Bichsel in jung, Bichsel von heute, Bichsel in Gedanken. Bereits nach wenigen Tagen ihres Artist-in-Residence-Aufenthalts im Alten Spital hat Annemarie Laner einen grossformatigen Entwurf mit Porträt-Skizzen des Solothurner Schriftstellers in Arbeit. Peter Bichsel und seinem Lebenswerk schenkt die Südtiroler Künstlerin während ihres Aufenthalts im Atelier im Alten Spital derzeit ihre ganze Aufmerksamkeit.

Es ist eine erste Annäherung, ein erstes grafisches Brainstorming, um dem Schriftsteller und seinem Schaffen zu begegnen. «Gastaufenthalte bieten Kunstschaffenden vor allem die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum hinweg konzentriert an einem Thema zu arbeiten», sagt Laner.

«Auch der Zufall braucht eine Chance»

«Literarische Bezüge und die Annäherung an Literatur mit bildnerischen Mitteln sind Konstanten in meinem Werk», sagt Laners. Relativ früh lernte sie auch das Schaffen von Bichsel kennen. «Punktuelle Motive seiner Kurzgeschichten und Kolumnen, seine prägnante Erzählform und Sprachmelodie und sein Hang zur ‹literarisch kleinen Form› werden nun zu meiner konkreten Auseinandersetzung.»

Die intensive Arbeit vor Ort wird in einer Werkschau Anfang Oktober im Künstlerhaus S11 in Solothurn gezeigt werden. «Das ist eine Herausforderung. Bis dahin müssen nicht nur die Arbeiten, sondern auch das Konzept für die Ausstellung stehen. Voraussichtlich wird es eine Spiegelung meiner inhaltlich-thematischen Auseinandersetzung und Annäherung einerseits und dem assoziativem Zugang andererseits sein.» Derzeit sind Arbeiten auf Papier und installative Werke im Entstehen. «Und auch der Zufall braucht eine Chance, dem Projekt zuzuarbeiten und etwas für mich zu tun.»

«Erzählen hat mit Zeit zu tun»

Auf einer Endlos-Rolle aus Backpapier protokolliert Laner unterdessen ihre Bilder im Kopf, schreibt Gedanken nieder und hält die Zeit fest. «Erzählen hat mit Zeit zu tun, wie Peter Bichsel immer wieder anmerkt.» Hier seien vielleicht die Parallelen zu erkennen. «Mir ist Bichsel durch seine leise-subversive Tonlage und die ganz eigene Art des Erzählens präsent. Literarische Kleinode, in denen der Effekt des Spektakulären keinen Raum hat.»

Sein Schaffen nimmt sie als literarische Miniaturen wahr, so wie sie auch die bildende Kunst kennt. Miniaturen, die, zusammengenommen, ein Gesamtwerk durch die Zeit bilden. «Und auch im kleinen Format, das in der Häufung raumgreifende Wirkung zeigt», sei eine Nähe zum Werk Bichsels vermutbar. «Zumindest möchte ich diesem Sachverhalt auf die Spur kommen.» So hat Laner in einem früheren Zyklus unter dem Titel «One a Day» rund 1200 Blätter auf handgeschöpftem Papier geschaffen. «Im Zentrum stand damals die Frage: Wie empfinde ich den Fluss der Zeit, wenn ich ihn an einer täglichen, ritualisierten Handlung wie einer Zeichnung festmache? Darin lag Suchtpotenzial: Was als Ein-Jahres-Projekt geplant war, zog sich über drei Jahre hin.»

Jetzt ergibt sich die Chance der Annäherung an das Werk Bichsels im Kontext zu Solothurn. «Der Blick aus dem Atelierfenster auf die Aare und das unablässige Fliessen des Wassers kommt dem Entstehungsprozess und meinem Vorhaben entgegen.»

«Zeichnen hat durchaus einen sinnlichen Aspekt»

Seit vielen Jahren ist das Schaffen von Laner auf Grafik, auf Zeichen und Zeichnen ausgerichtet. Die Nähe der Begriffe zeigt sich unter anderem darin, dass das Altgriechische für beides nur ein Wort kennt – Graphéin. «Ich bin keine Malerin», sagt sie selbst, «aber Zeichnen hat durchaus einen sinnlichen Aspekt.» Auch das Ausloten von Materialien, wie Carnaubawachs, Blei, Papier oder Draht ist für Laner wesentlich und spiegelt sich in ihren Wandarbeiten, Objekten und Rauminstallationen wider.

Die Ausstellung im Künstlerhaus S11 wird am 4. Oktober um 19 Uhr eröffnet.