Social Distancing

Tristesse an der Partymeile: Corona-Krise bringt Besucherstrom in der Altstadt fast zum Versiegen

«La vita è bella», heisst es an den Fenstern der fast menschenleeren Bar Soletta: Ein Motto, das auch in Zeiten der Corona-Krise hochgehalten werden sollte.

«La vita è bella», heisst es an den Fenstern der fast menschenleeren Bar Soletta: Ein Motto, das auch in Zeiten der Corona-Krise hochgehalten werden sollte.

Wo sonst der Bär steppt und das Nachtleben brummt, bringt die Corona-Krise den Besucherstrom in der Solothurner Altstadt fast zum Versiegen.

Nie war es an einem Samstagabend so leicht, in der Stadt einen freien Parkplatz zu finden. Dem neuen Modewort «Social Distancing» kann auch in den engsten Gassen der Altstadt problemlos nachgelebt werden. Erschreckend der Blick durch das Fenster des Stadttheaters: Zwei Frauen arbeiten hinter der Bar, aber kein einziger Gast ist da.

Statt wie sonst Prosecco zu servieren, sind die beiden Frauen am Telefon beschäftigt. «Wir hatten dieses Wochenende extra aus zwei Vorstellungen drei gemacht, damit wir die Vorgabe, höchsten 150 Zuschauer pro Vorstellung, erfüllen konnten», beschreibt Eveline Wittwer ihre Sisyphusarbeit. «Wir mussten alle Gäste anrufen, um sie auf die drei Vorstellungen zu verteilen. Und am Freitagabend verkündet der Bundesrat, alles ist verboten. Wir müssen nochmals alle anrufen, diesmal um abzusagen. Wir verstehen, dass es strenge Schutzmassnahmen gegen das Corona-Virus braucht, und wir sind solidarisch. Aber musste das Totalverbot durch den Bundesrat ausgerechnet an einem Freitagabend kommuniziert werden? Wäre das nicht auch an einem Dienstag oder Mittwoch möglich gewesen?»

«La vita è bella» ist am Schaufenster der Bar Soletta zu lesen. Die Tische an der frischen Luft am Landhausquai erzählen eine andere Geschichte. Bei einer Temperatur von immer noch zehn Grad tanzt hier normalerweise an einem Samstagabend der Bär. Diesmal einsame Tristesse. Vor der «Landhausbar» raucht auch nur einer alleine seine Zigarette.

«Der Umsatzrückgang ist markant»

Dafür ist die Pizzeria «Zur Grünen Ecke» um 21 Uhr gut besetzt. Lassen sich die Leute das Nachtessen im Restaurant nicht vermiesen? «Der Eindruck täuscht», klärt Inhaber Pero Vidojevic die Situation, «wir haben weniger als die Hälfte der Gäste. Den Saal oben machen wir gar nicht mehr auf, weil wir maximal 50 Personen bedienen dürfen. Wir schwimmen, damit wir nicht untergehen. Aber ich mache mir grosse Sorgen.»

Mittlerweile hat sich die Cafébar Barock immerhin locker gefüllt. Beim normalerweise bis zum Bersten vollen Irish Pub sind es handgezählt exakt 23 Gäste. Gleich daneben im «Solaare» geniesst ein Pärchen einen ruhigen Abend, alle anderen Plätze sind leer. So um 23 Uhr ist dann auch hier etwas mehr Betrieb, aber den empfohlenen Sicherheitsabstand von zwei Metern kann man locker einhalten. Trotzdem bleibt das «Solaare» wie gewohnt bis zwei Uhr offen.

«Es hat weniger Leute als sonst», sagt Matthias Keiser, an diesem Abend der Chef im «The Dock». «Wir haben beschlossen, nicht über das Corona-Virus zu reden. Wir halten die Vorschriften ein und desinfizieren unsere Hände etwas öfter. Aber sonst ist bei uns alles wie immer. Wir bedienen unsere Gäste mit guter Laune und wollen zusammen eine schöne Zeit er­leben.»

Beim Kanton Kurzarbeit angemeldet

Benjamin Messer, der hier zusammen mit drei Freunden ein Bierchen trinkt, gibt dagegen zu, dass er es sich lange überlegt habe, ob er überhaupt aus dem Haus gehen soll. Sein Fazit: «Das Leben muss weitergehen. Die neuen Massnahmen sind gut, ich unterstütze sie, denn wir dürften das Virus nicht unterschätzen.» Aber er habe schlaflose Nächte. «Ich habe heute für mein Geschäft, Messer Böden in Bellach, beim Kanton Kurzarbeit angemeldet. Es kommen fast keine Kunden mehr in den Laden und ich habe ausgerechnet, wie lange es gehen würde, bis die Liquidität aufgebraucht ist, wenn niemand mehr bei uns einkauft.»

Keine Chance bei 240 Grad

«Es ist viel zu ruhig bei uns», zieht Stefan Fries, zusammen mit seiner Frau Sandra Inhaber des neuen Restaurants «Flamme», eine Zwischen­bilanz. «Wir dürfen hier bis 48 Personen gleichzeitig bedienen und auf den ersten Blick betrifft uns die neue Vorschrift des Bundes eigentlich nicht. Wir backen unsere Flammkuchen bei 240 Grad, da hat das Virus keine Chance. Und wir desinfizieren Türfallen, Tische und Theke regelmässig.

Aber jetzt ist der Umsatzrückgang markant.» Auch Stefan und Sandra Fries werden von Existenzangst geplagt. «Zum Glück haben wir keine Angestellten und somit keine festen Lohnkosten. Seit dem Start vor neun Monaten ist es hervorragend gelaufen. Aber jetzt wird es für uns eng, wenn das mit der Corona-Krise noch lange so weitergeht.»

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