Solothurn

Von der grauen Maus zum kreativen Ort: Ein Bummel durch die Vorstadt

Luigi Fragale hatte eine Vision und hat sie der Stadt vorgestellt. Diese fand seinen Vorschlag gut und hat ihn umgesetzt.

Luigi Fragale hatte eine Vision und hat sie der Stadt vorgestellt. Diese fand seinen Vorschlag gut und hat ihn umgesetzt.

Die Vorstadt galt lange als der «mindere» Stadtteil. Doch seit einigen Jahren entwickelt sich das einst graue Quartier zu einem farbigen und kreativen Ort. Ein Augenschein zeigt, dass die Vorstädterinnen und Vorstädter viele Pläne haben und sich auch nicht scheuen, der Stadt Vorschläge zu unterbreiten.

20'000 bis 25'000 Autos fuhren noch 2007 täglich über den Dornacherplatz. Dann kam die Sperrung der Wengibrücke für den motorisierten Individualverkehr. Zurück blieben die vom Abgas schwarz gefärbten Häuserfassaden und ein Quartier, das auf einmal fast wie ausgestorben war. «Wenn eine Strasse so drastisch verkehrsberuhigt wird, dann gibt es viele Veränderungen. Einige Geschäfte funktionieren dann weniger, dafür wird Platz für Neues geschaffen», so Martin Tschumi, Präsident der Vereinigung Pro Vorstadt. Die Vereinigung hat sich bei der Gründung vor zwölf Jahren das Ziel gesetzt, die historische Vorstadt wiederzubeleben und die freigesetzten Möglichkeiten zu kanalisieren.

Heute sind die meisten Fassaden wieder farbig, einige wenige wirken von aussen immer noch heruntergekommen. «Wir von Pro Vorstadt sind im Gespräch mit den Hausbesitzern und ermutigen sie, ihre Häuser zu renovieren», sagt Tschumi. Hinter ihm sieht man die farbigen Stände des «Öufi Summer», links seine Dropa Drogerie Tschumi, nur wenige Autos fahren am Dornacherplatz vorbei und biegen in das Parkhaus Berntor ein.

«Historisch gesehen der ‹mindere› Stadtteil»

Dass es für einige Geschäfte auch heute in der Vorstadt noch nicht einfach ist, zeigt das Vorstadt Café. Dieses Lokal wird auf Ende Monat schliessen, weil es gemäss der Betreiberin zu wenig Laufkundschaft gibt. Die Vorstadt als «minderer» Stadtteil sei noch zu stark in den Köpfen verankert, ist sie überzeugt.

Eine Einstellung, die einen nachhaltigen Aufschwung bremse. «Die Vorstadt ist historisch gesehen der ‹mindere› Stadtteil», so Tschumi. So sei zum Beispiel das Gefängnis, in der Vorstadt gewesen. Das findet Tschumi aber nicht weiter schlimm, denn dies hat nicht mit der heutigen Situation zu tun. Er wertet das auch nicht. «Die Vorstadt ist ein volksnaher und kreativer Ort.»

Mieten seien hier bezahlbar. Er und seine Mitstreiter von Pro Vorstadt haben immer das Potenzial in der Vorstadt gesehen. «Wir wollen hier keine Kopie der Altstadt herstellen, sondern die vielfältige Vorstadt bewahren», erklärt er. So sei man auf die Besitzer der Liegenschaften zugegangen und habe ihnen Vorschläge gemacht. Bordelle und die zwielichtigen Geschäfte sind langsam kreativen Lokalen gewichen. «Wir haben der Stadt auch vorgeschlagen, die Trottoirs zu verbreitern. Jetzt können sich Busse auf der Höhe Hotel Ochsen nicht mehr kreuzen.»

Heute können sich die Busse hier nicht mehr kreuzen.

Heute können sich die Busse hier nicht mehr kreuzen.

Hoffnung auf mehr Leben auf dem Platz

Tschumi ist seit der Gründung 2008 Präsident von Pro Vorstadt. Er habe hier noch viel vor. Was ihn immer noch Kopfzerbrechen bereitet sei der Dornacherplatz. Er hofft jetzt, dass mit dem Stadtgarten «Öufi Summer» mehr Leben einkehren wird. Langfristig entscheidend sei aber, was mit den Liegenschaften um den Platz herum geschieht. Damit meint er auch die alten Häuser südlich des Dornacherplatzes. Ob er jetzt nach zwölf Jahren im Vorstand seiner Vereinigung nicht genug hat? «Meine Ressourcen sind bestimmt nicht mehr wie am ersten Tag. Ich hoffe auch, dass wir unser Vorstand breiter aufstellen können, damit wir entlastet werden», meint Tschumi.

Nicht nur Pro Vorstadt macht konkrete Vorschläge für diesen Stadtteil. Einige Schritte weiter Richtung Wengibrücke steht der Coiffeur Luigi Fragale in seinem Geschäft. Er trägt – wie es das Bundesamt für Gesundheit vorschreibt – eine Maske und rasiert den Nacken eines Kunden. Seit zwei Jahren ist er hier im Rossmarkt. Nebenan gibt es noch ein Kosmetik-Studio und ein Bistro – ein Familienunternehmen durch und durch.

Brunnen, Baum und Bank werden zum Minidorfplatz

Schräg gegenüber von seinem Laden auf der anderen Strassenseite ist die Einfahrt für das Parkhaus, rechts daneben steht eine Linde und darunter zwei öffentliche Bänke, eine Hecke umfasst den Baum im «U».

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Noch bis vor kurzem standen hier keine Bänke, sondern die Hecke umfasste den ganzen Baum. «Ich habe immer gedacht: Es wäre doch schön, wenn man eine Bank unter dem Baum aufstellen könnte. Direkt hinter dem Brunnen. Er hat dies der Stadt vorgeschlagen. Zuerst sei nichts geschehen und als er noch mal angerufen habe, sei die Planung schon fortgeschritten gewesen. «Und jetzt haben sie sogar zwei Bänke aufgestellt», sagt Luigi lachend. Jetzt muss er wieder zurück zu seinen Kunden.

Weiter die Prisongasse hinunter Richtung Unterer Winkel kommt man am alten Gefängnis vorbei. Am Ende der Strasse steht das «Weinstüberl» von Maia Beetschen. Sie ist seit letztem Herbst in diesem Lokal, aber schon länger im Unteren Winkel. «Es wäre so schön, wenn wir hier ein Begegnungsort hätten», meint sie. In diesem lauschigen Ecken in der Vorstadt gibt es kaum Verkehr.

Im Unteren Winkel wird eine Begegnungszone erwünscht.

Im Unteren Winkel wird eine Begegnungszone erwünscht.

Viele Velofahrer fahren vorbei. «Aber wir brauchen kein Trottoir mehr», meint sie. So könnte sie auch Tische und Stühle vor ihr Lokal stellen. Drei Frauen, die neben dem Stüberl ihre Geschäfte haben, würden das begrüssen. So sind die Frauen mit ihrem Anliegen auf die Stadt zugegangen. «Das wäre doch einfach zu gestalten», meint die Wirtin lachend und kehrt wieder zu ihren Gästen in das Lokal zurück.

Autorin

Judith Frei

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