Geschichte
Mindere Stadt, Vorstadt, Neu-Solothurn: Das Verhältnis zwischen Vor- und Altstadt ist kompliziert

Das Verhältnis zwischen der Vorstadt und der Altstadt ist kompliziert. Ein Blick in die historischen Quellen geben Aufschluss.

Judith Frei
Drucken
Teilen
Das Quartier Neu-Solothurn entstand zwischen 1895 und 1920 und verbindet den Bahnhof mit der Altstadt.

Das Quartier Neu-Solothurn entstand zwischen 1895 und 1920 und verbindet den Bahnhof mit der Altstadt.

Hanspeter Bärtschi

Konkurrenzverhältnisse und Ablehnungen zwischen verschiedenen Quartieren kennt man aus verschiedenen Städten der Schweiz. In Basel gibt es das komplizierte Verhältnis zwischen Klein- und Grossbasel. In Olten beäugt man sich links und rechts der Aare mit Argwohn und auch in Solothurn gibt die Beziehung zwischen der Vorstadt und der Altstadt immer wieder zu reden.

Ein Blick auf Facebook zeigt, dass es gar eine Vorstadtgruppe gibt, die sich «Neu-Solothurn» nennt und diesen Begriff für die Vorstadt wieder aufleben lassen will. Im Beschreib der Gruppe steht geschrieben: «Die untere Stadt ist die frühere Vorstadt. Die Oberen nannten die Menschen lange, die Minderen, Bauern, Pöbel.»

Lage in Solothurn vergleichbar mit Basel

Schaut man auch nur flüchtig in die Quellen und Geschichtsbücher, dann sieht man, dass dieses komplizierte Verhältnis durchaus auch seine historischen Gründe hat. Die Unterschiede zwischen der Vorstadt und der Altstadt sind nicht nur imaginiert.

Silvan Freddi vom Staatsarchiv des Kantons Solothurn erklärt: «Die Lage in Solothurn ist vergleichbar mit Basel, wo Kleinbasel zum Bistum Konstanz gehörte und Grossbasel zum Bistum Basel.» Seit dem Mittelalter bis um 1815 gehörte die «Mindere Stadt» zum Bistum Konstanz, während die «Mehrere Stadt» Teil des Bistums Lausanne war.

Der Vorstädter ist stolz auf sein Quartier

Doch im Vergleich zu Basel handelt es sich bei Solothurn um eine Kleinstadt. «In der Kleinstadt (...) haben die Vorstädte ein Eigenleben, einen gewissen Stolz auf ihren Stadtbezirk, der ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat vermitteln kann», schreibt der alt Regierungsrat Max Egger im Jahrbuch für Solothurnische Geschichte.

In diesem Aufsatz zeigt er auf, wie die Solothurner Sankt Margrithen-Bruderschaft aus der Vorstadt jedes Jahr die Vorstadt-Chilbi organisiert, welche an die Schlacht bei Dornach im 15. Jahrhundert gegen die kaiserlichen Truppen erinnert. Das sei ein Brauch, in denen der «mehren Stadt» der Rücken zugekehrt wird, erklärt Freddi.

Die Vorstadt ist nicht jünger als die Altstadt. Archäologische Funde bezeugen, dass schon während der Römerzeit auf dem Boden der heutigen Vorstadt gewohnt wurde.

Die «mindron stat» hat keine Herrenhäuser

Seit dem 13. Jahrhundert ist eine sogenannte «Brückenkopfsiedlung» entstanden. Zur selben Zeit entstand auch die Stadtbefestigung, von der heute noch der Krummturm Zeuge ist. 1350 wurde die Vorstadt zum ersten Mal in Quellen erwähnt: Die «mindron stat» – die mindere Stadt. Der Stadtteil links von der Aare wurde als «meron stat» bezeichnet – die mehrere Stadt. Diese Bezeichnung bezieht sich nicht nur auf die Grösse, sondern auch auf die soziale Struktur: In der Vorstadt wohnte das einfachere Volk, das bezeugen die Häuser.

Im Untergeschoss haben viele eine Werkstatt, in den Obergeschossen befanden sich die Wohnräume. Ausserdem befanden sich die meisten Gasthäusern an der heutigen Berntorstrasse, da die Reisenden, die von Süden kamen, dort die Stadt betraten. Eine Papstbulle von 1418 gab dem heutigen Alten Spital gar die ausdrückliche Aufgabe, Pilgern eine Unterkunft zu bieten.

Im alten Teil der Vorstadt gibt es viele Bauten der städtischen Fürsorge: 1296 wurde das erste städtische Spital dort gebaut. Im 18. Jahrhundert entstanden viele neue Institutionen: Das Waisenhaus, Arbeitshaus und Gefängnis stehen allesamt auf dem Boden der Vorstadt.

Neues Quartier zwischen Bahnhof und Altstadt

Wenn man heute am Bahnhof in Solothurn ankommt und Richtung Altstadt läuft, dann spaziert man an Blockrandhäuser vorbei – das Quartier heisst Neu-Solothurn. Entstanden ist es nach 1871, als der Kantonsrat entschied, neben dem Westbahnhof einen zweiten Bahnhof zu bauen, der 1886 fertiggestellt wurde.

Diese moderne Stadterweiterung entstand auf dem Reissbrett, es mussten auch barocke Gebäude – die Kornhausbastion und Viehschanze – dafür weichen. Entstanden ist das Quartier zwischen 1895 und 1920. Begrenzt wird es im Westen vom mittelalterlichen und barocken Teil der Vorstadt, im Norden bildet die Aare die Grenze, im Süden die Bahnlinie und im Osten die Grenze zu Zuchwil.

Historisch und funktional korrekter Name

Der Begriff Neu-Solothurn konnte sich für dieses Quartier nie durchsetzen. Heute ist er im Alltagsgebrauch weitgehend verschwunden, nur in der Fachliteratur wird dieser Name noch verwendet, wenn das Quartier im oben erwähnten Rayon beschrieben wird.

Erich Weber, Konservator des Museums Blumenstein, weist zudem darauf hin, dass Teile der Vorstadt gleich alt sind wie die Altstadt und so die Bezeichnung Neu-Solothurn nicht geeignet sei für die ganze Vorstadt. «Der Name Vorstadt ist historisch und funktional korrekt und nicht abwertend», sagt Weber abschliessend.