitglied. Seit Jahren bespielt «Dutli» hinreissend auf deren Theaterbühne die ihm zugeschrieben Nebenrollen. Auch das richtige Leben adelte «Dutli» zu dem, was er heute ist: ein herzensguter und einmaliger Mensch – ein Dorforiginal eben.

Wenn es in Oensingen galt, in einer Nebenrolle unter der Erde ein Wasserleck zu beheben, durfte man vermuten, dass «Dutli» es war, der im Erdloch sein Bestes gab. Nie jammernd, jeden Auftrag bei noch so miesem «Hundewetter» ausführend, so nahm ich ihn drei Jahrzehnte lang auf Baustellen wahr. Wer 20 Jahre nach seiner Pension in Oensingen einen Wasserhahn öffnet, darf davon ausgehen, dass das kostbare Nass auch dank unserem «Dutli» fliesst.

Nun stemmt «Dutli» als Pensionierter die Eisen im Fitnexx. Beim Verschnaufen hat er für alle ein freundliches Wort übrig. Offen, mit Humor und Schalk in den Augen gibt er gerne seine damaligen Arbeitserlebnisse preis. Wie hart muss sich sein Berufsleben bisweilen angefühlt haben.

Offenbar erkannte solches eine nächtliche Polizeipatrouille, als sie bei der Vorbeifahrt «Dutli» mitten in der Nacht bei Regen in einem ausgehobenen Graben hantieren sahen. «Dutli» musste öfters in der Nacht arbeiten, weil man tagsüber die Wasserleitungen nicht verschliessen durfte. Mit List versuchten die beiden Polizisten, «Dutli» aus dem Graben zu locken:
«Herr Dutli, kommen Sie bitte hinauf, ihre Bauabsicherung ist ungenügend.»

Vermutlich wäre es einfacher gewesen, eine Schermaus aus dem Mauseloch zu locken. «Dutli» widersetzte sich entschieden:
«Ihr Herren Polizisten, lasst mich bitte in Ruhe. Ich habe keine Zeit, ich muss arbeiten. Für die Bauabsicherung bin ich nicht zuständig.»

Die Ordnungshüter beharrten auf ihrer Forderung und befahlen harsch, er möge jetzt sofort aus dem Graben steigen, was «Dutli» allein seiner Korrektheit wegen nicht schwerfallen musste. Die beiden Polizisten überraschten «Dutli» mit einem zünftigen «Kaffi Schnaps». Diesen besorgten sie ihm im nahe liegenden Restaurant Post. Die Freude darüber halt in «Dutli» bis heute nach.

Gelobt seien die beiden Polizisten, die mit dieser Geste eine hohe Berufsauffassung bewiesen, die weit über die Dienstpflicht eines blitzenden Blechpolizisten hinausging.

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