Kontroverse Filme gehören zu den Solothurner Filmtagen. In diese Tradition könnte sich auch Stina Werenfels' neuer Spielfilm "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern" reihen. Die Geschichte der geistig behinderten jungen Dora wagt sich an einige der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Die beeindruckende Verfilmung von Lukas Bärfuss' Theaterstück feierte am Freitagabend in Solothurn ihre Premiere.

Als Dora (Victoria Schulz) 18 Jahre alt wird, entschliesst sich ihre Mutter (Jenny Schily), ihrer Tochter keine beruhigenden Medikamente mehr zu verabreichen. Dora blüht auf - und vor allem entdeckt die junge Frau ihre Sexualität. Und das tut sie derart schamlos und naiv, dass sich wohl der eine oder andere Zuschauer vor den Kopf gestossen fühlen wird.

Trailer zu «Dora Oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» – Ein Film von Stina Werenfels ("Nachbeben").

Trailer zu «Dora Oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern»

Scheinbar willkürlich wählt Dora einen Mann aus. Peter (Lars Eidinger) nutzt die uneingeschränkte Zuneigung der behinderten Frau aus und missbraucht sie. Obwohl im Akt Peters von Liebe keine Spur zu spüren ist, stellt Dora ihm weiterhin nach und geht eine Affäre mit ihm ein. Der Mann ist angezogen und abgestossen zugleich von der entfesselten Lust der jungen Frau.

Eine schwierige Frage

Mit Doras Umgang mit der ersten Sexszene, die eindeutig eine Vergewaltigung ist, wagt sich Werenfels auf Glatteis, denn die Protagonistin scheint am rohen Akt in einer Bahnhofstoilette Gefallen zu finden.

Doras hemmungsloses Sexleben führt bald zu einer Schwangerschaft. Die Eltern - die Mutter steht kurz vor der Menopause und versucht gerade ein zweites Kind zu bekommen - lassen Dora das Kind abtreiben.

Doch die junge Frau wird erneut schwanger - hier unterscheidet sich die Handlung von Bärfuss' Theaterstück, das 2003 im Theater Basel seine Uraufführung feierte: Im Stück bittet die Mutter den Arzt, ihre Tochter bei der Abtreibung zu sterilisieren. Werenfels hingegen lässt ihre Dora ein zweites Mal schwanger werden - mit allen Konsequenzen für die junge Frau und ihr Umfeld.

Und damit wagt sich die Filmemacherin, die erstmals seit "Nachbeben" (2006) wieder einen Kinofilm gedreht hat, an ein weiteres Tabu: Dürfen Menschen mit einer geistigen Behinderung Kinder bekommen? Antworten gibt die Regisseurin keine, aber mit ihrem bewegenden, aber dennoch lebendig-leichten Spielfilm wirft sie wichtige Fragen auf.

Leidenschaft oder Stabilität?

Bereits am Donnerstag feierte Claudia Lorenz' Debüt "Unter der Haut" Premiere. Auch im Familiendrama, das die Filmtage eröffnen durfte, werden relevante Fragen an die Gesellschaft gestellt. Familienvater Frank hat jahrelang seine Homosexualität unterdrückt und sich nun in einen Mann verliebt. Soll er seinen Sehnsüchten nachgeben und damit seine Familie aufgeben? Oder soll er den Kindern und der Frau zuliebe bleiben?

Trailer zu «Unter der Haut» (ein Film von Claudia Lorenz)

Trailer zu «Unter der Haut»

Auf eine stillere, aber nicht minder bewegende Weise konfrontiert die junge Regisseurin ihre Figuren mit diesen Fragen - das geht unter die Haut. Beide Spielfilme dürfen sich berechtigterweise Hoffnung machen auf den mit 60'000 Franken dotierten "Prix de Soleure", der am Ende der Filmtage vergeben wird.

Mit den beiden Dokfilmen "Thomas Hirschhorn - Gramsci Monument" (von Angelo Alfredo Lüdin) und "Spartiates" (von Nicolas Wadimoff) feierten am Freitag zudem zwei weitere "Prix de Soleure"-Kandidaten ihr Welt- beziehungsweise Schweizer Premiere. Karim Patwa zeigt am Samstag sein Debüt "Driften", den dritten Spielfilm im "Prix de Soleure"-Wettbewerb.