Oensingen

«Antiker Beton» aus dem Roggenpark beschäftigte Archäologen

Im jährlichen Jahresbericht des Amts für Denkmalpflege und Archäologie werden unter anderem die Ausgrabungen der beiden Kalkbrennöfen von Oensingen analysiert.

Seit 23 Jahren präsentiert das Amt für Denkmalpflege und Archäologie seinen Jahresbericht. Darin ist jeweils nachzulesen, was Kantonsarchäologie und kantonale Denkmalpflege untersucht, dokumentiert, ausgewertet und restauriert haben.

In der Ausgabe von 2018 widmet sich der Archäologie-Teil hauptsächlich den Kalkbrennöfen von Oensingen. Die letzten Ausgrabungen dazu fanden im Jahr 2017 statt. In einem 24-seitigen Bericht analysiert Autor Daniel Reber deren Aufbau und mögliche Nutzung. Diese Zeitung hat die wichtigsten Informationen aus dem umfassenden Bericht zusammengefasst.

1. Geschichte der Ausgrabungen

Bereits im Jahr 2011 wurden die zwei Kalkbrennöfen im Zentrum von Oensingen durch die Kantonsarchäologie Solothurn ausgegraben. Zudem kam die Umfassungsmauer eines römischen Gutshofes, einer sogenannten Villa rustica, zum Vorschein. Einer der Öfen ist besonders gut erhalten und gab bereits damals Einblicke in die Kalkbrennerei, die vor zweitausend Jahren mit den Römern in diese Region gelangte.

Die Ausgrabungen wurden im Vorfeld einer grossflächigen Überbauung durchgeführt. Die Fundstelle liegt nämlich im Dorfteil Bienken. Mit der Überbauung Roggenpark entstanden südlich der Hauptstrasse mittlerweile drei Wohnblöcke sowie ein Alters- und Pflegeheim.

Zwischen Dezember 2016 und November 2017 kamen dann zwischen Hauptstrasse und Schulhaus Oberdorf eine römische Kanalheizung sowie zahlreiche römische Mauern und Mörtelgussböden zum Vorschein. Dank diesen Entdeckungen lässt sich das Gutshofareal auf eine Fläche von zirka 140 auf 230 Meter festlegen.

2. Verwendung des Materials

Der Branntkalk aus den beiden Öfen dürfte hauptsächlich, wenn nicht sogar ausschliesslich, für den Bau des Gutshofes produziert worden sein. Hierfür spricht allein schon die räumliche Nähe zwischen den Öfen und dem Hauptgebäude. Denn die Öfen befanden sich am südlichen Rand des Gutshofareals, nur 150 Meter vom hangaufwärts gelegenen Hauptgebäude entfernt.

Auch nach dem eigentlichen Bau des Gutshofes brauchte es von Zeit zu Zeit gebrannten Kalk, in erster Linie für die mehrmals bezeugten Um- und Ausbauten sowie für Ausbesserungsarbeiten. Im grösseren, gut erhaltenen Ofen produzierten die Kalkbrenner erstmals in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Branntkalk.

Nach einem Umbau wurde dieser Ofen bis zu seiner Auflassung im 2. oder 3. Jahrhundert noch mindestens dreimal eingeheizt, wie die Kantonsarchäologen den Ausgrabungen entnehmen können. Der kleinere Ofen wurde nach einer wesentlich kürzeren Benutzungszeit spätestens beim Bau der Umfassungsmauer aufgegeben.

3. Vorteile der Lage in Oensingen

Die Lage in Oensingen war für die Verwendung der Brennöfen optimal. Denn für die Kalkbrennerei ist neben dem Brennholz der Kalkstein essenziell, der im Jura natürlich ansteht. Ausserdem ist eine Bank des sogenannten Oensinger Süsswasserkalkes speziell. Dieses Vorkommen befindet sich in nordwestlicher Richtung, rund 400 Meter vom Grabungsgelände entfernt, gleich unterhalb der Ravellenfluh.

Die beiden Kalkbrennöfen befanden sich an der südlichen Peripherie des gesamten Areals, vermutlich am Rande einer Uferböschung zur Dünnern hin. Bis zu ihrer Umleitung und Kanalisierung in den Jahren 1933 bis 1943 floss die Dünnern nämlich noch mitten durch das Zentrum von Oensingen.

4. Bauweise der Brennöfen

Römische Kalkbrennöfen haben in der Regel einen runden oder birnenförmigen Grundriss. Typischerweise werden die Öfen in einen Hang oder eine bereits bestehende Bodensenke eingelassen, wie dies auch in Oensingen der Fall war.

Die zylindrische oder kegelförmige Form erhält der Kalkbrennofen durch den Ofenmantel. Dieser besteht aus Ziegeln oder Steinen, die mit Lehm verstrichen sein können. Die Hauptaufgabe des Ofenmantels besteht darin, die Hitze im Innern des Ofens zu speichern.

Am Fuss des Ofens befindet sich eine Öffnung im Ofenmantel, die sogenannte Schnauze. Über die Schnauze wird der Ofen mit Brennholz und Zugluft versorgt. Sie ermöglicht den Zugang ins Innere des Ofens, zur Feuerkammer, auch Hölle genannt. Hier brennt das Feuer und es muss immer wieder Brennholz nachgelegt werden.

Über der Feuerkammer wird aus den zum Brand vorgesehenen Kalksteinen als Erstes ein luftdurchlässiges Gewölbe errichtet. Dies ist der sogenannte Himmel. Dieses Gewölbe ruht auf einem umlaufenden Vorsprung in der Feuerkammer, der sogenannten Ofenbank.

Die Ofenbank und der Himmel trennen die Feuerkammer von der Brennkammer. Letztere wird mit einer Ladung von Kalksteinen, der sogenannten Charge, befüllt oder beschickt, wie der Kalkbrenner sagen würde.

Aufgrund der Erhaltungsbedingungen ist der obere Abschluss bei vielen Öfen unklar. Während manche oben offen waren, bestand bei anderen der obere Teil aus einer Ofenkuppel. Im Vorfeld des Kalkbrennofens befindet sich die Ofenküche, von wo aus der Ofen eingeheizt wird.

5. Gebrauch eines Kalkbrennofens

In einem römischen Kalkbrennofen wurde bei grosser Hitze Kalkstein zu Branntkalk und nach der Zugabe von Wasser zu Löschkalk umgewandelt. Der Löschkalk wird in geeigneten Mengen mit Sand, Kies und Wasser vermischt, sodass daraus Kalkmörtel entsteht. Dieser wird als Bindemittel zwischen die Steine gegeben, wo er aushärtet und so das Mauerwerk zusammenhält.

Dieser «antike Beton» war ein elementarer Baustoff in der römischen Architektur. Als Baustoff fand gebrannter Kalk ab der Jungsteinzeit in Form von kalkhaltigen Gipsputzen Verwendung. So wurde der Baustoff beispielsweise auch beim Bau der Cheops-Pyramide verwendet.

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