Balsthal
Als der alte Pfarrhof als Notspital diente

Nach dem Ersten Weltkrieg 1918 litt auch in Balsthal eine grosse Zahl von Einwohnern an der Spanischen Grippe.

Peter Wetzel
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Der Pfarrhof (rechts) mit Friedhofkirche und ehemaligem Schulhaus.

Der Pfarrhof (rechts) mit Friedhofkirche und ehemaligem Schulhaus.

BalsThal-Collector/zvg

Das ehemalige stattliche Pfarrhaus, welches auf dem heutigen Friedhofareal stand, fiel im Jahre 1539 einem verheerenden Brand zum Opfer. Auch die nördlich vom Pfarrhof gelegene Friedhofkirche wurde zerstört. 1541 erfolgte ein fast vollständiger Neubau des Pfarrhofes. In diese Zeit fiel auch der Kirchturmbau der Friedhofkirche. 1914 konnten die katholischen Balsthaler ihre neu gebaute römisch-katholische Pfarrkirche mit angebautem Pfarrhaus mitten im Dorf einweihen. Der Pfarrhof auf dem Friedhof stand nun leer, wurde aber 1918 zum Notspital für Patienten, die an der Spanischen Grippe litten, umfunktioniert.

In Balsthal gab es zwischen 300 und 400 Infizierte, was bei einer damaligen Einwohnerzahl von rund 3200 eine ansehnliche Zahl bedeutete. Das Notspital konnte immer wieder Erfolge melden, indem ehemals schwer Erkrankte als gesund entlassen werden konnten. Im Rahmen der Friedhoferneuerung wurde dann das Pfarrhaus 1930 abgebrochen.

In einer Publikation des Historikers Wolfgang Hafner lässt dieser ein Thaler Bauer als Zeitzeuge zu Worte kommen: «Damals (1918) starben viele jungen Leute. Wenn zum Beispiel am Abend um sieben jemand starb, wurde er sofort beerdigt. Auch in unsrem Dorf beerdigte man Leute am Vormittag und um zwei Uhr, drei Uhr oder am Abend um sieben oder acht. Es war eine schlimme Zeit. Vier Jahre später kam dann die Maul- und Klauenseuche ins Dorf.» Als vermeintliche Medizin sei viel Schnaps getrunken worden. Andere tranken ganze Häfen voll Tee. Wenn die Leute tot waren, seien sie ganz schwarz gewesen, berichtete der Bauer.

Damals schon: «Bleiben Sie zu Hause!»

Die Pest, eine andere höchst ansteckende Infektionskrankheit, suchte Balsthal mehrmals heim. Ab 1483 bis 1639 grassierte die Pest immer wieder von neuem. So waren im Jahr 1628 sechs bis sieben Pestopfer zu beklagen. Pfarrer Ulrich Müelich verfügte damals, dass die an der Seuche Verstorbenen auf der Rückseite des Friedhofs zu begraben seien. Dem Untervogt Christoph Brunner war es zu verdanken, dass die Pest relativ schnell wieder verschwand. Er befahl den Angehörigen erkrankter Mitmenschen, zu Hause zu bleiben und nicht in die Kirche und unter die Leute zu gehen.

Ein Jahr später schwappte eine weitere, starke Pestwelle über das Dorf. Die Balsthaler aber benahmen sich sehr undiszipliniert, sodass sich Pfarrherr Ulrich Müelich gezwungen sah, eine Beschwerde an die Gnädigen Herren und Obern in Solothurn gegen den Untervogt Klaus Brunner wegen Nichteinhalten von Pestbestimmungen einzureichen. Eine solche Bestimmung lautete zum Beispiel: «Wenn Infizierte auf ihren Landstücken arbeiten wollen, müssen sie am Morgen vor der Betzeit am Arbeitsort sein und abends dürfen sie sich erst nach der Betzeit auf den Heimweg machen.» Weiter war untersagt, müssig herumzustehen. Doch die Balsthaler, allen voran sogar der Untervogt Klaus Brunner, der bereits seine Frau und vier Kinder wegen der Pest verloren hatte, kümmerten sich nicht um die Bestimmungen der «Gnädigen», sie «wollten selber Meister sein».

An der Südseite der Friedhofkirche steht ein Kreuz, welches im Volksmund als «Pestkreuz» bezeichnet wird und an die Pestperioden erinnern soll. Es trägt die Jahrzahl 1626. Auf dem Friedhofareal soll sich früher im Zusammenhang mit der Pest auch ein Stein mit folgender Inschrift befunden haben: «Isch das nit en schweri Chlag, dritthalbhundert in einem Grab.»

Der Pfarrer Johann Murer, der in Balsthal von 1562 bis 1575 Pfarrer war, schrieb während seiner Amtszeit eine Busspredigt gegen die Pest. Er betrachtete die Pest als eine alte Geissel und Strafe Gottes, aus den Sünden der Menschen verursacht. Ein kleiner, gekürzter Ausschnitt daraus, der auch zum Schmunzeln Anlass geben darf (Schreibweise original):

«Was thun die Leichtsinnigen? Wenn sie vor der Pest sicher seien, saufen sie sich gleich am Morgen voll Wein. Andere sind sonst fröhlicher als zu andern Zeiten; sie meinen die Pest hinwegzusingen. Ettliche alte Narren sagen, man solle jetzt wacker pfeifen und trommeln und zum Tanz aufmachen. Ettliche Jungfrauen, so solche noch Jungfrauen sind, sprechen: ich will einen Mann nehmen, ehe ich sterbe; ebenso sagt die Jungmannschaft; heisst das nicht die Ehe mit Füssen treten? Wieder andere hören auf zu arbeiten, säen nicht, besorgen die Reben nicht, lösen das Vieh auf von den Krüpfen: Schwyn, Schaff etc., und mezgen’s, salzen’s, essen’s und sind guter Dinge; sie besorgen, wenn sie sturben, könnte ein andrer es geniessen; denen geschähe recht, wenn Gott sie leben liesse, aber sie übers Jahr nichts zu essen hätten.»

Quellenangaben: Sagen und Erzählungen aus Balsthal (H. Deubelbeiss); Ausstellung «1000 Jahre Balsthal»; St. Ursenkalender 1944; 100 Jahre römisch.-kath. Pfarrkirche Balsthal (1914–2014); Wenn du im Thal aufgewachsen bist, so lässt dich diese Gegend dein ganzes Leben nicht mehr los (Wolfgang Hafner); Oltner Tagblatt 13. April 2020. Foto: Deubelbeiss. Chronik Bürgerarchiv oder Balsthal-Collector.