Uhrenbranche
Inder drehen Favre-Leuba den Geldhahn zu — Solothurner Traditionsuhrenmarke vor dem Ende?

Erst Anfang Oktober hat die Solothurner Uhrenmarke Favre-Leuba seine neue Werbekampagne («Trust yourself») lanciert. Nun wird bekannt, dass die indischen Besitzer das Vertrauen in das Favre-Leuba-Projekt verloren haben. Sie drehen den Geldhahn zu.

Sébastian Lavoyer
Merken
Drucken
Teilen
2011 erwarb die indische Titan Company (gehört zur milliardenschweren Tata-Group) mit Favre-Leuba die zweitälteste Uhrenmarke der Schweiz. Rund 2 Millionen Euro sollen die Inder für die Markenrechte bezahlt haben.

2011 erwarb die indische Titan Company (gehört zur milliardenschweren Tata-Group) mit Favre-Leuba die zweitälteste Uhrenmarke der Schweiz. Rund 2 Millionen Euro sollen die Inder für die Markenrechte bezahlt haben.

Hanspeter Bärtschi

Schluss, Ende, genug. Wir müssen sparen. Zu diesem Schluss muss der Verwaltungsrat der indischen Titan Company gekommen sein. Auf jeden Fall haben die Inder letzte Woche das Management von Favre-Leuba angehalten, die Geschäftstätigkeit per sofort so weit zu drosseln, dass weitere Investments von Titan in den Standort Schweiz sobald wie möglich nicht mehr erforderlich sind. So schreiben es indische Newsportale, so bestätigen es Insider.

Das überrascht, denn hinter Titan steckt die Tata Group, der grösste indische Konzern überhaupt, Jahresumsatz über 100 Milliarden US-Dollar, rund 650'000 Mitarbeitende in mehr als 80 Ländern. Seit 150 Jahren ist der Konzern im Besitz der Tata-Familie. Vijesh Rajan, ehemaliger CEO von Favre-Leuba, sagte im Oktober 2019 gegenüber dieser Zeitung, die Philosophie von Tata sei immer schon nachhaltig und langfristig ausgelegt gewesen. Und: «Etwas, das ich sehr mag, an diesem Unternehmen ist die Tatsache, dass man keine Angst hat, zu scheitern. Scheitern ist eine Quelle des Lernens.»

2019/20: Verlust von sieben Millionen Franken

Was genau zum krassen Strategiewechsel geführt hat, bleibt vorerst unklar. Sicher ist, dass der Verwaltungsrat der Titan Company noch im Frühjahr 2020 entschied, am 2018 verabschiedeten Vierjahres-Business-Plan festzuhalten. Und der sah während dieser Periode Investitionen von rund 21 Millionen Franken vor bis Ende 2022.

Ebenfalls kein Geheimnis ist, dass Favre-Leuba seit seiner Wiederlancierung durch die Inder nie Gewinne geschrieben hat. Die zweitälteste Uhrenmarke der Schweiz erlebte ihre Blüte zu Beginn der 60er-Jahre, geriet aber durch das Aufkommen von Quarzuhren 1969 in Schieflage und fiel der Quarzkrise zum Opfer. Rund 30 Jahre später begann mit dem Kauf der Markenrechte die Wiederbelebung von Favre-Leuba: Rund zwei Millionen Euro sollen die Inder einer spanischen Familie für die Rechte bezahlt haben.

Die erste Favre-Leuba aus indischer Hand kam 2016 in Japan auf den Markt. Im letzten Geschäftsjahr (Abschluss per 31. März 2020) verkaufte Favre-Leuba Uhren im Wert von knapp 870'000 Franken. Demgegenüber standen Werbeausgaben von über 4,5 Millionen Franken. Es resultierte ein Verlust von über 7 Millionen Franken.

Inwiefern der Abgang von Vijesh Rajan mit diesem Verlust zusammenhing, ist unklar. Fakt ist, dass im März 2020 der Walliser Philippe Roten von Rajan übernahm. Man begründete Rajans Abgang mit einer einmaligen Gelegenheit, die ihm Titan bot, seit Anfang Jahr ist er Leiter der Schmuckabteilung.

Philippe Roten wurde mitten in der Corona-Krise neuer CEO von Favre-Leuba.

Philippe Roten wurde mitten in der Corona-Krise neuer CEO von Favre-Leuba.

Oliver Oettli Photography Gmbh / Solothurner Zeitung

Also gabs für die traditionsreiche Uhrenmarke mitten in den schlimmsten Coronawirren einen neuen Chef. Roten sprach kurz nach seinem Amtsantritt von den goldenen Tagen von Favre-Leuba, dass man in Indien in den 60er-Jahren 600 000 Uhren pro Jahr verkauft hätte. Das ist lange her, aber, so Roten damals: «Die Tata Group hat Grosses vor und ist finanziell sehr potent.»

Fokus auf Indien wegen der Coronakrise

Doch es kam Corona. Und die Einschätzungen änderten sich. «Im Frühling konnte man das Ausmass der Krise noch nicht abschätzen», sagt Philippe Roten jetzt. Man hatte noch die Hoffnung, dass man die Krise irgendwie in den Griff bekommt. Doch nun geht Titan offenbar davon aus, dass sich der Luxusmarkt und das Reiseverhalten der Konsumenten massgeblich verändern werden durch Corona. «Sie rechnen damit, dass es zwei bis drei Jahre dauert, bis wir in diesen Segmenten wieder einigermassen von Normalität reden können», erklärt Roten.

Deswegen werden die Geschäftstätigkeiten in der Schweiz heruntergeschraubt. Was heisst das? Die Geschäftsstelle in Solothurn wird geschlossen. Aber «es bedeutet nicht das Ende von Favre-Leuba», betont Philippe Roten. Denn Titan plant offenbar, sich während dieser ungewissen Zeit auf den Heimmarkt Indien zu konzentrieren und alle globalen Tätigkeiten einzustellen. Einzig im Bereich Uhrenservice/Reparaturen Einzig im Bereich des Uhrenservice/Reparaturen soll die Kundschaft weiterhin international bedient werden.

Wie es für die zehn Mitarbeitenden weitergeht, ist ungewiss. Einige könnten ein Angebot bekommen, weiterhin für den Konzern in der Schweiz tätig zu sein. Überrascht hat der Entscheid alle. Die Verkäufe hätten – trotz Corona – zugenommen. Roten: «Ich war sehr zufrieden mit der Entwicklung, wir hatten sehr positive Resonanz von der Uhrenpresse und verschiedenen Partnern.»