Solothurn

Seit 100 Jahren liefert der «Hofer» eine süsse Versuchung nach der andern

1919 liess sich Paul Hofer senior in Solothurn nieder und gründete am Stalden die Confiserie Hofer. Das Familienunternehmen floriert auch in der dritten Generation mit inzwischen drei Standorten in der Stadt.

Unten das Tea Room und der Verkaufsladen, oben auf zwei Stockwerken die Backstube, Lager- und Fertigungsräume - alles schön geschichtet wie bei einer Crèmeschnitte. Wir sitzen in geschichtsträchtigen Räumen. Erika Hofer, 93, erzählt wie wenn es gestern gewesen wären. «1919 kauften meine Schwiegereltern das Haus hier am Stalden. Das Tea-Room war damals noch über dem Laden, die Produktion im Keller.» Dann erwarb das Ehepaar Hofer das Haus nebenan und das Tea-Room wurde dort angesiedelt. «Zusammen mit der Confiserie Kellerhals hatten wir die ersten Tea-Rooms in der Stadt.»

Paul Hofer Senior muss ein gewiefter, ausgewiesener Fachmann gewesen sein, hatte er doch noch vor dem 1. Weltkrieg als Confiseur in englischen und französischen Grand Hotels gearbeitet. Einer seiner Söhne, Fredi, begründete das ebenfalls noch heute bestehende Goldschmiede-Fachgeschäft Hofer. Paul Junior dagegen führte das Werk seiner Eltern weiter. «1951 übernahmen wir die Confiserie und das Tea Room. Meine Mutter wollte noch unbedingt die Ostern durchziehen.»

Blick in die Backstube der Confiserie Hofer aus Solothurn

Blick in die Backstube der Confiserie Hofer aus Solothurn

Heisse Ostereier

Noch gut erinnert sich Erika Hofer an den 5. April 1955, als das Landhaus abbrannte. «Es war kurz vor Ostern und wir machten im Keller Schoggi-Eier fertig. Da wurde es plötzlich heiss – auch für die Eier. Das Landhaus stand in Flammen und wir spürten die Hitze bis hierher am Stalden.» Ein Bäcker sei dann aufs Dach geeilt, um es abzuspritzen, «falls die schreckliche Glut bis zu uns geflogen wäre.»

Manche, auch nicht so lustige Anekdote, weiss die ehemalige Geschäftsfrau zu erzählen. Von einem durchgehenden Pferd ohne seinen Reiter, das zuletzt im Tea-Room gelandet und dort verblutet sei. Oder jene «verehrte Madame», die sich damals jeden Mittag zusammen mit den Stammgästen, den Pensionären, von der herum gereichten Menü-Platte verpflegt hatte – bis sie eines Tages zusammenbrach und mitten im Tea Room verstarb.

Der Kampf um Arbeitskräfte

In den Nachkriegsjahren boomte das Geschäft, «damals wurden Pralinees gleich kiloweise verschenkt, und am Nikolaustag Bänze mit Chlause-Härdöpfu in die ganze Schweiz verschickt.» Einmal allerdings sei ihr ein Fauxpas unterlaufen: Ein Solothurner Unternehmer habe sie geheissen, zwei Gräfinnen in Deutschland einen süssen Gruss aus der Confiserie Hofer zukommen zu lassen. «Aber ja nicht die Kärtchen verwechseln», habe ihr der Auftraggeber eingeschärft. Was dann prompt geschah. «Aber er hat es mir nicht nachgetragen», lacht Erika Hofer noch heute über das Missgeschick.

Ihr grösstes Dilemma: Der damalige Wirtschaftsboom sorgte für einen eklatanten Arbeitskräftemangel. «Die Leute arbeiteten lieber in der Fabrik, wo sie am Samstag frei hatten. Unsere Konditoren rekrutierten wie in Deutschland. Ganz schlimm war es beim Reinigungspersonal», schildert Erika Hofer ihre regelmässigen Bittgänge auf das Arbeitsvermittlungsamt – dort wurden die entsprechenden Kontingente verteilt. «Und dann fuhren alle Angestellten aus Italien oder Spanien vor Weihnachten nach Hause, wenn es am meisten zu tun gab.» Die Fachleute aus Deutschland waren jedoch sehr treue, gut ausgebildete Arbeitskräfte. Ein Bäcker habe sogar lebenslänglich bei Hofers unter dem Dach gewohnt. Dort waren auf der einen Seite die Männer, die Bäcker und Confiseure, «auf der anderen Seite die Ladentöchter untergebracht». Und für alle habe es an Weihnachten einen schön geschmückten Tannenbaum gegeben.

Das grosse Standbein Take-away

1987 übernahm dann Sohn Philipp das elterliche Geschäft, Vater Paul Hofer junior hatte es gesehen. «Ich hätte auch keinen Tag mit ihm zusammenarbeiten können», bekennt der Geschäftsinhaber der dritten Generation, seit 25 Jahren tatkräftig unterstützt von seiner Frau Ingrid Spit. Die Zeiten hätten sich total geändert. «In den fünfziger und sechziger Jahren waren ja fast alle Frauen nicht berufstätig. So trafen sie sich regelmässig zum Zvieri im Tea-Room und assen zwei, drei Stück Patisserie», weiss Erika Hofer. Damals habe man vielleicht ein Dutzend Sandwiches produziert, heute sind die Snacks und Menüs zum Mitnehmen für die rasche Mittagsverpflegung das Wichtigste der vielen Standbeine geworden. «Es geht halt fast niemand mehr über den Mittag nach Hause», stellt auch Philipp Hofer fest. «Dafür wird jede Hausfrau, die eine Suppe kocht, zur Konkurrenz.»

So sei das Geschäft heute viel anspruchsvoller geworden, denn beim früheren Wirtschaftswachstum in den goldenen Sechzigern habe das Stammgeschäft jeweils quasi «automatisch» zugelegt. Damals waren am Montag und Sonntagnachmittag Confiserie und Tea-Room noch geschlossen, «heute ist der Siebentage-Betrieb mit den vielen Geschäftszweigen schon sehr belastend».

Denn einfacher hat sich Philipp Hofer das Leben nicht gemacht: Zum Stammhaus am Stalden gesellten sich in den letzten 15 Jahren die Filialen an der Wengistrasse und an der Gurzelngasse. «Diese läuft dank den Frequenzen dort sehr gut. Überhaupt», so der Confiseur, «funktioniert bei uns im Gegensatz zu andern Städten noch der Mix mit Geschäften, Restaurants und Tea-Rooms.»

«Kann auch einfach aufhören»

Der Tüftler Philipp Hofer – derzeit hat er gerade ein süsses «Göiferlätschli» auf den Markt gebracht – findet die Selbstständigkeit an seinem Beruf «genial»: «Du hast nachts eine Idee, wachst am Morgen auf, setzt sie um und hast abends Geld in der Kasse.» Tönt einfach. Doch ob es die Confiserie Hofer nochmals 100 Jahre gibt, steht in den Sternen. «Nun, wir haben drei Söhne. Für jeden Laden einen», meint Hofer lachend.

Doch zwei gehen schon in die Kanti und mit Nachfolge-Lösungen schlägt sich der 57-jährige Geschäftsinhaber gar nicht erst herum. «Ich kann auch einfach aufhören.»
Wer’s glaubt…

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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