Dächer von Solothurn

Weshalb Ziegel und Giebel eine Visitenkarte der Altstadt sind

Maya von Gunten plädiert für Sorge zur Dachlandschaft.

Maya von Gunten plädiert für Sorge zur Dachlandschaft.

Solothurner Stadtführerin Maya von Gunten weiss, welche Elemente die Dachlandschaft der Altstadt einzigartig machen. Der Blick nach oben offenbart diese «Augenweide», das Gespräch mit der Stadtführerin bringt alte Geschichten hervor.

Nein, Spezialführungen auf die Dächer der Solothurner Altstadt bietet Maya von Gunten nicht an. Trotzdem: Ohne einen Blick auf die Dachlandschaft der mittelalterlichen Stadt zu werfen, entgeht allen, die Solothurn entdecken wollen, etwas Wesentliches. Wie es sich anfühlt, wenn man aus den engen Gassen ins Dachgeschoss der Stadt hinaufsteigt, weiss die Stadtführerin genau. Sie ist selbst unter einem Altstadtdach zu Hause und mahnt: «Die intakten Ziegel- und Walmdächer sind die Visitenkarte der Stadt. Sie bilden eine Einheit, zu der man Sorge tragen muss und die man nicht zerstören darf.»

Dachgauben und Dachreiter

Wo aber wurden die Ziegel damals hergenommen, um die heute so bewunderten Walmdächer zu decken und die Bewohner vor Wind und Wetter zu schützen? Wie auch die Archäologen bei ihren Grabungen immer wieder feststellen, gab es in Solothurn viele Ziegeleien. «Den Ton und den Lehm, der benötigt wurde, fanden die Ziegler in der unmittelbaren Umgebung», ergänzt Maya von Gunten.

Sie schwärmt aber nicht nur von den solothurnischen Ziegeldächern, sondern auch von den Aufzugsgiebeln, «die sich mit ihrer speziellen Form von denen in anderen Städten unterscheiden.» Bei den verschiedenen Dachformen angelangt, legt sie einen Buchausschnitt auf den Tisch. Dort liest man von kleinen Dachausbauten mit Fenstern hinter der Hausflucht, die man Dachgauben nennt, und von schlanken Türmchen auf dem Hausfirst, die unter dem Namen «Dachreiter» bekannt sind. Beides Dachelemente, die auch die Solothurner Altstadtdächer zu dem machten, was sie heute sind: «Eine Augenweide», wie sich die Kennerin der Stadt ausdrückt. Nur bemalte Dachuntersichten sind rar in Solothurner Altstadthäusern, sagt Maya von Gunten. Sie ist in Zofingen aufgewachsen, wo man ihnen auf Schritt und Tritt begegnet.

Kirchtürme, die keine sind

Wenn eine Stadtführerin von Solothurns Dächern spricht, denkt sie auch an die Wehrtürme, die Türmlihäuser und die Kirchtürme. Gerade bei Letzteren stösst man auf Eigenartiges. Wer weiss denn schon, dass es in Solothurn Kirchtürme gibt, die eigentlich gar keine sind? «Mit Ausnahme der St.-Ursen-Kathedrale durfte keine andere Kirche mit einem Turm versehen werden», klärt Maya von Gunten auf. «Ein Turm war nur der Hauptkirche vorbehalten, alle anderen Kirchen wurden mit einem Dachreiter versehen, in dem sich ein Glöckchen befindet.» Der Hauptkirche vorbehalten ist auch, dass sie ein paar Minuten früher läuten darf als jene, die sich schon architektonisch unterordnen mussten.

Türme gibt es in Solothurn bekanntlich viele, aber so imposant wie die beiden noch vorhandenen, mit Kegeldächern versehenen Muttitürme, die bei der mittelalterlichen Stadtbefestigung zur Anwendung kamen, findet man nicht an jeder Ecke. «Es sind wahre Meisterwerke der Zimmermannskunst», schwärmt von Gunten. Auffallend sei die grandios ineinandergeschobene Holzbalkenkonstruktion, in der keine einzige Schraube zu finden sei. Das deshalb, weil die Holzkonstruktion bei kriegerischen Handlungen innerhalb von drei Stunden entfernt sein musste, um einen Brand durch Wurfgeschosse zu verhindern, der rasch auf die ganze Stadt hätte übergreifen können.

Ein ebenso imposantes Bauwerk mit einem sagenumwobenen Dachstock ist der mittelalterliche Wehrturm in der Vorstadt, im Volksmund «Krummer Turm» genannt. Schuld daran, dass das älteste, unverändert erhaltene Bauwerk der Stadt von allen Seiten schief erscheint, ist allerdings nicht der Zimmermann, sondern das unregelmässige Fünfeck des Grundrisses, das dem Bau eines symmetrischen Daches im Wege stand. Gerade, weil der Krumme Turm ein markantes Wahrzeichen von Solothurn ist, erzählte Maya von Gunten als krönenden Abschluss der Tour d’Horizon durch die solothurnische Dächerlandschaft die tragische Geschichte eines mittelalterlichen Wehrturms, der vor seiner Vollendung in die Schlagzeilen kam.

Über das unmögliche Fünfeck

Der Saga nach erhielt ein bekannter Baumeister Mitte des 15. Jahrhunderts von der Regierung den Auftrag, bei der Stadtbefestigung in der Vorstadt einen Wehrturm zu bauen. Er ärgerte sich jedoch, dass die Arbeiten für das Dach einem jungen, unerfahrenen Zimmermann anvertraut wurden, welcher zudem noch seine Tochter begehrte. Weil die beiden jungen Leute nicht voneinander losliessen, baute er den als regelmässiges Fünfeck geplanten Turm so um, dass dieser fünf ungleiche Eckwinkel bekam. Gleichzeitig versprach er dem jungen Mann die sehnlichst gewünschte Hand seiner Tochter, sobald der Turm vollendet sei. Der Zimmermann jedoch kam mit dem Bau nicht zurecht, weil es gar nicht möglich war, auf diesem Grundriss einen Turm zu bauen. Total verzweifelt stürzte er sich schliesslich in die Aare und in den Tod. Die Bevölkerung hatte Bedauern mit dem auf tragische Weise verstorbenen Zimmermann und zog den boshaften Baumeister vors Gericht, das ihn als Strafe ins zehn Meter tiefe «Angstloch» steckte, welches er selber gebaut hatte. Der Turm aber blieb lange ohne Dach, bis sich ein Zimmermann getraute, die Arbeiten zu vollenden.

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