Aus Gäuer Sicht
Das Ende der Welt liegt in Kestenholz

Philipp Felber-Eisele
Philipp Felber-Eisele
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Wie sieht das Ende des Gäus in Kestenholz aus?

Wie sieht das Ende des Gäus in Kestenholz aus?

Patrick Lüthy

Finis terrae – so wird die geografische Vorstellung vom Ende der Welt auf Lateinisch bezeichnet. Dort, wo die Erde quasi aufhört zu existieren und das Nichts beginnt, war in vielen Kulturen sozusagen ein mystischer Ort. Ein Ort, der das Ende der bekannten Welt markiert. Meist so abgelegen, dass das Dahinter kaum oder nur unter grossen Gefahren zu erkunden war.

Mit Finis terrae, oder artverwandten Begriffen, werden haufenweise Orte auf der ganzen Welt bezeichnet. Etwa in der Bretagne, wo ein ganzes Departement so benannt ist. Cabo de São Vicente liegt in Portugal, ist das südwestliche Ende von Europa und wurde ebenfalls als das Ende der Welt angesehen.

Dort steht eine Würstchenbude, die damit Werbung macht, dass hier die «letzten Bratwürste bis Amerika» gegessen werden können. Das ist zwar – Entschuldigung für den schlechten Wortwitz – eigentlich Wurst für diese Kolumne. Es zeigt aber die Dramatik des Endes der Welt: Dahinter ist nichts ausser Meer – und irgendwo Amerika.

Und weil über eine lange Zeit der Menschheitsgeschichte eine Reise von Portugal nach Amerika unmöglich war, beziehungsweise niemand von der Existenz von Amerika Kenntnis hatte, hörte das bekannte Land an dieser Landzunge auf. Finis terrae und dann das grosse Nichts.

Auch auf anderen Kontinenten werden solche Orte gerne mit dem Ende der Welt gleichgesetzt. In der Schweiz gibt es ebenfalls Orte, die so abgelegen sind und ans Ende der Welt erinnern. Etwa Engelberg.

Selbst im Gäu gibt es einen solchen Ort: Kestenholz.

Nicht weil Kestenholz besonders abgelegen wäre, oder sich am äussersten Zipfel von Europa befände – mitnichten. Aber für mich liegt direkt hinter Kestenholz unbekanntes Land, terra incognita oder eben finis terrae.

Schuld ist die Strassenführung. Wer westwärts durchs Dorf fährt, biegt auf der Hauptstrasse nach rechts in Richtung Oensingen ab. Aber was ist eigentlich geradeaus? Dort ist das grosse Nichts, zumindest in meiner Vorstellung.

In alle anderen Himmelsrichtungen habe ich eine Ahnung, wie das Ende des Gäus aussieht. Aber nicht in Kestenholz.

Die Vorstellung, dass an einem Ort die Welt zu Ende ist, hat einen besonderen Reiz. Es bezeichnet nicht nur das Ende des uns Bekannten, sondern auch den Anfang von etwas Unbekanntem. Ein Etwas, das wir mit unserer eigenen Vorstellung füllen können, ja müssen.

Wer im 13. Jahrhundert am südwestlichen Zipfel von Portugal stand (damals wohl noch ohne Bratwurst), dachte nicht einfach: «Ah, hier ist das Ende der Welt, toll.» Nein, er oder sie stellte sich vor, was denn danach kommt. Mindestens ein Seeungeheuer, vielleicht eine versunkene Stadt, eine Abbruchkante, an der das Wasser ins ewige Nichts fliesst.

Gleiches gilt für Kestenholz. Dort könnte das Auenland aus Herr der Ringe, der Krater eines Meteoriteneinschlags, eine Yak-Zucht, die grösste Bonsai-Baum-Plantage der Welt liegen. Es könnte alles sein.

Vielleicht wäre dieser mystische Ort in Kestenholz gar kommerziell zu nutzen, weil es anderen ähnlich geht wie mir. Weil sie ebenfalls nicht wissen, was eigentlich hinter Kestenholz liegt.

Ich könnte beim Kreisel in Kestenholz eine Würstchenbude aufmachen, «die letzte Bratwurst auf Gäuer Boden» verkaufen. Meinen Kundinnen und Kunden würde ich die Schauergeschichte des bekannten Abenteurers Heinz Kolumbus erzählen: Er zog einst mit schwerem Gepäck aus Kestenholz los. Heinz war auf der Suche nach einer Antwort darauf, was sich westlich der Gemeinde befand. Zurück kam er nie mehr – vielleicht weil er sich im Bonsai-Wald verirrte.

Philipp Felber-Eisele ist im Gäu geboren, war Journalist und arbeitet heute in der Kommunikation.