Mit Alt-Bundesrat Leuenberger
«Gwunder», Gefahren und Kampf gegen Stereotypen: Das war der zweite Digitaltag in Solothurn

Die Digitalisierung greift um sich. Dementsprechend vielfältig präsentierte sich der zweite Digitaltag in Solothurn. Ein Einblick in drei Schwerpunkte des Programms.

Fabio Vonarburg und Judith Frei
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Digitalisierung und die Demokratie

Alt Bundesrat Moritz Leuenberger sprach über die Digitalisierung und ihren Einfluss auf die Demokratie.

Die Rede des Alt Bundesrats: Am zweiten Digitaltag in Solothurn war Moritz Leuenberger zu Gast.

Die Rede des Alt Bundesrats: Am zweiten Digitaltag in Solothurn war Moritz Leuenberger zu Gast.

Tom Ulrich
«Wir mutieren zu Wesen, die nur Mäh! oder Bäh! sagen dürfen»

«Ich war ja Politiker», sagte Moritz Leuenberger, «da glaubte ich immer mit meinen politischen Ideen könne ich die Welt verändern. Je weiter ich weg bin, muss ich sagen, es sind immer die Technologien, die die Welt verändern.»

Mit der Eröffnungsrede von Alt Bundesrat Moritz Leuenberger hatten der zweite Digitaltag in Solothurn bereits früh ein Highlight. Leuenberger war zu Gast als Präsident des Leitungsausschusses der Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung TA-Swiss. Die Stiftung hat mehrere Studien zum Thema Digitalisierung und Demokratie in Auftrag gegeben.

Leuenberger teilte seine persönlichen Gedanken dazu mit den Zuhörerinnen und Zuhörern. Digitalisierung führe zu binären Denk- und Verhaltensmuster, führte er etwa aus. Analog zum Computer werde auch der Mensch vermehrt zu diesem binären Verhalten konditioniert. Stetig sei man nun Multiple Choices ausgeliefert.

Und er sagte den Satz, den er im Sommer bereits zur Tagesschau sagte, «und der zur Folge hatte, dass ich heute hier eingeladen bin», scherzte Leuenberger, da ihn am Tag darauf die Standortförderung Espace Solothurn kontaktiert hat, die den Digitaltag in Solothurn organisiert:

«Wir mutieren zu Wesen, die nur Mäh! oder Bäh! sagen dürfen.» Also nur Ja oder Nein. Antworten ausserhalb dieses Schemata gingen verloren, es komme immer mehr zu einer Polarisierung. «Die Reduktion auf entweder oder entspricht nicht dem inneren Wesen einer Demokratie.» Der Meinungsbildungsprozess innerhalb einer Demokratie wolle ganz bewusst widersprüchliche Meinungen austarieren.

«Wir können Politik nicht Algorithmen überlassen.»

Trotz seinen mehrheitlichen skeptischen Voten strich er zum Schluss noch hervor, dass es im Zuge der Digitalisierung viele innovative Projekte zugunsten der Demokratie geben würde. Wie Apps für lokale Probleme oder die Möglichkeit viel schneller Unterschriften zu sammeln als früher.

Moderatorin Anita Panzer sprach Leuenberger auf seine skeptischen Töne an, fragte ihn, ob er die Digitalisierung nun mehr als Chance oder Risiko für die Demokratie sehe. «Die Digitalisierung ist ein Gewinn. Es muss aber nicht alles tolerieren werden, was damit gemacht werden kann», sagte Leuenberger.

Stefanie Ingold bei der Eröffnung 2. Digitaltag in Solothurn

Stefanie Ingold bei der Eröffnung 2. Digitaltag in Solothurn

Tom Ulrich

An der Eröffnung des Digitaltages gab es zudem eine Premiere: der erste öffentliche Auftritt der neuen Stadtpräsidentin. Sie sei ein Fan von der Digitalisierung, «fasziniert von den Möglichkeiten», sagte Stefanie Ingold. Sie betonte aber auch, wie wichtig persönliche Begegnungen und der Austausch sei.


Frauen in der ICT-Branche

Im Kino Uferbau wurde über den Fachkräftemangel und den niedrigen Frauenanteil in der Informations- und Kommunikationstechnik-Branche diskutiert.

Debattierten über Frauen in der ICT-Branche: Kurt Munter, Prof. Dörte Resch, Priska Altorfer, Brigit Kohler, und Monika Vollmer-Michel (von links).

Debattierten über Frauen in der ICT-Branche: Kurt Munter, Prof. Dörte Resch, Priska Altorfer, Brigit Kohler, und Monika Vollmer-Michel (von links).

Tom Ulrich
«Wir sind einfach froh, wenn wir jemanden finden»

«Sind ICT-Berufe etwas für Nerds?», fragte die Professorin an der FHNW, Dörte Rensch zu Beginn der Veranstaltung «Erfolgsfaktor Frau in der ICT». Dies sei das stereotypische Bild, das viele von den verschiedenen Berufen dieser Branchen haben. «Diese Bilder sind kulturell bedingt und basieren nicht auf natürlich gegebenen Fakten», erklärte die Professorin. Daher sei es auch möglich, dieses Image zu ändern. Das sei wichtig, da diese Vorstellungen, die man von einer Branche hat, viele davon abhält, diese als Arbeitsfeld in Betracht zu ziehen.

