Vom lateinischen Wort «motus», das «bewegt» bedeutet, stammt der musikalische Gattungsbegriff «Motette», der den alljährlich im September mehrstimmig und zumeist unbegleitet gesungenen Chorkonzerten der Singknaben den Namen verleiht.

Diesmal hatte der seit neun Jahren tätige musikalische Leiter Andreas Reize drei Werke von barocken Altmeistern zehn Kompositionen aus der Gegenwart gegenübergestellt.

Das «Miserere mei, Deus» von Gregorio Allegri (1582–1652) und das geistliche Werk «An den Wassern zu Babel» von Heinrich Schütz (1585–1672) wurden in Doppelchören von den Altar-nahen Seitenbalkonen vorgetragen.

Diese in ihrem Zusammenklang bewundernden Auftritte liessen von der Höhe herab den Kirchenraum in seinen sphärischen Dimensionen erleben.

Eingeleitet in die Neuzeit wurde der Wechsel mit «Media Vita» des jetzt 52-jährigen Iren Michael McGlynn. Zum rhythmischen Impuls von Trommelschlägen schritt der gesamte Chor singend durch den Mittelgang in den Altarraum.

Der Norweger Ola Gjeilo, geboren 1978, der in «Northern Lights» dem arktischen Lichtspiel so berauschende Klangfarben verliehen hat, gestaltete sein «Prelude» als Rahmenhandlung mit filigranem Mittelteil. Ihm widmete der Chor zum Konzertende die im Tonumfang frei schweifende Zugabe mit herausragendem Sopransolo.

Dreifach im Programm vertreten war der Engländer Patrick Hawes, geboren 1958, der sich in seiner Musiksprache mit den aktuell 2014 geschriebenen «Reflexionen» für Chor, Saxofon und Tanz vorstellte.

Sechs Tänzerinnen aus Olten

Mit dosiertem, feinsinnigem Ton beteiligten sich hier die junge russische Saxofonistin Victoria Mozalevskaya und sechs Tänzerinnen aus dem von Rosmarie Grünig geleiteten Dance Studio Olten. Aus Musik und klassischen Ballettformen mit Spitzentanz entstand eine gefällige Synthese, die titelgemäss zu Begegnung und zum vertieften Nachdenken anregte.

In ihrer duftigen Tanzbekleidung eroberten die jungen Frauen den Mittelgang der Kirche, um den entfernter sitzenden Zuschauenden einen Eindruck – auch ohne erhöhtes Podium – zu vermitteln.

Ihre anmutigen Bewegungen kamen in den beiden weiteren Hawes-Kompositionen, im «Prayer to a guardian Angel» und im «Quanta Qualia», in blauer Ausstattung mit Effekten des Modernen künstlerischen Tanzes zum Ausdruck. Zuvor sprach ihr Auftritt gemeinsam mit dem Chor zur Komposition «Ave Maris Stella» des 53-jährigen Tessiner Tondichters Ivo Antognini die Herzen an.

Hier hatten sie sich in griechische Priesterinnen verwandelt. Dazwischen gestaltete der Chor ein «Ave Maria» aus dem Jahr 1915 des nicht ganz zeitgenössischen Sergei Rachmaninow, der an Grundzüge aus der russischen Musik erinnerte. Gleichfalls eingebettet war eine Komposition des Kanadiers Thomas Juneau, «Exsultate Justi in Domino».

Spontanen Beifall und viel Schmunzeln im Publikum erregte der quirlige, choreografisch rassig aufgemachte Beitrag «Chili von Carne» des Schweden Anders Edenroth (*1963). Das offizielle Programm endete mit einem 2013 geschriebenen Arrangement des Engländers Jim Clements «Wade in the Water», in dem sich Chor und Tänzerinnen singend und tanzend mit Jazzelementen verabschiedeten.

In Würdigung des gesamten Konzertverlaufs ist hervorzuheben, dass die Singknaben stimmlich und technisch virtuos allen Anforderungen entsprachen und so ihre Lust am Gesang vermittelten. Die Tanzgruppe, die das Geschehen visuell erweiterte, trug in Interpretation der Klangschönheit zu einem künstlerischen Gesamtbild bei, in dem Grenzen verfliessen.