Obwohl von den Literaturbeflissenen nachsichtig belächelt und von den Literaturtagen gänzlich ignoriert, kommen beim Stöbern im Kabinett für sentimentale Trivialliteratur immer wieder literarische Schätze zum Vorschein. Die Stifterin, Lotte Ravicini-Tschumi, hat bei der Sammlung Wert darauf gelegt, die Emanzipation der Frauen in der Literatur aufzuzeigen und Bücher von Frauen für Frauen sichtbar zu machen.

Benedikte Naubert schrieb anonym

Vor zweihundert Jahren starb die zu ihren Lebzeiten viel gelesene Schriftstellerin Benedikte Naubert, und im gleichen Jahr wurde der heute noch bekannte Theodor Fontane geboren. Das Kabinett verfügt sowohl über Werke von der Naubert als auch von Fontane. Allerdings wusste die Leserschaft der Romane von Naubert nicht, wer sie geschrieben hat. Denn die Schriftstellerin veröffentlichte sie anonym. Erst zwei Jahre vor ihrem Tod wurde durch eine Indiskretion ihr Name bekannt, worauf sie ihren letzten Roman «Rosalba» mit Namen zeichnete.

Das Kabinett besitzt die zweibändige Erstausgabe ihres ersten Romans «Heerfort und Klärchen – Etwas für empfindsame Seelen», erschienen 1779 bey Johann Philipp Reiffenstein, Frankfurt und Leipzig. Tatsächlich fehlt der Autorenname. Es handelt sich dabei um eine Liebesgeschichte aus der damaligen Gegenwart. Für die Literatur ist die Naubert allerdings durch ihre historischen Werke interessant. Sie hat es nämlich als erste Autorin verstanden, geschichtliche Wahrheiten mit erfundenen Handlungen zu verknüpfen.

Da ihre Werke auch ins Englische übersetzt wurden, soll Walter Scott sich davon inspiriert haben. Der Publizist Christian Gottfried Körner schrieb über die Naubert: «Alle diese Produkte scheinen von einem Manne und von keinem mittelmässigen Kopfe zu seyn.» Er ahnte nicht, dass sie von einer Frau stammten.

Friedrich Schiller liess sich inspirieren

Nauberts historische Romane hatten vielfach den Dreissigjährigen Krieg als Hintergrund. Sicher kannte Friedrich Schiller diese Romane, als er sich an die «Geschichte des Dreissigjährigen Krieges» und an seine Wallenstein-Trilogie machte. Die Figur der Thekla entspricht der Heldin in Nauberts Roman «Geschichte der Gräfin Thekla von Thurn» (1785), sogar die Ohnmachtsszene hat Schiller in sein Drama übernommen. Naubert schrieb den Schauerroman «Graf Rosenberg». Bei Schiller heisst der Stallmeister der Thekla Rosenberg.

Daniele Vecchiato, Ravicini-Preisträger 2015, schreibt in seiner Dissertation «Verhandlungen mit Schiller»: «Der Vergangenheitsroman von Benedikte Naubert unterscheidet sich deutlich vom Antiken- oder Ritterroman und sticht dabei als Novum in der literarischen Landschaft des späten 18. Jahrhunderts hervor.» Sie hat es übrigens auch verstanden, in ihren historischen Romanen einen Bezug zur Gegenwart aufzustellen. So ist denn in «Die Warnerin» die Rede von der Gefahr einer ausländischen Heirat. Kurz nach der Schlacht bei Jena geschrieben, bezog sich dies natürlich auf die französische Besetzung Deutschlands.

Fontane in der «Gartenlaube»

Im ersten Stock des Kabinetts steht ein Biedermeier-Nähkästchen. Dieses erinnert an den Ort, in welchem Effi Briest die geheimen Liebesbriefe aufbewahrte. Der Roman selber liegt auf dem Möbel. Die Verbindung des Kabinetts zu Fontane hat sich schon in verschiedenen Veranstaltungen niedergeschlagen.

So erfolgte im Kabinett eine Einführung in die neueste Kinofassung des Romans «Effi Briest», dann rezitierte die Schauspielerin Cornelia Lindner Ausschnitte aus dem Roman mit verbindenden Zwischentexten und schliesslich referierte die Germanistin Beatrice Wolf-Furrer über «Die Funktion der Landpartien in Fontanes Romanen». Im 19. Jahrhundert war es üblich, dass die Schriftsteller ihre Werke zuerst in Zeitungen oder Zeitschriften als Fortsetzungsromane veröffentlichten. Deshalb dürfen die beiden Romane Fontanes, welche in der «Gartenlaube» erschienen sind, als Erstveröffentlichungen gelten. «Unterm Birnbaum» erschien 1885 in den Nummern 33 bis 41 und erst anschliessend als Buch. (Die Gartenlauben-Ausgaben sind nicht datiert.)

Das Jahr 1890 bringt gleich in der ersten Nummer eine Würdigung des Schriftstellers anlässlich seines 70. Geburtstages im Vorjahr und beginnt mit dem Abdruck des Romans «Quitt». Hier steht ganz deutlich «Nachdruck verboten». Die Buchausgabe erschien erst ein Jahr später. Bis zur Nummer 11 erfreute Fontane die Leserschaft der Gartenlaube mit dieser Geschichte. Vorgänger von Fontanes «Unterm Birnbaum» war der Fortsetzungsroman «Unruhige Gäste» von Wilhelm Raabe, und nachher war es «Edelweisskönig» von Ludwig Ganghofer. Ein Beweis auch für die Vielseitigkeit der Zeitschrift, welche einen zentralen Platz in der Sammlung des Kabinetts belegt.