Die menschliche Stimme ist das einfachste und schönste Instrument, das wir kennen und in chorischer Vielstimmigkeit seit Jahrhunderten bei geistlichen und weltlichen Kompositionen schätzen.

Andreas Reize, seit elf Jahren Leiter der Singknaben der St.-Ursen-Kathedrale Solothurn, hatte für dieses Bettagskonzert ein 15-teiliges Programm mit kompositorischen Dokumenten aus der frühen Neuzeit bis hin zur Gegenwart zusammengestellt.

Man spürte, dass Pflege und Aufführung von Werken zeitgenössischer Tonschöpfer bei Reize und seinen 48 beteiligten Chorsängern in besten Händen sind. Die Kompositionen dieser Musik-Autoren, die jünger als 55 Jahre sind, gestaltete die Gesangsgemeinschaft im und vor dem Altarraum.

Die Frische der Interpretation, der Einfallsreichtum der Werke mit effektreichem Über- und Nebeneinander der Stimmführung, die Reinheit der Intonation und nicht zuletzt der mitreissende rhythmische Gehalt, veranlassten das Publikum zu spontanem Beifall und badeten später Singende und Dirigent in lang anhaltenden, dankbaren Applaus.

Neue Formen und Namen

Paul Mealor, geboren 1957, stammt aus dem walisisch-britischen Landesteil. Er erlangte Bekanntheit durch die Aufführung einer Motette anlässlich der Hochzeit 2011 von William und Kate. Sein Friedensgebet des heiligen Franziskus von Assisi ging in lyrischer Tonsprache zu Herzen.

Ebenso wie die begeistert aufgenommenen beiden Werke des 43-jährigen Josu Eberdin. Als Spanier lässt er typischen Rhythmus und Melodien wie etwa im Vortrag «Gaur Akelarre» (Von Hexen und Hexenmeistern) zu einer spannenden Geschichte verschmelzen.

Eingestreut die geistlichen Kompositionen: «Alleluja» des Amerikaners Jake Runestad (1986), «A Blessing» seines Landsmanns Jim Clements (1983), «Jubilate Deo» des aus Locarno stammenden, inzwischen weltbekannten Komponisten Ivo Antognini (1963) und schliesslich Ben Parry, dem 1965 geborenen Briten mit seiner swingenden, zur Bewegungsshow einladenden Nähe zum Jazz in «Sing a cappella».

Die Stadthymne

Eine Sonderrolle im zweiten Konzertteil nahm der einheimische Musiker, Chorleiter und Komponist Mario Ursprung (1944) ein, dessen Fassung aus dem Jahr 2004 des liebenswerten Solothurnerliedes unter den Zuhörenden stille Begeisterung hervorrief.

Am 22. September findet bekanntlich die Vernissage mit Ursprungs Forschungsarbeiten zur «Solothurner Stadthymne» statt, die auch der Chor der Singknaben begleitet. Diese Melodie wird als Teil des Konzertprogramms an der bevorstehenden Reise der Singknaben mit Auftritten in England und Schottland als romantischer Gruss aus dem «Stedtli an d’Aare» aufgeführt. Das Publikum in der Jesuitenkirche kam wie alljährlich vertraut in den Genuss der Uraufführung des bevorstehenden Konzertreise-Programms.

Die älteren Meister

Die Entwicklung der A-cappella-Gesangskunst als Königsweg der vokalen Musik machte Andreas Reize an vier älteren Meistern deutlich. Der italienische Renaissance-Tonschöpfer Giovanni Croce (1557–1609) eröffnete in «Laudate Dominum» von der Empore herab mit zwei vierstimmigen Chören. Ausnahmsweise mit Orgel (Benjamin Guélat) untermalt gefielen die beiden Chorsätze des Engländers William Byrd (1543–1623) als Vertreter des «goldenen Zeitalters» der dortigen Tonkunst.

Als historisches Beispiel fand der in gregorianischem Stil von Tenorstimmen gesungene Psalm 89 Platz. Der Londoner Henry Purcell (1659–95), selbst Chorknabe dort, bewegte mit seinem an Motiven reichen, prachtvollen «Magnificat». Felix Mendelssohn-Bartholdy, der in seinem kurzen Leben von 1809-47 zahlreiche Konzertreisen auf die britische Insel unternahm, hat klanggewaltige A-cappella-Werke hinterlassen, die variationsreich auf dem protestantischen Cantus firmus aufbauen.