Der momentane Fachkräftemangel verlangt, dass diese Berufe ein attraktiveres Image bekommen, bei einem geringen Frauenanteil von 15 Prozent müssen die Berufe insbesondere für Frauen ansprechend präsentiert werden. Dabei würde es nicht reichen, dass Frauen in Informationsbroschüren abgebildet werden. Es brauche eine tiefgreifende Imageänderung, bei der die nötigen Kompetenz, die für diesen Beruf vonnöten sind, ins Zentrum gerückt werden.

«Sozialkommunikative Kompetenzen sind in diesen Berufen wichtig. Man muss nicht als Kind schon ein Computer auseinandergebaut haben, um für diese Branche geeignet zu sein», erklärte Resch. «Ich würde mir wünschen, dass Frauen und Männer eine Berufslehre in dieser Branche wählen, wie heute das KV gewählt wird.»

«Wir brauchen nicht nur Programme, die Mädchen fördern, sondern auch Programme, die Frauen in diesen Berufen halten», sagte Priska Altorfer, Vize-Präsidentin SI Schweizer Informatik Gesellschaft. Es gäbe zu viele Frauen, die diese Branche wieder verlassen würden.

Eigentlich sei ein digitalisiertes Arbeitsumfeld ideal für Frauen mit Kinder, da das Umfeld so flexibler werde, erklärte die fünffache Mutter. Doch die Firmen müssen das Arbeitsumfeld attraktiver für Frauen gestalten. Dafür wurde auf europäischer Ebene ein Label für Firmen entwickelt: DiversIT, the European Digital Women Diversity Charter. Sie hofft, dass so die Programme für Frauen «in die DNA der Unternehmen gehen».

Brigit Kohler, Head of Business Engineering bei queo swiss AG, bestätigt den Fachkräftemangel und weist darauf hin, dass sechs Stellen bei ihnen offen sind, die sie nicht besetzen können. «Wir sind einfach froh, wenn wir jemanden finden, egal ob Frau oder Mann.»

Was geschehen müsse, dass der Fachkräftemangel bekämpft und auch mehr Frauen in dieser Branche arbeiten, fragte Moderatorin Anita Panzer zum Abschluss. Das Panel meint unisono, dass die Schulen hier in der Pflicht seien. Schon in einem jungen Alter müssen die Kinder, egal ob Bub oder Mädchen, spielerisch an dieses Thema herangeführt werden.


Seniorinnen und Senioren lernen die digitiale Sprache

Vorkenntnisse waren hier keine nötig: Pro Senectute vermittelte Seniorinnen und Senioren das nötige Rüstzeug für die digitale Welt.

Seniorinnen und Senioren erhielten Tipps für die digitale Welt.

Seniorinnen und Senioren erhielten Tipps für die digitale Welt.

Tom Ulrich
«Habt ihr Angst vor dem Internet?»

Zwei Seniorinnen blicken auf ihre Smartphones, erklären sich gegenseitig, was wie funktioniert und sind damit schon bevor der eigentliche Vortrag beginnt voll im Thema drin. «Seniorinnen und Senioren lernen die digitale Sprache» lautete dieses, organisiert von der Pro Senectute. Der Vortrag ist das Paradebeispiel, was der Digitaltag in Solothurn sein will: Ein niederschwelliger informativer Event, der keine Vorkenntnisse voraussetzt.

«Ich sitze nicht ohne Grund bei den Zuhörerinnen und Zuhörern», sagte Ida Boos, Geschäftsleiterin der Pro Senectute Kanton Solothurn. Auch sie könne noch viel lernen. Ihre Botschaft an die Anwesenden: «Verschliesset euch nicht vor der digitalen Welt, seid aber aufmerksam und übernehmt das Steuer, dass ihr nicht wie ein Boot in eine Sturm herumgewirbelt werden. Holt euch Hilfe.»

Genau dies war das Ziel des Vortrags von Pro Senectute: Den Seniorinnen und Senioren Wissen zur Verfügung zu stellen, mit dem sie sich besser in der digitalen Welt zurechtzufinden. Dafür waren zwei Experten vor Ort. Einerseits Olivier Hojac, der Leiter digitale Projekte Pro Senectute Kanton Solothurn und Ueli Kurt, einer der Digital Coaches der Organisation.

Sie sprachen über die Wahl des Geräts, die Unterschiede zwischen den Betriebssystemen, über die verschiedenen Apps, mit denen man kommunizieren kann, aber auch, wie man den Überblick über alle Passwörter behält. Auch die Sicherheit war ein Thema. In diesem Zusammenhang riet Ueli Kurt, die Standardeinstellungen nur dann zu verändern, «wenn man weiss, was man macht». Und der Digital Coach von Pro Senectute frage: «Wer hat Angst vor dem Internet?», und versuchte diese zu nehmen, aber auch auf reale Gefahren aufmerksam zu machen.

«Für mich war es fantastisch», sagte eine Teilnehmerin am Schluss. «Ich muss einfach meine Ängste abbauen.» Die Sitznachbarin ergänzt: «Man kann nichts kaputt machen», und Ueli Kurt pflichtete bei: «Genau, man kann alles wieder flicken.»

Ueli Kurt, Digita Coach, Pro Senectute.

Ueli Kurt, Digita Coach, Pro Senectute.

Tom Ulrich

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