Vorstadt

In einem Rundgang wird das Vorurteil «mindere Stadt beseitigt»

Martin Tschumi (hellblaues Hemd) führt eine der sechs Gruppen durch die sich entwickelnde Vorstadt.

Martin Tschumi (hellblaues Hemd) führt eine der sechs Gruppen durch die sich entwickelnde Vorstadt.

Der Präsident von «Pro Vorstadt» hatte zu einem Rundgang durch die Gassen, Beizen und Dachgeschosse eingeladen. Weit über 300 Anmeldungen trudelten ein, 180 Interessierten aus dieser Flut musste Tschumi absagen.

Die Zeiten, in denen sich die Vorstädter gegen den Titel «Mindere Stadt» zur Wehr setzen mussten, sind wohl vorbei. Martin Tschumis Erfahrung der vergangenen Tage stützt diese Vermutung allemal. «Nach dem ersten Inserat im Anzeiger haben wir die Werbung ganz eingestellt.» Denn Tschumi musste beinahe 200 Leuten eine Absage erteilen, weil schon so viele Anmeldungen für den eingetroffen waren.

«Es geht hier nicht nur um die Vorstadt», lässt Tschumi verlauten, «sondern um die Dynamik, mit der sich Vorstadt entwickelt.» Auch Käthi Kammer aus Etziken ist unter den Spaziergängern: «Betreibst Du Werkspionage?», ruft ihr jemand neckisch zu. Kammer ist Stadtführerin, drückt den Sachverhalt aber diplomatischer aus: «Ich hole Inspiration für meine Führungen.» Während nämlich der Fokus der offiziellen Stadtführungen überwiegend auf das Solothurn nördlich der Aare gerichtet ist, wittert sie auch hier fruchtbaren Boden. Dem Altstadt-Zentrismus wirkt die Führung an diesem lauen Abend entgegen. «Die Konkurrentin ‹Vorstadt› ist im Kommen», stellt Kammer fest.

«Schoggiseiten» statt Russfassade

Auf der Berntorstrasse hält Tschumi, der eine der sechs Gruppen anführt, inne: «25 000 Autos fuhren einst täglich hier durch, die Fassaden waren schwarz.» Die Schliessung der Wengibrücke sei eine Chance gewesen. Tschumi verweist auf die sanierten Liegenschaften «Adler» und «Ochsen» – und die sonstigen Ecken, die sich thematisch in einen abendfüllenden Rundgang packen lassen. Als Neuzugang in der Vorstadt gilt Christoph Kellerhals vom «Zum Chregu», der sich der vergessenen Traditionsküche widmet.

Im Thai Sunshine Restaurant wird die Besucherschar vom Personal mit gefalteten Händen und einem Lächeln empfangen. Emsig werden Visitenkarten verteilt, und es sind nicht die letzten an diesem Abend. Ingwer-Tee und Massage-Gutscheine gibts bei «Sén Thai» neben dem Dornacherplatz. Sawarin Onsanit begrüsst die Schar mit nicht weniger Höflichkeit als man sie zuvor im Restaurant angetroffen hat: «Wir sind seit drei Jahren hier. Viele fragen sich, was wir hier tun – und wir können versichern: Wir sind seriös.»

Der Blick hinter die Kulissen lässt Vorurteile bröckeln, während diese andernorts erhalten bleiben: «Das da lassen wir wohl aus», ruft eine Teilnehmerin und zeigt auf den Nachtclub gegenüber. «Obwohl reinschauen würde ich gern mal», verrät sie. Und wenige Meter weiter, gleich neben der Bistro-Bar Capitol, wo die Rundgänger ebenso warm empfangen werden, ein weiteres Etablissement. Ja, die Rotlichtszene  – «auch dafür muss es Platz haben in der multikulturellen Vorstadt», so Tschumi.

Ein bisschen PR gefällig?

Doch wenn von Wandel die Rede ist, ist mehrheitlich was anderes gemeint. In der ehemaligen Kebab-Beiz «Vorstadt-Buffet» und der gegenüberliegenden Ladenfläche stehen neue Pläne an – und Verträge kurz vor dem Abschluss: «Doch mehr kann ich dazu im Moment auch nicht sagen», so Tschumi. Andernorts herrscht schon mehr Klarheit. So gewährt er einen Einblick in die Liegenschaft zwischen «Adler» und «Ponte del Sole», die er vor einiger Zeit als Konkursobjekt ersteigert hatte. Dort sollen zusätzliche Hotelzimmer für den «Roten Ochsen» gegenüber entstehen. Unten im Ladenlokal präsentiert Anja Reber vegane Degustationsmuster  – inmitten einer Baustelle.

Ihr «grüeni Chuchi», die 100 Prozent pflanzliche Produkte verkauft, soll im November ihre Pforten öffnen. Vorstadt-Häppchen als Wegbrot geniessen die rund 140 interessierten Spaziergänger auch anderswo: zum Beispiel im indischen Restaurant «Lucky». Vis-à-vis des Rossmarktplatzes haben sich Cornelia und Alexandra Gerber mit ihrem Laden «Geschenkvoll» niedergelassen. Cornelia Gerber streckt den Besuchern ein Geschenksäckli entgegen. Am etwas anderen (Vor)stadtrundgang sei auch ein bisschen PR gestattet. In ihrer Schmuckmanufaktur zeigt Mirjam Hauri wertvolle Schätze, während Senta Strausak unter dem Titel «Lieblingsstücke» Oldie-Objekte der Dreissiger- bis Siebzigerjahre feilbietet. Als «5moms» fertigen Nicole Wettstein und Rahel Hasenfratz farbenfrohes, kindgerechtes Handgemachtes, «das längst nicht nur für Kinder ist», so Wettstein.

Wohnraum gehört auch dazu

Und dann gehört auch eine gesunde Portion Voyeurismus zum Rundgang. David Adam, der als Bauleiter in der Schwanengasse mehrere Dachgeschosse saniert, gewährt Zugang zu bald fertiggestellten Lofts, wo vorhin bestenfalls Stauraum zu finden war. Ergo: Die Vorstadt hält nicht nur fürs «Gschäfte», sondern auch fürs Wohnen Raum bereit. Oder für Kultur, wie ein Blick in Peter Lukas Meiers Rothus-Halle zeigt – gleichermassen wie in Tahira Catherine Rihs’ Bewegungsraum, wo die Kleinen in einem Tanzkurs durch den Spiegelsaal hüpfen.

Über die Vielfalt der Vorstadt und ihren Angebotsmix freut sich auch Bürgergemeindepräsident Sergio Wyniger, der sein Büro im Unteren Winkel hat: «Es ist wunderbar, wie die Vorstadt prosperiert – und wie dies bei den Menschen reges Interesse weckt.»

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