Stadtbummel Solothurn

Neid, Nebel und das Nichts

Die Altersehrung ist dieses Jahr nicht möglich. (Archiv)

Die Altersehrung ist dieses Jahr nicht möglich. (Archiv)

Hunderte von grauen Häuptern suchen sich ihr Plätzchen im proppenvollen Landhaus-Saal. Es ist Dienstag. Morgen Mittwoch wird sich dasselbe Schauspiel wiederholen. Mann wie Frau hat sich länger nicht mehr gesehen. Mit «Weisch no?» beginnt fast jeder zweite Satz.

Es wird viel gelacht; ein feines Glas Wein lockert die Zungen zusehends. «Unser-aller-immer-noch- Stadtpräsident» Kurt Fluri füttert vorne auf der Bühne die Seniorenschar mit Good News aus der Stadtverwaltung. Solothurn geht es blendend. Nun kommt Häbistock mit Suurem Mocke auf den Tisch. Zum feinen Dessert gibt es noch Unterhaltsames wie einst die Värsli von Sozialamt-Chef und Troubadour Urs Bentz. Dann werden die über 90-Jährigen speziell geehrt.

Ja, so war das aube an der Altersehrung der Stadt Solothurn. Letztmals ganz genau vor einem Jahr. Unvorstellbar, was es damals, vor so langer Zeit noch alles gegeben hat – jedem Virologen stünden heute dabei die Haare zu Berge.

Zu Berge strebt, wer kann. An die Gestade des Nebelmeers. Wer es nicht besser wüsste, vermutet dort unten im grauen Gewaber keine Stadt. Nicht einmal mehr der Güggel des St. Ursenturms ragt aus dem Wattedeckel hervor. Nun, viel wäre von Solothurn auch bei Lichte besehen nicht mehr da. Zumindest in den Häusern und Hallen nicht mehr.

Neid und Nebel liegen nahe beisammen. Neid steigt in einem ehemaligen Stadtredaktor auf, wenn er sich an den Herbst von früher erinnert. War das jeweils ein Stress! Vor Weihnachten sind sie alle gekommen. Die Kulturtäter. Und wollten ihr Plätzchen in der proppenvollen Redaktionsagenda haben.

An einem Wochenende registrierten wir einmal 17 Konzerte, die alle irgendwie registriert sein sollten. Die Knacknuss: zwei Auftritte von Brassbands am Sonntagabend, Konzertbeginn eine halbe Stunde nacheinander. Der eine im Konzertsaal, der andere nebenan in der Reformierten Stadtkirche. Ich glaube, wir schickten damals den einzigen verfügbaren Berichterstatter in der Pause zur Konkurrenz rüber.

Auch ihn gab es vor x Jahren schon. «Alju» nannte er sich, nur «Alju». Er stellte über Nacht zig Väseli mit Rosen auf. Im Museumspark, auf der Kreuzackerbrücke oder auch mit einem Feuerzauber auf dem Chantier lebte er damals seine Installationswut aus.

Und natürlich auch auf dem Amthausplatz, wie aktuell wieder mit seiner auf Facebook arg geschmähten Bettenstation. Ohnehin scheint derzeit die «Platzwut» derzeit zu grassieren. Viele platzen vor Wut über den Potzblitz-Bitz am Postplatz, den Roten Platz oder den nicht so autofreien Klosterplatz. Alle bekommen sie ihren Blätz ab. Unser Tipp: Geht rauf auf den Berg. Und entspannt Euch! Denn da unten liegt es – das Nichts. Lauter Nichts.

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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