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Immer mehr kleine Lebensmittelläden eröffnen in Solothurn – doch ist die Nachfrage da?

In der Stadt Solothurn gibt es immer mehr kleine Lebensmittelläden. Da stellt sich die Frage: Ist die Nachfrage gross genug für dieses Angebot?

Judith Frei
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Beim Marktplatz, wo heute noch die Leinenstube zu finden ist, eröffnet bald der neue Bioladen Mezzogiorno.

Beim Marktplatz, wo heute noch die Leinenstube zu finden ist, eröffnet bald der neue Bioladen Mezzogiorno.

Hanspeter Bärtschi

Mitten in Solothurn am Marktplatz gibt es eine Veränderung: Der Leinenladen schliesst Ende März für immer die Türen. Im Mai, wenn sie wieder aufgehen, kann man dort keine Wohntextilien, sondern Lebensmittel kaufen. Der Laden heisst dann Mezzogiorno und bietet ein Vollsortiment an Bioprodukte an. «In der Stadt Solothurn gibt es eine Nachfrage nach Bioprodukte», sagt Inhaberin des «Mezzogiornos», Katharina Nüssli.

Die Solothurnerin kennt den Biomarkt schweizweit und in Solothurn. Sie ist überzeugt, hier hat es das Potenzial für ein weiteres Geschäft. «Sonst würde ich ja keinen neuen Laden eröffnen», meint sie lachend.

Doch sie wird sich auch dem schon bestehenden Angebot anpassen: «Ich werde bestimmt einige Marken nicht anbieten, die man im Bioladen Gänterli findet.» Katharina Nüssli hat die Vision, dass ihr Laden am Marktplatz zu einem Treffpunkt wird, wo lokale Produkte angeboten werden und wo die Kundschaft auch Wünsche anbringen kann.

Auffällig viele Neueröffnungen in der Stadt

Dass es eine Nachfrage in Solothurn gibt, davon ist nicht nur Nüssli überzeugt. Immer mehr kleine Lebensmittelläden eröffnen ihre Türen. In den letzten Monaten erschienen mehrere neue Lebensmittelläden auf der Bildfläche: In der Vorstadt der italienische Spezialitäten-Laden «Punto Italiano», ebenfalls in der Vorstadt vergrösserte sich die «Grüeni Chuchi» und heisst seither «Vlinder».

In der Weststadt gibt es seit Dezember den türkischen Supermarkt «Yenikasap» und beim Klosterplatz hat Bernhard Studer den Laden «Pur» eröffnet, wo man kulinarische, natürlich produzierte Lebensmittel von kleinen Schweizer Herstellern kaufen kann. Und zu guter Letzt, wird dieses Jahr Alnatura in Solothurn eine Filiale eröffnen.

Neben diesen Neueröffnungen gab es aber schon seit Jahren kleine Lebensmittelläden: Zum Beispiel die Stadt-Chäsi oder, wie schon erwähnt, die Genossenschaft Gänterli. Barbara Walter von der Stadt-Chäsi beobachtet die Entwicklung in der Stadt, besorgt ist sie aber nicht:

«Diese Läden beleben die Altstadt»,

ist Walter überzeugt. Dass diese eine direkte Konkurrenz für ihren Laden seien, glaubt sie nicht: «Für uns wäre es schwieriger gewesen, wenn der Coop gegenüber von unserer Chäsi gekommen wäre.» Und sie ist sicher: «Viele kommen wegen unserer Käsetheke in die Chäsi.»

Blick in die Stadt-Chäsi Solothurn: Die Geschäftsführerin, Barbara Walter-Misteli, vor der Käsetheke.

Blick in die Stadt-Chäsi Solothurn: Die Geschäftsführerin, Barbara Walter-Misteli, vor der Käsetheke.

Hanspeter Bärtschi

Ein Trend, der man in der ganzen Schweiz beobachten kann

Für die Forscherin am Institut für Marketing Management im Bereich Behavioral Marketing an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Dr. Nina Heim, ist der Trend hin zu kleinen Lebensmittelläden nicht überraschend. «Schon seit einiger Zeit kann man beobachten, dass sich das Konsumverhalten in einem gewissen Kundensegment verändert hat», sagt Heim, «Viele konsumieren heute bewusster.»

Dr. Nina Heim, Forscherin am Institut für Marketing Management im Bereich Behavioral Marketing an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Dr. Nina Heim, Forscherin am Institut für Marketing Management im Bereich Behavioral Marketing an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

ZhaW School Of Management

Themen wie Nachhaltigkeit und Gesundheit seien gewissen Konsumentinnen und Konsumenten wichtig. Diese Tendenz sei nicht nur in Solothurn zu beobachten, sondern in der ganzen Schweiz.

«Die Quartierläden wurden wiederentdeckt», so Heim. Diese Läden befriedigen verschiedene Bedürfnisse: Die Produkte werden lokal hergestellt und sind oft biologisch produziert.

Durch die überschaubare Grösse der Geschäfte würde oft eine engere Beziehung zwischen der Kundschaft und dem Personal im Laden entstehen. Wenn ein Kunde einen Sonderwunsch für das Sortiment hat, kann darauf besser eingegangen werden.

Dass es dauerhaft zu viele Läden an einem Ort gibt, das bezweifelt Heim. «Es handelt sich hier um einen nachhaltigen Trend», ist sie überzeugt. Die Coronapandemie hat diesen Trend bestärkt und vorangetrieben. Konsumentinnen und Konsumenten hätten bemerkt, dass es gut sei, einen Lebensmittelladen im Quartier zu haben.

Ein weiterer Trend kommt auch den kleinen Läden zugute: Viele Leute verzichten darauf, bei Grossverteilern ihren gesamten Wocheneinkauf zu machen, und kaufen in verschiedenen Läden ihre Lebensmittel ein. Für Heim ist klar: «Mit einer starken Kundenbeziehung können die Geschäfte länger erfolgreich sein.»

Wie sich das in Solothurn entwickeln wird, kann man aktuell nicht abschätzen, denn viele neue Läden, die entstanden sind, finden eine leere Stadt vor und die neu eröffneten Läden hatten noch keine Chance, entdeckt zu werden. Aus diesen Gründen ist es für Bernhard Studer, dem Inhaber des Purs, schwierig eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Am Ritterquai bietet Bernhard Studer seit Oktober im Pur unter anderem Trockenfleisch an.

Am Ritterquai bietet Bernhard Studer seit Oktober im Pur unter anderem Trockenfleisch an.

Tom Ulrich

Er hat den Laden im Oktober eröffnet, damals galt schon die Maskenpflicht und seither kamen immer mehr Einschränkungen für das Gewerbe. «Es ist für uns sehr schwierig abzuschätzen, wo wir stehen. Es fehlt die Laufkundschaft», sagt er.