Aus Gäuer Sicht
Beginnt eine neue Zeitrechnung?

Pascal Froidevaux
Pascal Froidevaux
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Kolumnist Pascal Froidevaux fragt sich, ob man künftig von «v. Cov.» und «n. Cov.» sprechen wird?

Kolumnist Pascal Froidevaux fragt sich, ob man künftig von «v. Cov.» und «n. Cov.» sprechen wird?

Bruno Kissling

Ich weiss, ich widerspreche mir. In einer früheren Kolumne habe ich erwähnt, dass ich nicht mehr über das Thema Covid schreiben werde. Nun handelt es sich bereits wieder darum. Die Fallzahlen sinken, obwohl die Temperaturen kühler werden. Wir erinnern uns an die Situation vor einem Jahr, als die Neuansteckungen in die Höhe schnellten, kaum wurde an den ersten Radiatoren gedreht. Die Zuversicht, die Pandemie bald hinter uns – oder zumindest kontrolliert zu haben – wächst fortan.

Was bleibt? Was nehmen wir mit in die Zukunft? Wovon konnten wir vielleicht sogar etwas profitieren?

Die Globalisierung hat eine neue Perspektive erhalten. Nachdem wir die Mangos aus Indien nicht mehr einkaufen konnten, haben wir den Hofladen in unserer Gemeinde mit seinen saisonalen und regionalen Produkten kennen und schätzen gelernt. Auch die Letzten – wie ich – installierten sich Twint auf ihrem Mobiltelefon. Unter dem neuen Umstand, dass wir uns nicht immer und überall sehen konnten, wurden unsere Begegnungen wieder bewusster. Apéros fanden über Videoübertragung statt – die Gläser stiessen wir mit ausbleibendem Klirrton gegen die Scheiben unserer iPads und Laptops an. So viel zum Erlebten und Neugelernten.

Verändert sich nun auch die Sicht der Dinge auf unsere Zeit? Die Tochter eines guten Freundes aus der Toscana, Aurora, erzählte mir, dass sie und ihre Freunde von einer Vor-Corona- und Nach-Corona Zeit sprechen. Während viele von uns ein halb normales Leben verbracht haben, gehört Aurora zu denjenigen jungen Menschen, die inzwischen ihr zweites Studienjahr begonnen, bisher aber weder einen Vorlesungssaal noch eine Mensa gesehen haben. Ganz abgesehen davon, dass sie noch keine ihrer Kommilitoninnen treffen konnte. Für sie wird Corona das Zeitgefühl viel einschneidender beeinflussen als für uns.

Gibt es vielleicht für die Zeitrechnung bald nicht mehr nur ein v. Chr. und n. Chr., sondern v. Cov. und n. Cov. für die Zeit vor und nach Covid? Beginnt ein neues Zeitalter? Was würde das bedeuten in 20, 30 oder 300 Jahren? Oder definiert sich lediglich eine neue Zeit, in der weitere Pandemien unsere Fragilität und hohe Sensibilität unter Beweis stellen?

Vielleicht ist der Schluckauf der Jahre 2020/21 bald Geschichte. So subjektiv und unterschiedlich wir die Zeit wahrnehmen – Covid wird uns begleiten, beschäftigen und ja, vielleicht sogar die Zeitrechnung beeinflussen. Wird Aurora ihren Grosskindern einst erzählen, was sie im dritten Jahr n. Cov. alles erlebt hat? Dies hat wohl auch viel damit zu tun, wo wir uns mit unserem Geiste und unseren Gedanken befinden. Im Hier und Jetzt, wie es uns die Yogis versuchen, zu vermitteln? In der tiefen Vergangenheit der Retro-Philen, bei denen früher alles besser war als heute? Oder bei den Zukunftsorientierten, die schon jetzt den Koffer packen für die Osterferien 2022 und im Geheimen Striche machen für jeden Tag, der sie der Apotheose näherbringt.

Ich weiss es nicht. Zum Glück können wir die Zukunft nur erahnen. Es regt aber zum Denken an, was ich als sehr positiv empfinde.

Pascal Froidevaux ist Verwaltungsrat bei «s: stebler», Oensingen.

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