Aedermannsdorf

Abenteurer über Rekord-Velofahrt von Kap zu Kap: «Das Schlimmste war die Durchfahrt durch Äthiopien»

Jonas Deichmann ist nach der 72 Tage-Tour vom Nordkap zum Südkap zurück. Der Extremsportler mit Aedermannsdörfer Homebase spricht erstmals über die neuen Eindrücke und er sagt: «Es war die bisher mental härteste Tour.»

Der Extremsportler und Abenteurer Jonas Deichmann (32) startete am 8. September 2019 zusammen mit dem Düsseldorfer Fotografen und Ultrabiker Philipp Hympendahl am Nordkap, dem nördlichsten Punkt Europas seinen nächsten Weltrekordversuch. Eine Kontinentalüberquerung per Velo und ohne Unterstützung vom Nordkap zum Südkap mit dem Ziel Kapstadt innert 75 Tagen. Der bisherige Rekord in dieser Disziplin lag bei 102 Tagen. Deichmann hat sein Ziel am 19. November erreicht, zwar ohne seinen Partner. Nach 72 Tagen, 7 Stunden und 27 Minuten ist er in Kapstadt angekommen. Dabei legte er 18000 Kilometer zurück, durchquerte 15 Länder und alle Klimazonen.

«Es war vor allem vor allem mental eine stark herausfordernde Tour», sagt Deichmann zurück an seinem Schweizer Stützpunkt Aedermannsdorf, wo er sich ein paar Tage erholen will. «Die vielen Eindrücke, das Erlebte zu verarbeiten, auch das ist – neben dem nötigen Schlaf – jetzt wichtig.» Aber es dürfe auch nicht zu viel Erholung sein, meint Deichmann und scherzt: «Sonst gewöhnt sich der Körper noch daran. Ich habe in den nächsten Tagen nämlich einige Presse- und Medientermine, die ich wahrnehmen werde.»

Karte der Reise von Jonas Deichmann

Karte der Reise von Jonas Deichmann

Russland ist kein Land für Radfahrer

Deichmann resümiert seine Kap zu Kap-Tour: «Der Beginn durch Norwegen und Finnland bot keine nennenswerten Ereignisse. Die Natur ist besonders schön im Norden. Schwieriger wurde es dann durch Russland, wo man keine Radstreifen kennt.» Die grösste Gefahr für die Fahrradfahrer war der Verkehr. «Wir fuhren auf dem Standstreifen der Autobahnen. Dort ist es am sichersten, weil Du ausreichend Platz hast.» Einmal habe ihn ein LKW mit dem Aussenspiegel touchiert. «Glücklicherweise gab das nur einen blauen Fleck. Wäre ich 15 Zentimeter näher am LKW gefahren, wäre ich wahrscheinlich jetzt nicht hier.» Es folgten Georgien, die Kaukasus-Länder und als Highlight der Iran. «Es gibt dort die nettesten Leute überhaupt», sagt er. «Das Land ist schön, die Leute sind sehr stolz darauf und zeigen es gerne.» Auf dem Land sehe man keine Frauen, in den grossen Städten schon. In Kontakt mit Einheimischen zu kommen, war jederzeit möglich und für Deichmann wichtig. «Besonders auch, wenn man alleine unterwegs ist», sagt er.

Sein Kompagnon Hympendahl kämpfte schon früh mit gesundheitlichen Problemen. Er musste nach einer Lebensmittelvergiftung in Ägypten erschöpft aufgeben und Deichmann allein weiter ziehen lassen.

Lebensmittelvergiftungen belasteten auch ihn

Auch Deichmann selbst blieb von Lebensmittelvergiftungen nicht verschont. «Entweder war es ein Essen, das mir nicht bekam, meistens aber lag es an verunreinigtem Trinkwasser.» Besonders bei der Durchquerung der Sahara musste er arg kämpfen. «Ich musste mich entscheiden: Nilwasser trinken oder verdursten», spricht er Klartext. Und noch eine Devise zog er durch: «Auch bei einer Lebensmittelvergiftung sollte das Programm so gut als möglich durchgezogen werden. Beginnt man sich auszuruhen, wird es immer schwieriger.» Einen Grundsatz befolgt er bei seinen körperlich harten Touren: Er will sich unter keinen Umständen langfristige körperliche Schäden zuziehen.

Äthiopien zu durchfahren war am Schwierigsten

Den Irak und Syrien konnte er nicht durchreisen, also ging es per Flugzeug nach Kairo. Deichmann war dann ab Ägypten während der gesamten Strecke auf sich allein gestellt und zog es bis nach Kapstadt durch. Sein Gepäck inklusive Zelt, Bekleidung und Nahrung musste er selbst transportieren und er konnte nirgends auf ein Ersatzteillager zurückgreifen. Insbesondere die Ernährung war eine Herausforderung. Täglich sollte er 10'000 Kalorien und sauberes Trinkwasser zu sich nehmen können. «Das Schlimmste war die Durchfahrt durch Äthiopien», erinnert er sich und erzählt, dass er damit nicht mal die Kinder meint, die den Velofahrer regelmässig mit Steinen bewarfen.

«Einmal geriet ich in einer Stadt mitten in die Fronten eines Aufstandes. Nur dank Einheimischer, die mir halfen, konnte ich mich in Sicherheit bringen.» Die Durchquerung von Kenia, Tansania, Sambia, Botswana wo er Auge in Auge mit Elefanten war – liefen ohne grössere Probleme. Immer sei er auf liebenswürdige Leute gestossen, die ihm, dem Weissen, mit grosser Gastfreundschaft entgegenkamen. Am 19. November dann endlich traf er in Kapstadt, dem Ziel der Tour an.

Neue Tour ist bereits in Planung

Zurück in der Schweiz, in Aedermannsdorf resümiert er: «Dieses Abenteuer war mental und körperlich das Härteste, was ich je gemacht habe». Jetzt stehen ein paar Vorträge über seine Reise und Referate zum Motivationstraining an. Und schon bald soll es nach einigen Tagen Ferien wieder auf Tour gehen. Welche neue Herausforderung Jonas Deichmann unter die Räder nehmen wird, ist noch streng geheim.

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