Jeder der sechs nominierten Streifen wäre ein würdiger Preisträger. Einem im engeren Sinn politischen Dokfilm wie "Millions Can Walk" über Landlose in Indien sind allerdings wohl höhere Chancen einzuräumen als "Alfonsina", der in starken Bildern von der Lyrikerin Alfonsina Storni (1892-1938) erzählt.

Mit im Rennen sind ausserdem zwei Spielfilme - "Akte Grüninger" und "Viktoria - A Tale of Grace and Greed" - sowie die Dokstreifen "Mon père, la révolution et moi" und "L'escale", die allesamt von Flüchtlingen handeln.

Dass Migration zum dominierenden Thema der 49. Solothurner Filmtage werden würde, hatte Festivaldirektorin Seraina Rohrer bereits im Vorfeld angekündigt. Da die Zugänge der Filmemacher gänzlich unterschiedlich sind, wurde Vielfalt dennoch geboten.

Filmtage als Startrampe

Ufuk Emiroglu etwa reicherte ihre Lebensgeschichte "Mon père, la révolution et moi" mit animierten Szenen an, "Viktoria - A Tale of Grace and Greed" zeigt Zürich aus den Augen ungarischer Prostituierter und Kaveh Bakhtiari entlarvt in "L'escale" eindringlich die Absurdität der europäischen Asylpolitik.

"Akte Grüninger" und "Millions Can Walk" starten bereits am Donnerstag in den Deutschschweizer Kinos, "L'escale" im Februar. Für die drei anderen Filme steht noch kein Startdatum fest.

Der Jury, die über die Vergabe des "Prix de Soleure" zu entscheiden hat, gehören der Schriftsteller Lukas Bärfuss an, die Drehbuchautorin Güzin Kar, die belgische Filmemacherin Chantal Akerman sowie der Soziologe Jean Ziegler.

In der mit 20'000 Franken dotierten Zweitsparte, dem Rennen um den "Prix du Public", muss von einem allenfalls durchschnittlichen Jahrgang berichtet werden. Alle Chancen auf den Titel hat die populäre Romanverfilumg "Der Goalie bin ig", der an den Kinokassen bereits heute ein Erfolg prophezeit werden kann.

Trailer zu «Der Goalie bin ig»

Trailer zu «Der Goalie bin ig»

Jurassier auf Berndeutsch

Auch einige Neuheiten wie das schräge Roadmovie "Milky Way" und die Rocker-Dok "Tino - Frozen Angel" konnten punkten. Dass jedoch der merkwürdig raunende Streifen "Shana - The Wolf's Music" Aufnahme in den Wettbewerb fand, kann wohl nur mit der verzweifelten Suche nach einem Familienfilm erklärt werden.

Trailer zu «Shana - The Wolf's Music»

Trailer zu «Shana - The Wolf's Music»

Etwas irritierend auch ein Entscheid, den die Macher der Westschweizer Komödie "Win Win" trafen: Sie beschlossen nach dem Grosserfolg ihres Films 2013 in der Romandie eine Dialektfassung für das Deutschschweizer Publikum zu erstellen.

Der eigentlich charmante Film beruht auf einer realen Begebenheit und erzählt von einem umtriebigen Politiker, der ein Miss China-Halbfinale ins verschlafene Delsberg holt. In der Dialektfassung, die an den Filmtagen erstmals gezeigt wurde, sprechen die Jurassier nun Berndeutsch - ausgerechnet!

Das Premierenpublikum hätte bei allem Respekt vor der Übersetzungsleistung an einer frankophonen Komödie wohl mehr Freude gehabt. Dank der "Königskategorie" dürften die letzten Filmtage vor dem 50. Jubiläum den Zuschauerinnen und Zuschauern insgesamt dennoch als starke Ausgabe in Erinnerung bleiben.