Solothurn

Eine Singschule, die auch Lebensschule ist — der Mädchenchor feiert das 20-Jahr-Jubiläum

Die Singschule Mädchenchor Solothurn feiert das 20-Jahr-Jubiläum mit einem klangvollen Programm und blickt zurück.

20 dicht gepackte, ereignisreiche Jahre der Freundschaft und des Chorgesangs liegen zwischen der Geburtsstunde des Solothurner Mädchenchors und heute. Es sind 20 Jahre, die der aus 70 Mitgliedern und vier Teilformationen bestehende Chor heuer ausgiebig und wohlverdient feiert. Rückblende: Peter Scherer, damaliger Leiter der Singknaben, war es, der im Jahre 2000 den Wunsch hegte, auch sangesfreudigen Mädchen das Erlebnis zu ermöglichen, das es für Buben bereits seit 1200 Jahren gab. Seine Tochter Lea Pfister-Scherer, die damals zu den ersten Sängerinnen zählte und den Chor heute zusammen mit Eva Herger leitet, erinnert sich: «Wir waren ein Zwanziger-Grüppli, einige meiner Freundinnen und Schwestern von Singknaben waren dabei.»

Neben kleineren Auftritten und Gottesdiensten bestritt man als Begleitchor die grösseren Singknaben-Projekte. Pfister erinnert sich an Bachs Johannespassion, Haydns Theresienmesse oder an Mozarts Requiem und jährlich jeweils das Weihnachtssingen, das man bis 2010 gemeinsam bestritt.

Eine neue Leiter- Generation trat an

2007 löste Lea Pfister-Scherer zusammen mit Hannah Wirth-Willimann ihren Vater als neues Leiterduo ab. «Da ich im Rahmen meines Chorleiter-Studiums an der Basler Hochschule für Musik ohnehin ein Chor-Mandat vorweisen musste, kam mir das gelegen.» Bereits im Vorfeld hatten sie und Wirth immer mehr Aufgaben übernommen, gerade auch in den damaligen Sommer-Singlagern. Nach und nach emanzipierte sich der Mädchenchor zur unabhängigen Formation und fand 2011 einen eigenen Proberaum, nachdem man jahrelang jenen der Singknaben mitbenutzen konnte. «Was folgte, war eine ‹Tour des Eglises›, die bei der reformierten Kirchgemeinde endete», erinnert sich Lea Pfister heute.

Lea Pfister-Scherrer Co-Leiterin

Lea Pfister-Scherrer Co-Leiterin

Und noch heute proben die Sängerinnen des Mädchenchors in den Gemeinschaftsräumen der Stadtkirche, aber als konfessionsunabhängige Formation. «Die Kirchgemeinde ist Hauptsponsor. Daraus ergibt sich, das wir auch an Gottesdiensten gesanglich mitwirken können – willkommene Auftrittsgelegenheiten», so Pfister. Die Verbundenheit zur Kirche zeigt sich überdies am Umstand, dass der Mädchenchor viele sakrale Werke im Repertoire führe.

Die eigenen grossen Konzert-Würfe

Ab 2008 war man soweit, jährliche Grossprojekte durchzuführen, begonnen mit Karl Jenkins‘ epischem Chorwerk «Adiemus». In «Le Grazie Verde» (2010) widmete sich der Chor der musikalischen Tradition der venezianischen Ospedale-Mädcheninternate, wie er es auch heuer im Jubiläumsjahr tun wird (siehe Kasten). In besonderer Erinnerung bleibt das Schweizerliederprojekt «Du fragsch was i möcht singe» von 2014, bei dem der Chor im Trachtentenü auftrat und das mit einer CD-Aufnahme im Folgejahr abgerundet wurde. Ebenso ziert die 2016 im Rahmen des Programms «Sirenen und Seefahrerinnen» aufgeführte Auftragskomposition «Anthemoessa» von Roman Kündig die Chorchronik. Und 2017 brillierten die älteren Sängerinnen mit «Recycling Gloria» im Attisholz-Areal, währenddem sich die jüngeren Sängerinnen in «Mazeltov» der jiddischen Musikliteratur zuwandten. Auch Schmunzel-Anekdoten blieben Pfister lebhaft in Erinnerung: als 2013 in der überhitzten Hermesbühl-Aula beim «Festmusik und Partytunes»-Programm das Cembalo plötzlich derart verstimmt war, dass man vom «Festmusik»- abrupt zum «Partytunes»-Teil übergehen musste.

Wie sich der Chor weiterentwickelt hat

Seit 2017 als Co-Leiterin mit dabei ist Eva Herger, die Hannah Wirth-Willimann fliessend abgelöst hat. Sie war als Sängerin des Zürcher Jugendchors auf den Solothurner Mädchenchor beim Kinder- und Jugendchorfestival in Zürich aufmerksam geworden. Jahre später zeigte sie sich begeistert, wie sich die Formation über die Jahre entwickelt hatte. «Und so entschloss ich mich zurückzugeben, was mir als Chorsängerin an Erlebnissen geschenkt wurde.»

Eva Herger Co-Leiterin

Eva Herger Co-Leiterin

«Es gibt einem extrem viel, so mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten», ergänzt dazu Lea Pfister. «Es ist schön zu sehen, wie die Gemeinschaft zusammenwächst und wie Musik für die älter werdenden Mädchen und jungen Frauen immer mehr Teil des Alltags wird.» Die gemeinsam geteilten Erinnerungen aus den früheren Sommer-Singlagern, den jeweiligen Chorreisen – beispielsweise nach London, nach Chartres oder ans «Europa cantat»-Festival in Tallinn – und natürlich den Bühnenerlebnissen runden dieses Gemeinschaftsgefühl ab. «All dies schlägt sich im Chorklang, in der Qualität und in der stetig wachsenden Freundschaft zwischen den Sängerinnen nieder.» Und als Ergebnis attestiert Pfister den jungen Solothurnerinnen ein ausnehmend gutes Musikgehör. «Dass die Sängerinnen sich und andere gut wahrnehmen können, ist eine wichtige Fähigkeit fürs ganze Leben.» Denn die Singschule Mädchenchor Solothurn, wie die Institution ab dem Jubiläumsjahr 2020 neu heisst, ist auch eine Lebensschule – für zahlreiche Mädchen und junge Frauen, die hier in Solothurn das Singen lieben gelernt haben.

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