Kantorei Solothurn
Ein klingendes und gleichzeitig kostbares Ostergeschenk

Die Kantorei trat mit der Komposition von Urs Joseph Flury namens «The Frozen People», einer Passionsmusik von Christoph Demantius und der fünfteiligen Partita d-moll von Johann Sebastian Bach auf.

Gundi Klemm
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HO

Zu kirchlichen Feiertagen und darüber hinaus beschenkt die 1989 gegründete Kantorei der reformierten Stadtkirche Musikfreunde alljährlich mit kostbar und erfindungsreich gestalteten Konzerten.

Ein aussagekräftiges Beispiel für diese thematisch weit gefassten geistlichen und weltlichen Musikereignisse, die Kantorei-Leiter Markus Cslovjecsek und seine 25 Sängerinnen und Sänger mit Einsatz, Hingabe und beeindruckender Stimmsicherheit erarbeiten, bildete dieses Passionskonzert vor den Ostertagen.

Neues wagen

Bei jeder der Kantorei-Aufführungen spürt man die Lust, Neues zu wagen. Als Uraufführung bot sich die Komposition von Urs Joseph Flury an für gemischten Chor, Violine und grosse Glocken, gestützt auf ein Gedicht des amerikanischen Autors Truman Nelson (1911-1987).

Unter dem Titel «The Frozen People» betrachtet er aus persönlicher Erfahrung eine erkaltete Menschheit, der das innere Feuer abhanden gekommen ist und die vergessen hat, wie sich Leben wirklich anfühlt. Urs Joseph Flury hat daraus einen mehrstimmigen Chorsatz geschaffen, der musikalisch die sprachliche Dramatik der Worte mit den der Neuromantik nahstehenden Klangformen unterstreicht.

Solistisch eingefügt ist neben sparsamen Akzenten von grossen Glocken die Violinstimme – gespielt von Flury-Freund Alexandre Dubach – die als «Seelenmelodie» von frostiger Stimmung zu beglückender Wärme führt.

Die Osterpassion

Christoph Demantius (1567-1643), ein Komponist der Vorbarockzeit aus Böhmen, schrieb die Musik zu diesem Bericht über Jesu Leidenszeit als bis zu sechsstimmiges a cappella-Chorwerk. Berichtet wird darin über Judas Verrat, die spürbare Manipulation des Volkes, die Feigheit des Petrus, über das Sterben Christi am Kreuz und die aufwühlenden Emotionen auf allen beteiligten Seiten.

Demantius bedient sich einer spannungsreichen, die Dichte der Beziehungen schildernden Tonmalerei, die wechselseitig prägnant die Rollen in den beeindruckend sicher agierenden Stimmgruppen der Kantorei-Chormitglieder aufteilte. Ein berührend, nachhaltiger Eindruck!

Dazu trug die in ihren Teilen in die Passion eingefügte «Partita d-Moll» für Violine solo von Johann Sebastian Bach (1685-1750) bei. Alexandre Dubach, bekannt und gewürdigt als Meister seines Fachs, verlieh dem auf den Tanzrhythmen Allemande, Courante, Sarabande und Gigue gründenden und technisch anspruchsvollen Werk den zauberhaft Bachschen Geist und Charakter.

Nach der fürs Zuhörer-Verständnis wichtigen Wiederholung von «The Frozen People» interpretierte Dubach als letzten Teil der Partita die berühmte «Chaconne». Im begleitenden Konzertheft war als Erläuterung zu lesen, dass Bach mit dieser, die Spielmöglichkeiten der Violine ausreizenden Komposition, den Tod seiner Ehefrau Maria Barbara zu verarbeiten suchte.

Wie viel Aufbegehren, wie viel Widerspruch und Trauer sprechen aus dieser leidenschaftlichen Musik, die gegen Ende aber ein friedvolles Einverständnis mit dem Schicksalsschlag erleben lässt. Vielleicht ist der Verzicht auf weiteres Hadern wie in dieser symbolhaften Chaconne auch die individuelle Lehre aus diesem Konzert und aus Ostern als wichtigem Fest der Christenheit.

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