Bach führte die Johannes-Passion an Karfreitag 1724 erstmals auf. 290 Jahre später bot Andreas Reize mit den Singknaben eine historisch artikulierte, schlüssige Wiedergabe in der Jesuitenkirche, die gleichermassen bewegte und begeisterte.

Sowohl der Dirigent wie auch zwei der Solisten (Jan Börner und Marc-Olivier Oetterli) haben als Buben bei den Singknaben gesungen, und auch Michael Mogl war als Regensburger Domspatz Mitglied eines Knabenchores. Vollblutmusiker, welche die Johannes-Passion verinnerlicht und Bach im Blut haben.

So wie die heutigen Singknaben der St.-Ursen-Kathedrale, die mit der Musik des Barockmeisters aufwachsen. Gemeinsam mit der Sopranistin Gunta Smirnova und dem auf Alte Musik spezialisierten cantus firmus consort boten sie zwei Stunden Passionsmusik auf hohem Niveau.

Eine Johannes-Passion, so lebendig wie Bach, wie Musik nur sein kann. Eine Aufführung, die im Innersten zusammengehalten wurde und die Leidensgeschichte Jesu nachempfinden liess.

Andreas Reize wählte dafür die kleine Chorbesetzung, die durchwegs mit dichtem, homogenem Klangbild und dramatischer Verve überzeugte. Die Singknaben loteten ihren Part mit klar geformter Polyfonie aus.

Pointiert die Einwürfe «Er ist des Todes schuldig», die Sprünge bei «Kreuzige» und prägnant der Tanz um Jesus Rock «Lasset den uns nicht zerteilen». Besonderes Lob verdient auch das cantus firmus consort, welches auf Instrumenten in historischer Bauweise und Stimmung in kammermusikalischer Besetzung musiziert: sauber intonierende Streicher, klangschöne Oboen und Traversflöten.

Ein gutes Händchen bewiesen

Andreas Reize hat ein in den Klangfarben raffiniert abgestimmtes Instrumentarium zusammengestellt. Als Spezialist für Alte Musik und als erfahrener Chorpädagoge legt er Wert auf eine transparente Klangbalance.

Auch beim Solisten-Quartett, bei dem er ein gutes Händchen bewies. Allen voran Jan Börner, der gleich in zwei Stimmlagen punktete: als Bariton mit der Partie des Jesus und als Altus mit den Altarien.

Countertenöre sind Sänger, die durch eine besondere Technik so hoch singen können wie Frauen. Jan Börner erreicht mit seiner Kopfstimme die Altlage. Wendet er die spezielle Technik nicht an, singt er in der Baritonlage, in der er die Unbeirrbarkeit des Gottessohnes würdevoll gestaltete.

Zu seiner Bravourarie machte Jan Börner die Altarie «Es ist vollbracht» mit hinreissenden Koloraturen und aus dem Falsett entwickelter Höhe. Mit subtilem und expressivem Ausdruck berührte er unmittelbar.

Dies gelang auch Marc-Olivier Oetterli. Der Passions- und Bühnen-erfahrene Bass-Bariton agierte als Pilatus prononciert und deutete den Text. Er sang die Arien tonschön und schenkte jeder Phrase eigenes Kolorit.

Eine Monsteraufgabe hatte Michael Mogl zu bewältigen, der sowohl den Evangelisten wie auch die Tenorpartie sang. Mit schön timbrierter, schlanker Stimme schaffte er fast alle Hürden der vertrackten Rezitative, nahm Anteil am Leiden Christi mit geschmackvoll dosiertem Pathos. Gunta Smirnova glänzte in beiden Arien mit silbrig schimmerndem Sopran.

Unter Andreas Reizes Leitung erschütterte ein dramatisches Ereignis die Jesuitenkirche, ein Ereignis, das eine spirituelle Atmosphäre schuf und verdient stehende Ovationen erntete.